Lenzburg
Eine zahnlose Mini-Schnecke wird gerettet

Zum ersten Mal im Aargau wurde die Zahnlose Schliessmundschnecke gefunden. Sie hat es geschafft, dass die alte Kastanie an der Bahnhofstrasse in Lenzburg ein zusätzliches Gnaden-Jahr erhält.

Sabine Kuster
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Bevor die Kastanie gefällt wird, sammelt der Natur- und Vogelschutzverein die bedrohte Schneckenart ein. Entdeckt hat sie der Zürcher Schneckenspezialist Peter Müller (hinten mit orangefarbener Jacke)..JPG

Bevor die Kastanie gefällt wird, sammelt der Natur- und Vogelschutzverein die bedrohte Schneckenart ein. Entdeckt hat sie der Zürcher Schneckenspezialist Peter Müller (hinten mit orangefarbener Jacke)..JPG

Sabine Kuster

Es ist ein kleines Drama. Klein auch, weil die Hauptdarstellerin nur acht Millimeter gross wird. Sie trägt den schönen Namen Zahnlose Schliessmundschnecke und hat es geschafft, dass eine alte Kastanie an der Bahnhofstrasse in Lenzburg ein zusätzliches Gnaden-Jahr bekommt.

Eigentlich hätte der Baum schon im vergangenen Winter gefällt werden sollen, da er am Absterben ist und die Äste Passanten gefährden. Doch der Zufall wollte es, dass ein Mann aus Zürich mit seinen Kindern das Schloss Lenzburg besuchte und an der Markierung des Baumes sah, dass dieser gefällt wird. Er blieb stehen und schaute genauer hin, denn er ist Zoologe, genauer: Schneckenspezialist.

Und tatsächlich: Zwischen der zerfurchten Rinde des Kastanienbaumes entdeckte er eine Zahnlose Schliessmundschnecke. Für den Kanton Aargau ist das eine kleine Sensation, denn der letzte bekannte Nachweis dieser schweizweit gefährdeten Schneckenart ist mehr als hundert Jahre alt und stammt aus Baden. «Im gesamten Mittelland, im Jura und den Voralpen sind die Bestände dieser Schnecke in den 70er-Jahren zusammengebrochen», sagt Peter Müller. So heisst der Zürcher Schneckenspezialist. Dies sei geschehen, weil das Heizöl damals zu viel Schwefel enthielt und dadurch die Flechten abstarben, von denen sich die Zahnlose Schliessmundschnecke ernährt.

Blinder Passagier von Vögeln

Nun hat sich die Lage offenbar gebessert. Ob die kleine Schnecke überlebt oder sich neu angesiedelt hat, ist nicht klar. Dass sie hier neu ist, wäre zumindest möglich: Sie ist über den halben Globus verbreitet, sogar in Irland kommt sie vor. Transportiert wird sie vermutlich seit Urzeiten als blinder Passagier von den Vögeln. Sie gehört also nicht zu jenen invasiven Tierarten, die sich erst verbreiten, seit der Mensch mit Schiffen und Flugzeugen die Welt umrundet. Und selbst wenn, würde es niemandem auffallen – ausser Peter Müller.

Er machte die Stadt Lenzburg und die Abteilung für Umwelt beim Kanton Aargau darauf aufmerksam, dass die altersschwache Kastanie von einem Weichtier auf der Roten Liste bewohnt wird. Eigentlich hätte die Stadt den Baum deshalb erhalten müssen – was wegen der Gefährdung der Passanten aber nicht möglich ist.

Handeln muss die Stadt aber. Nun wird die Umsiedlung versucht. Peter Müller hat die Schlossburgallee und die Region Lütisbuech in Lenzburg als für geeignet befunden. Auch in den Ritzen der Trockenmauern des Schlossbergs sollen sie neu heimisch werden. Der Natur- und Vogelschutzverein Lenzburg übernimmt diese Arbeit und wird die Kastanie bis im Herbst an je einem Regentag im Monat nach dem Winzling absuchen.

Im nächsten Winter soll die Rosskastanie definitiv gefällt werden und die Holzreste sollen an den ausgewählten Standorten deponiert werden, damit die unentdeckten und nicht eingesammelte Schnecken die Umsiedlung dann eventuell selbst noch schaffen.

Und was, wenn nicht? «Wenn sich die Standorte als nicht geeignet erweisen, werden wir uns überlegen, ob wir den Baum auf ein Minimum stutzen können, bis die Umsiedlung gelingt», sagt der Leiter der Abteilung Tiefbau der Stadt Lenzburg, Christian Brenner.

Nicht ganz gratis

Der Natur- und Vogelschutzverein sammelt die Tiere unentgeltlich ein. Der Einsatz der Stadtmitarbeiter und das vorsichtige Abholzen werden, zusammen mit einem Bericht von Müller zuhanden des Kantons, auf total rund 5000 Franken zu stehen kommen. Kanton und Stadt teilen sich die Kosten hälftig. Die Umsiedlungsaktion ist für Peter Ulmann, stv. Werkhofleiter, eine interessante Abwechslung. Er sagt: «Mit Schnecken habe ich sonst nichts zu tun – ausser wenn sie unsere Grünpflanzen fressen.»

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