Lenzburg

«Eine Sensation»: Mauer-Sanierung beim Schloss legt alten Taufstein frei

Bei den Sanierungsarbeiten an der Ringmauer von Schloss Lenzburg kam ein alter Taufstein zum Vorschein. Archäologe Peter Frey schätzt, dass der historische Fund zirka 600 Jahre alt ist. Der Stein gibt aber auch ein Rätsel auf.

«Das ist einmalig im Kanton Aargau, das hat es bisher noch nicht gegeben. Dieser Fund ist eine kleine Sensation.» In den Worten von Peter Frey, Leiter Mittelalterarchäologie beim Kanton, schwingt die Begeisterung deutlich mit. Respektvoll streicht er über ein brunnenartiges Steingebilde, auf dessen Aussenwand Verzierungen eingemeisselt sind.

Das historische Stück wurde genau vor einer Woche gefunden. Es kam bei den seit Anfang Jahr laufenden umfassenden Sanierungsarbeiten an der Ringmauer von Schloss Lenzburg (siehe Box unten) ganz zuhinterst im barocken Garten in unmittelbarer Nähe der drei Fahnenstangen zutage.

Erste Untersuchungen haben nun gezeigt, dass es sich um einen Taufstein handelt. Doch was dessen Alter anbelangt, ist sich Frey noch nicht ganz schlüssig. «Die Formen der Verzierungen deuten auf einen gotischen Ursprung hin. Das könnte spätes 15. oder frühes 16. Jahrhundert bedeuten», mutmasst er. Damit wäre der gefundene Taufstein also rund 600 Jahre alt.

Bagger ist auf «Granit» gestossen

Bauführer Jeremias Zuckschwerdt von der Zuckschwerdt Bau AG, Staufen, stiess als Erster auf das historische Objekt. Er erinnert sich. «Für die Entwässerung der Mauer habe ich mit dem Bagger entlang der Mauer einen Graben freigelegt. Plötzlich sind die Zähne der Baggerschaufel buchstäblich auf Granit gestossen.

Anhand des Widerstandes war deutlich zu erkennen, dass es sich um etwas Grösseres handeln musste.» Zuckschwerdt, Spezialist für historische Bauten, wusste aus Erfahrung: Jetzt ist Vorsicht angebracht. Das hiess Baggerschaufel mit Maurerkelle tauschen und sorgfältig von Hand weitergraben, um allfällige unnötige Beschädigungen zu vermeiden. Zudem bestehe in solchen Fällen die Gefahr, dass das Objekt bei der Bearbeitung auseinanderfallen könnte, weiss Zuckschwerdt.

Im historischen Umfeld arbeiten die Baufachleute Hand in Hand mit der zuständigen Kantonsarchäologie. Dieser war schon bald einmal klar, dass der jüngste Fund etwas ganz Besonderes bedeutete.

Muschelkalk aus der Region

Weshalb auf der Lenzburg ein Taufstein vergraben wurde, gibt Peter Frey ein Rätsel auf. «In diesem Umfeld würde man niemals einen derartigen Fund vermuten.» Nicht mehr benötigte Taufsteine wurden früher üblicherweise in der Kirche vergraben. Und eine Kirche hatte es auf der Lenzburg nicht, die Schlossherren zu Lenzburg besuchten den Gottesdienst auf dem Staufberg.

Frey kann deshalb nur Mutmassungen anstellen. «Es ist gut möglich, dass einer der amerikanischen Millionäre ihn irgendwo gekauft hat», und meint damit August Edward Jessup und die Familie Ellsworth, Besitzer der Lenzburg von 1849 bis 1956.

«Der Stein ist aus Muschelkalk und stammt demnach sehr wahrscheinlich aus der Region», folgert Frey. Er zieht auch andere und historisch viel bedeutungsvollere Hintergründe zum jüngsten Fund in Betracht. So hätten die Habsburger eine Zeit lang geliebäugelt, Schloss Lenzburg zu ihrem Sitz zu machen.

Zur Aufwertung des Sitzes hätte die Heirat Friedrichs II. mit einer italienischen Prinzessin beitragen sollen. In diesem Fall wäre auch eine eigene Kirche auf dem Schlosshügel angebracht gewesen. Doch Friedrich starb, bevor es zur Heirat kam, und eine Kirche wurde ebenso wenig gebaut.

Handgranate als zweiten Fund

Nach stundenlanger Kleinstarbeit konnte der Taufstein schliesslich aus rund 60 Zentimeter Tiefe vorsichtig aus der Erde gehoben werden. Bei einem Durchmesser von 92 Zentimetern und einer Höhe von 65 Zentimeter musste dafür wieder der Bagger zu Hilfe genommen werden. Allerdings war der Stein zuvor mit Manschetten gut geschützt worden.

Der Katalog mit den offenen Fragen rund um den jüngsten Fund auf der Lenzburg ist umfangreich. «Deren Beantwortung ist nun Sache der Kunsthistoriker», sagt Archäologe Frey. Der Taufstein steht unmittelbar bei der Fundstelle im barocken Schlossgarten.

Dass er bei Nacht und Nebel abtransportiert werden könnte, ist kaum zu befürchten: Der Stein hat ein geschätztes Gewicht von etwa 800 Kilogramm. Frey rechnet jedoch damit, dass das Museum Aargau den Fund später dem Publikum zugänglich machen wird.

Die Grabungen an der Schlossmauer haben mit einer rund 7,5 Zentimeter grossen Handgranate ein weiteres einmaliges Objekt freigelegt. Es wiegt etwa zwei Kilogramm. Archäologe Peter Frey schätzt, dass das Geschoss aus dem 17./18. Jahrhundert stammt.

Meistgesehen

Artboard 1