Niederlenz

Eine Scheidung ohne Gewinner und Verlierer

Seit 21 Jahren ist die Reformierte Kirchgemeinde selbstständig. Foto: HH.

Seit 21 Jahren ist die Reformierte Kirchgemeinde selbstständig. Foto: HH.

Die Reformierte Kirchgemeinde gedachte am Sonntag der Trennung von der Staufberg-Mutterkirche vor 21 Jahren.

Die Tochter war schon reif, selbstbewusst und verfügte über einen eigenen Hausstand, als sie die Mutter endgültig verliess und sich selbstständig machte. Trotzdem – wer lässt sein Kind schon gerne ziehen, vor allem, wenn es seinen Anteil am Unterhalt von gemeinsamem Hab und Gut redlich zahlt. So ging die Trennung der Reformierten Kirchgemeinde Niederlenz von der Mutterkirche Staufberg vor 21 Jahren nicht geräusch- und reibungslos von statten. Wenn jetzt dieses Jubiläum gebührend gefeiert wurde, so im Sinne der Genugtuung über die gelungene Eigenständigkeit. Sieger oder Verlierer gibt es – aus zeitlicher Distanz gesehen – in dieser «Scheidung» keine.

Einst Mutter mit vielen Töchtern

Zur Staufberg-Kirchgemeinde, gegründet von den Grafen von Lenzburg im 11. Jahrhundert, gehörte einst eine Grosszahl von umliegenden Gemeinden. Allmählich machten sich die Dörfer selbstständig, ab 1602 blieben nur Schafisheim und Niederlenz. Mit dem Wachstum der Bevölkerung wurden die Infrastrukturen ausgebaut. Die Errichtung eines eigenen Friedhofs in Niederlenz 1876 und die Gründung eines kirchlichen Gemeindevereins könnten als erste Schritte in Richtung Unabhängigkeit gedeutet werden. Dieser sammelte Geld für den Bau einer Kirche – zusammen mit der Bildung einer Kirchgemeinde Voraussetzung für eine Spende von 100000 Franken der Schweizerischen Leinenindustrie. Das Gotteshaus wurde 1949 eingeweiht.

Kirche ins Dorf

Die Organisation einer Kirchgemeinde mit drei Kirchen, zwei Pfarrern und diversen Gremien bot Reibungsflächen. Den Stein ins Rollen brachte die Pfarrwahl, als die Reformierten von Niederlenz «ihren» progressiven Seelsorger Andreas Moor abwählten, die Glaubensgenossen von Staufen und Schafisheim jedoch dafür sorgten, dass das Gesamtresultat trotzdem positiv ausfiel.

In dieser Situation stiess der Antrag, mit einem neuen Pfarrer und der Abtrennung vom Staufberg «die Kirche wieder ins Dorf bringen» auf gutes Echo. 1986 beauftragte die Kirchgemeindeversammlung die Kirchenpflege mit der Ausarbeitung der Grundlagen für eine Ablösung. Die Aufteilung der Infrastruktur, der Bauten und der Finanzierung für deren Sanierungen, des Vermögens und der personellen Ressourcen gab zu teils heftigen und emotionalen Diskussionen unter den Nachbargemeinden Anlass: «Die Staufner Befürchtungen kämen ihr vor wie die Angst der Eltern, ihre mündige Tochter zu entlassen, weil sie auf das Kostgeld verzichten müssen», brachte eine Votantin einst das Problem auf den Punkt.

Was faktisch schon seit Jahren vollzogen war, wurde an der ausserordentlichen Kirchgemeindeversammlung vom 11. September 1988 formell vollzogen. Am Sonntagmorgen um 11.30 Uhr verkündeten die Niederlenzer Kirchenglocken den «Sieg der Separatisten». Der Entscheid fiel eindeutig mit 291 gegen 13 Stimmen; 351 Stimmberechtigte nahmen an der Versammlung teil, davon 258 aus Niederlenz, 61 aus Staufen und 32 aus Schafisheim. Offiziell ging man ab 1990 eigene Wege.

Die Niederlenzer Kirche war letzten Sonntag zur Gedenkfeier sehr viel besser besetzt als sonst, als Kirchenpflegepräsidentin Elisabeth Känzig die Meilensteine auf dem Weg zur Selbstständigkeit aufzählte und Pfarrer Marcel Horni die Kenntnis der Geschichte als Voraussetzung zum Verständnis der Gegenwart und Hilfe zur Bewältigung der Zukunft betonte. Nach der von Kurt Jufer (Klarinette) und Ruth Wildi (Orgel, Klavier) beschwingt und besinnlich musikalisch umrahmten schlichten Gedenkstunde genoss die Festgemeinde den von der Ortsbürgergemeinde gestifteten Apéro. Beim Museum am Stierenweg wurden Dokumente aus den Geschichten der beiden Institutionen präsentiert und Yvonne Rodel, Präsidentin der Museumskommission, übergab der Kirchgemeinde zum bereits gefeierten Jubiläum 60 Jahre Kirche ein von Monika Gubler, Auenstein, gemaltes goldfarbiges Gemälde: ein «Lichtblick».

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