Lenzburg

Eine letzte Runde auf dem Riesenrad, dann geht die Ära zu Ende

Sibylle Lichtensteiger auf dem Riesenrad. Im Hintergrund das alte Zeughaus, wo das Stapferhaus die Ausstellungstore bald für immer schliessen wird.Sandra Ardizzone

Sibylle Lichtensteiger auf dem Riesenrad. Im Hintergrund das alte Zeughaus, wo das Stapferhaus die Ausstellungstore bald für immer schliessen wird.Sandra Ardizzone

Das Stapferhaus in Lenzburg liess sich von der mangelhaften Infrastruktur im alten Zeughaus nicht stoppen und reihte 15 Jahre lang eine gut besuchte Ausstellung an die andere. Jetzt ist Schluss, die blinkenden Lichter am Riesenrad sind ein Abschied.

Die Hälfte ihres Lebens hat die heutige Leiterin im Stapferhaus verbracht. Und dabei die Entwicklung der Institution mitbegleitet und zunehmend geprägt.

Als junge Studentin der Geschichte und Germanistik hat die heute 48-jährige Sibylle Lichtensteiger beim Stapferhaus angeheuert. Das war 1994. Damals führte sie Besucher durch die erste Ausstellung über das jüdische Mädchen Anne Frank.

1998 wurde sie wissenschaftliche Mitarbeiterin, seit 2002 ist sie für das grosse Ganze verantwortlich – zuerst in Co-Leitung mit Beat Hächler (heute Direktor des Alpinen Museums Schweiz in Bern), seit 2012 allein.

Sibylle Lichtensteiger wohnt mit ihrer Familie in Zürich und fährt mit dem Zug jeden Tag nach Lenzburg. Ist sie des Pendelns noch nicht müde geworden? «Nein», sagt sie und lacht.

Zudem fahre sie gerne mit dem Velo vom Bahnhof bis an den Fuss des Schlosshügels und steige die Treppe zu den Büroräumen des Stapferhauses hoch, sagt sie, ein willkommenes Fitnessprogramm. Nie sei ihr dieser Weg mühsam erschienen.

Hingegen habe sie die Distanz zur Ausstellung im Westen der Stadt aus einem anderen Grund manchmal als belastend empfunden. «Es ist mir jeweils vorgekommen, als wenn wir in zwei Welten arbeiten würden. Im Zeughaus drehte sich alles um die laufende Ausstellung. Und wir auf dem Schloss haben uns bereits mit der Zukunft auseinandergesetzt.»

Die Chefin hätte sich gerne öfter an der Front in der Ausstellung aufgehalten. Mit dem Wechsel ins neue Stapferhaus beim Bahnhof wird sich das nun ändern.

Keine Verlängerung

Lichtensteiger weiss genau: Beim Stapferhaus ist man vom Erfolg verwöhnt. Die bisherigen Ausstellungen haben Besucherrekorde erzielt: eine um die andere. Auch die jüngste, «Heimat», reiht sich in diesen Reigen ein.

«Heimat» war von Beginn weg eine Ausstellung der Superlative. Fulminant gestartet mit über 1000 Besuchern allein an einem Wochenende, werden bis zum Ende der Ausstellung in drei Wochen gegen 90 000 Personen (davon über 1200 Schulklassen) registriert sein.

Rückblick: Im letzten März wurde die Ausstellung «Heimat» eröffnet

Eine Verlängerung, wie bei den bisherigen Ausstellungen, kommt in diesem Fall nicht infrage: Das Merkmal der Ausstellung, das 32 Meter hohe Riesenrad, wird woanders gebraucht. «Ohne Riesenrad fehlt der Ausstellung die Ikone auf dem Zeughausareal», erklärt Lichtensteiger.

Doch bevor das Riesenrad abgebaut wird, gibt es für die Lenzburger Bevölkerung noch eine Überraschung: Am Samstag, 24. März, darf eine Runde Riesenrad gefahren werden. Das sei als ein kleines Dankeschön an die ganze Stadt gedacht, welche das riesige blinkende Rad ein ganzes Jahr lang ertragen hat.

Wenn die Lichter des Riesenrades erlöschen und «Heimat» seine Türen schliesst, so geht für die Stapferhaus-Verantwortlichen nicht nur eine weitere Ausstellung zu Ende, sondern eine ganze Ära.

Lichtensteiger spricht von «einem doppelten Abschiednehmen». Das alte Zeughaus ist Vergangenheit. Die nächste Ausstellung findet im neuen Stapferhaus statt. Ab Ende Oktober wird erstmals das im Bau befindliche neue Haus vis-à-vis dem Bahnhof Lenzburg bespielt.

An Grenzen gestossen

Fürs Foto setzt sich Sibylle Lichtensteiger in eine Riesenradgondel, das Rad fängt an zu drehen und setzt sich langsam in Bewegung – auch ein Höhenflug, wenngleich ein etwas anderer.

Dabei gleitet ihr Blick über das Ausstellungsgelände beim alten Zeughaus. Hier hat das Stapferhaus in den vergangenen 15 Jahren seine Ausstellungen aufgebaut. In diesem Haus stecke «extrem viel Herzblut und Engagement» der Ausstellungsmacher, sagt Lichtensteiger.

Ursprünglich als Provisorium gedacht, ist das Zeughaus mit den Jahren mangels Alternative zum Providurium geworden. Doch das alte Gebäude mit seiner unzureichenden Infrastruktur hatte viele Tücken und hat die Stapferhaus-Verantwortlichen gefordert.

«Wir sind in dieser extrem an Grenzen gestossen», erzählt Lichtensteiger. Beispielsweise dann, wenn die Temperaturen über 30 Grad stiegen und die Technik den Geist aufgab deswegen.

Ein ebenso grosses Handicap war die fehlende Rollstuhlgängigkeit des Hauses. «Die steigende Professionalität der Ausstellung und der Betrieb sind diametral auseinandergedriftet», sagt Sibylle Lichtensteiger.

Trotzdem ist von Wehmut die Rede, wenn sie an das bevorstehende Ende eines bedeutungsvollen Abschnitts in der Stapferhaus-Geschichte denkt.

Ab Herbst im Neubau

Nichtsdestotrotz freut sich die Chefin darüber, dass im neuen Stapferhaus beim Bahnhof alle unter einem Dach vereint sein werden: die Ausstellung selber und ihre Macher. Lichtensteiger weiss aber auch, dass das neue Haus mit der professionellen Infrastruktur auch die Ansprüche an die künftigen Ausstellungen nach oben schrauben wird.

Und sie warnt vor der Erwartung, dass die Höhenflüge auch in Zukunft anhalten werden und das Stapferhaus nur eine Richtung kennt – nach oben. «Man hat kein Abo auf Erfolg. Auch wenn man Erfolg hat, darf man das Bewusstsein nicht verlieren, dass auch Scheitern möglich ist.»

Das neue Haus wird in wenigen Monaten mit einer Ausstellung zum Thema «Fake», über Wahrheit und Lüge, eröffnet. Ein Thema, das auf der persönlichen wie gesellschaftlichen Ebene relevant ist – für Sibylle Lichtensteiger deshalb ein «klassisches Stapferhaus-Thema».

Eines zudem, das auch für das Stapferhaus selber zentral ist: Denn die Frage, was das Stapferhaus als «Wahrheit» annimmt und setzt, treibt das Team bei jeder Ausstellungskonzeption von neuem um.

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