Wenn eine Gemeinde einen Wachstumskurs einschlägt, wer kommt dann? Drei Neo-Lenzburger von besonders weit weg sind Ezahn Bueraheng (37) aus Thailand, Flavio Brant Alvim (38) aus Brasilien und Valerio Menon (31) aus Italien. In zehn Jahren haben sie aus einem Projekt, das mit einer zertrümmerten Kochpfanne begonnen hat, ein KMU mit vier Angestellten gemacht. Doch der Reihe nach: Der Thailänder Ezahn ist schon seit gut acht Jahren hier, der Liebe wegen: Seine Frau ist Lenzburgerin. «Als ich hierhergezogen bin, versuchte ich, mit meinem Abschluss in Kunstdesign eine Stelle zu finden, musste aber bald einsehen, dass die Unterschiede zwischen meinem asiatischen Abschluss und einem europäischen einfach zu gross sind», schildert Ezahn seinen schwierigen Start. Er landete in der Arbeitslosigkeit. «Ich hatte viel Zeit. Eines Tages sah ich in Basel einen Strassenmusikanten auf einer Handtrommel spielen und war sofort fasziniert», sagt er. Er konnte partout nicht herausfinden, wo er so ein Instrument kaufen kann. «Also habe ich zu Hause eine Küchenpfanne genommen und versucht, sie in die Form einer Handtrommel zu hämmern – sie klang beschissen», sagt er und muss lachen. Wo andere aufgegeben hätten, blieb Ezahn dran: Endlich hatte er wieder ein Ziel vor Augen. Also probierte er aus, hat gebaut, wieder verworfen, neu entwickelt. Werkzeuge, Materialien und Verarbeitungsmethoden wollten gefunden werden. Drei Jahre ging das so, dann produzierte er eine erste Serie von 25 handgemachten Trommeln.

2013 war Flavio dazugestossen. Auch er, Video-Produzent aus Brasilien, hatte sich in eine Schweizerin verliebt und zog gemeinsam mit ihr ausgerechnet in dieselbe Wohngenossenschaft wie Ezahn. «Als ich es im Keller hämmern und musizieren hörte, schaute ich vorbei», sagt Flavio. Bald darauf waren die beiden gemeinsam am Werken. Ihre ersten Trommeln haben sie an lokale Musiker verkauft, Mundpropaganda sorgte für die übrigen Kunden. Und Ezahn kam sein Grafikstudium doch noch zugute: Er entwickelte ein Logo für seine Trommeln, «eines, das heraussticht, wollte ich haben», sagt er. Kreiert hat er einen goldenen Ring, der von einem grösseren zweiten umfasst ist. Simpel, schön, kann man sich merken. Und sie haben ihrer Manufaktur einen Namen gegeben: Echo Sound Sculptures. Gleichzeitig zogen die beiden mit dem Geld aus dem Verkauf ihrer 25 ersten Instrumente in eine kleine Werkstatt an der Lenzhardstrasse, eingepfercht zwischen dem Busdepot von Regionalbus Lenzburg und der Autobahn.

Bestellungen für drei Jahre

Mit ihrem ersten Verkaufserfolg und einem hübschen Logo im Rücken haben sie Videos ins Internet gestellt, eine Website aufgebaut und angefangen, Bestellungen anzunehmen. «Und dann gings los», erzählt Flavio. Die Mails kamen immer schneller herein, aus der ganzen Welt, die Liste der Bestellungen wurde länger und länger. Und das bei Preisen um die 3000 Franken pro Trommel. Immer wieder tauchten auf der Liste Namen von Musikern auf, die sie kennen und bewundern, etwa Manu Delago, Drummer von Björk. Schon kurz darauf mussten sie verkünden, dass sie keine weiteren Bestellungen mehr entgegennehmen können, auf unbestimmte Zeit. «Drei Jahre haben wir gebraucht, um die Bestellungen abzuarbeiten», sagt Flavio. Einige hundert waren es gewesen, wie viele genau wissen sie nicht, haben sie nie gewusst. Sie sind Kreative, Macher und keine Buchhalter, sagen sie. Deshalb haben sie inzwischen auch Christian angestellt, einen Schweizer, der sich um das Büro kümmert.

Das bekannte Duo Hang Massive verwendet fast ausschliesslich Trommeln aus Lenzburg:

Vom Bastler zum KMU

Vor etwa zwei Jahren stösst schliesslich auch Flavio zum Team. Er reiste lange als Musiker um die Welt, bis ihm die Reiserei zu viel wurde. Um weiterhin mit Handtrommeln arbeiten zu können, fing er an, sich zum Stimmer auszubilden, und fragte bei Echo Sound Sculptures an, ob er bei ihnen weiterlernen dürfe. Sie machten einen Deal. Ezahn und Flavio bilden Valerio aus und er hilft ihnen im Gegenzug, wo er kann. Inzwischen ist auch er fester Bestandteil des Unternehmens.

Heute dauert die Herstellung einer Handtrommel zwei bis drei Wochen, wobei stets mehrere Dutzend Instrumente parallel in Produktion sind. Die jungen Männer nennen ihr Instrument nun Asachan (sprich «Asatschan»): «Wir mögen den Begriff Handtrommel nicht, weil unsere Instrumente viel hochwertiger sind, raffinierter», sagt Ezahn. Weltweit gebe es etwa fünf gute Manufakturen solcher Trommeln. Angst vor grossen Produzenten haben sie keine. «Das ist kein Massenmarkt, der für die interessant wäre», sagen sie. Und doch ist er so gross, dass sie früh entscheiden mussten, ob sie die Nachfrage nutzen wollen, um die Produktion zu beschleunigen.

Bei den Besten der Welt

Doch sie entschieden sich dagegen. Ein Asachan sollte das hochqualitative, handgefertigte Produkt bleiben, das es war. «Made in Lenzburg», sagt Ezahn. Er ist stolz darauf, seine Trommeln hier bauen zu können. Auf ihrer Website werben sie mit einer kleinen Schweizer Fahne: «Made in Switzerland».

Im Estrich über ihrer Werkstatt haben sie den «Living Room» eingerichtet, eine kleine, heimelige Konzertbühne für Handtrommler. Einmal im Monat findet hier ein Konzert im intimen Rahmen statt, vor 20 bis 50 Gästen. «Aus dem Aargau haben wir jeweils nur drei, vier Gäste», sagt Flavio. «Die übrigen kommen von überall. Aus der ganzen Schweiz und sogar dem benachbarten Ausland fahren sie nach Lenzburg, um bei uns ein Konzert zu besuchen», erzählt er. Echo Sound Sculpture ist zur bewunderten Marke geworden. Und nicht nur die Gäste kommen. «Wer gut spielen kann, will bei uns auftreten», sagt das Trio selbstbewusst. Sie lachen verschmitzt. Aus der ganzen Welt wollten die Musiker zu ihnen kommen. Und würden oft nervös, wenn sie in dem intimen Rahmen auftreten: Denn von den 50 Zuschauern können ein Dutzend oder mehr als Experten angesehen werden. «Das ist etwas ganz anderes als auf der grossen Bühne», sagt Ezahn. Aus der ganzen Welt, die Besten der Besten? Das mag übertrieben klingen. Aber wer auf Youtube geht, merkt schnell: die Handtrommeln der erfolgreichsten Musiker, die ein Millionen-Publikum begeistern? Fast alle aus Lenzburg.

Keine Handtrommel aus Lenzburg, sondern eine aus Deutschland, verwendet Kate Stone in diesem kurzweiligen Stück: «Urban»:

Konzertmitschnitt von Sam Maher, einem der bekanntesten Künstler der Szene, aus der Living Room Session in Lenzburg:

Wegen Videos wie diesem aus der New Yorker U-Bahn gilt er als einer der besten Spieler der Welt: