Lenzburg

Eine junge Frau trotzt dem Fachgeschäft-Sterben

Urs F. Meier und seine Nachfolgerin Livia Seelhofer in den neu gestalteten Räumen des Fachgeschäfts, das neu als Wohnatelier Meier geführt wird.

Urs F. Meier und seine Nachfolgerin Livia Seelhofer in den neu gestalteten Räumen des Fachgeschäfts, das neu als Wohnatelier Meier geführt wird.

Livia Seelhofer übernimmt am 1. Oktober das traditionelle Innendekorationsgeschäft von Urs F. Meier

«Sie war vor elf Jahren meine letzte Lehrtochter und ist während der Ausbildungszeit fast ein wenig wie eine Tochter für mich geworden», sagt Urs F. Meier über seine Nachfolgerin Livia Seelhofer. Er schmunzelt und blickt anerkennend zu seinem Gegenüber. Die junge Frau lächelt und nickt zustimmend.

Im Gegensatz zu andern Gewerbelokalen in der Altstadt werden in Urs F. Meiers Fachgeschäft für Innendekoration in der Aavorstadt nach dem Ausscheiden des Patrons die Lichter nicht ausgehen. Meier, mittlerweile 74-jährig, hat die Nachfolge geregelt. Die geeignete Person für den Familienbetrieb, den sein Urgrossvater, Sattler Daniel Rohr, vor 137 Jahren gegründet hatte, war für Meier eine Herzensangelegenheit. Just 40 Jahre, nachdem er, mit der Meisterprüfung als Innendekorateur in der Tasche, den Betrieb gemeinsam mit seiner Frau Erika übernommen hat, gibt er die Verantwortung nun weiter. In jüngere Hände. Jemanden zu finden, dem er das Lenzburger Traditionsgewerbe anvertrauen wollte, sei nicht so einfach gewesen, gesteht Urs F. Meier. Ein Dienstleister müsse es sein durch und durch. Mit guten Umfangsformen. Und verschwiegen. «Bei Beratungsgesprächen beim Kunden daheim, erhält man unter Umständen Einblick in dessen tiefste Privatsphäre.» Kann man also annehmen, dass Urs F. Meier in so manches Lenzburger Schlafzimmer gesehen hat? Er lacht, sagt kurz und bündig: «Diskretion ist oberstes Gebot.»

Sie ist Wunschnachfolgerin

Urs F. Meier betrachtet es fast ein wenig als Wink des Schicksals, dass seine ehemalige Lehrtochter, von einem längeren Auslandaufenthalt wieder in die Heimat zurückgekehrt, ihn kontaktierte. Das war im Frühling vor einem Jahr. «Ich wusste sofort, weshalb sie mich anruft.» Er habe immer ein wenig auf sie gehofft, drängen wollte er sie jedoch zu keiner Zeit.

Anders, als in seiner Jugend, als der kinderlose Onkel in der Familie seines Bruders nach einer Nachfolge für das mittlerweile auf Tapeten und Wandbehängen spezialisierte Geschäft suchte. Urs F. Meier hatte keine Wahl, nachdem keiner seiner Brüder Interesse gezeigt hatte. Statt einer Ausbildung zum Kunsthistoriker ging er halt zum Onkel in die Lehre und trat später in dessen Fussstapfen. Rückblickend sei es ein guter Entscheid gewesen, meint er. Sein Faible für Geschichte, Kultur und Kunst könne er als Präsident des Ortsbürger-Museums Burghalde ausleben.

Keine Angst vor den Grossen

Die 27-jährige Livia Seelhofer tritt kein einfaches Erbe an. Sie sei sich dessen bewusst, sagt die in Hendschiken aufgewachsene junge Frau. Als sie vor elf Jahren bei Urs F. Meier die Lehre machte, war die Belegschaft noch um einiges grösser als jetzt. Diese Entwicklung sei der Verdrängung durch aufkommende Grossverteiler und dem damit zusammenhängenden Preisdruck geschuldet. Doch der kleine Familienbetrieb hat dem harten Gegenwind in der Branche die Stirn geboten. So will es auch Livia Seelhofer in Zukunft weiterhin tun. Mit viel Leidenschaft. «Ich will den Menschen ihre Wohnträume erfüllen.»

 Die junge Fachfrau ist überzeugt, dass ihr eigenes Herzblut für das Handwerk sich auch auf die Kunden überträgt. Sie kommt ins Schwärmen. «Gibt es etwas Schöneres, als einen alten Polstersessel mit neuem Stoff zu überziehen und dabei Rücksicht auf dessen Herkunft und Entstehung zu nehmen? Oder einen Raum mit neuen Farben und Möbeln zu gestalten? Menschen die Verwirklichung einer lang ersehnten Veränderung in ihrem Heim zu ermöglichen?»

Personal wird übernommen

Die neue Geschäftsführerin will die Tradition weiterführen, ohne den Innovationsgeist missen zu lassen. Für die Öffentlichkeit bemerkbar macht sich dies durch die Umfirmierung auf Wohnatelier Meier. Das Ladenlokal hat sie nach eigenen Vorstellungen neu gestaltet. Livia Seelhofer kann auf die Unterstützung von Barbara Gurini, seit 22 Jahren in Administration und Verkauf tätig, und einer weiteren Mitarbeiterin in der Werkstatt zählen. Und natürlich auf den Rat Urs F. Meier. «Nur wenn sie mich braucht», präzisiert er. 

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Kann Urs F. Meier nach so vielen Jahren überhaupt loslassen? Meier macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. «Natürlich ist es nicht einfach. Doch Livia Seelhofer muss ihren eigenen Weg gehen.»

Zu den leeren Lokalen in der Altstadt sagt er: «Ein Laden kann nur existieren, wenn dort auch eingekauft wird.» Wenn einer dort keine Existenz habe, so müsse sich der Konsument selber an der Nase nehmen.

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