Tanja Fögele verteidigt die Hausgeburt mit Verve. Ihr erster Satz überrascht nicht: «Gebären ist das Natürlichste auf der Welt», sagt sie. Natürlich brauche es bei schwierigen Schwangerschaften und Geburten die Hilfe der Medizin, aber heute scheine es manchmal, dass frau ohne medizinische Kontrollen und Eingriffe kein gesundes Kind bekommen könne.

Benedikt war ihr erster

Benedikt heisst die erste Hausgeburt von Hebamme Tanja Fögele aus Lenzburg. «Er feiert heute seinen achten Geburtstag», sagt Fögele. Seit fast 15 Jahren arbeitet sie, die ursprünglich aus Deutschland stammt, als Hebamme. Nach einer klassischen Laufbahn im Spital, entschied sie sich 2005 ins Geburtshaus LaVie in Olten zu wechseln; seit rund drei Jahren ist sie ganz als freischaffende Hebamme tätig.

«Ich habe im Spital immer mehr Mühe mit den vielen Interventionen von aussen während einer Geburt bekommen. Viele davon sind meiner Meinung nach bei einer normalen Geburt überflüssig.»

Bei einer Hausgeburt hat Tanja Fögele zum Beispiel nicht die Möglichkeit zur Schmerzlinderung eine PDA (Periduralanästhesie) zu geben, wie es im Spital gemacht wird. «Aber ich habe Zeit für die Frau. Das lindert den Schmerz auch.» Bei einer Hausgeburt sei die Atmosphäre eine ganz andere: «Weniger Menschen, weniger Apparate und nicht dieser ständige Druck von Arztseite, es müsse nun vorangehen.»

«Die Atmosphäre macht viel aus»

Diese Umgebung hat auch Alexandra Lovisi aus Niederlenz gestört. Nach drei Spitalgeburten hat sie sich beim vierten Kind für eine Hausgeburt entschieden und sie sagt: «Wenn ich doch nur schon drei Kinder vorher gewusst hätte, wie toll das ist.»

Am Nachmittag habe sie Hebamme Tanja Fögele angerufen, da sie spürte, dass die Geburt langsam anfängt. «Wir haben uns darauf eingestellt, dass es bis zum Abend dauert, aber dann ging es plötzlich ziemlich schnell.» Zwanzig Minuten später war Samira auf der Welt.

«Ich hatte nicht mehr Schmerzen als im Spital, im Gegenteil. Bei der zweiten und dritten Geburt hatte ich eine PDA bekommen, weil es nicht voranging. Bei Samira habe ich mich auf die Geburt intensiv vorbereitet, auch mit Entspannungstechniken und ich denke, dass auch die gewohnte Atmosphäre zu Hause viel zur guten Geburt beigetragen hat.» Alexandra Lovisis Fazit ist eindeutig: «Das war die beste Geburt. Meine achtjährige Tochter kam gerade aus der Schule als ihre kleine Schwester zur Welt kam. Sie durfte dann gleich die Nabelschnur durchschneiden.»

Geschwister schauen zu

Dass ältere Geschwister in die Geburt miteinbezogen werden, muss nicht sein, darf aber. Tanja Fögele: «Jede Frau ist anders. Manche geben ihre Kinder lieber zur Grossmutter oder der Mann schaut, andere wollen sie dabei haben. Ich habe kürzlich eine Mutter betreut, die ebenfalls das vierte Kind bekommen hat. Die beiden ältesten Mädchen, 8 und 10 Jahre alt, waren dabei. Das war von Anfang an so geplant. Ich hatte den Eindruck, dass es für die beiden Mädchen ein sehr schönes und spezielles Erlebnis war.»

Benedikt war ein Schlüsselerlebnis

Warum sich Tanja Fögele für den Hebammenberuf entschieden hat, weiss sie heute nicht mehr genau. «Ich wollte etwas Medizinisches, etwas Handwerkliches, etwas Soziales.» Dass es ihre Berufung ist, als freischaffende Hebamme zu arbeiten, sei ihr bei der Geburt von Benedikt klar geworden. Seit dem Abschied vom Spital hat sie 70 Geburten im Geburtshaus und 50 Hausgeburten begleitet.

«Das Schwierigste an meinem Beruf finde ich die ständige Auseinandersetzung damit, wie gefährlich eine Hausgeburt angeblich ist», sagt Tanja Fögele. Sie findet: Wenn eine Hausgeburt gut vorbereitet sei, bestehe weder für Frau noch Kind ein erhöhtes Risiko. «Ich muss dazu aber sagen, dass sich eine Hausgeburt nicht für alle eignet. Wer an einer Vorerkrankung leidet oder kein Vertrauen in sich und seinen Körper hat, ist im Spital besser aufgehoben.»

Um das gesundheitliche Risiko für Mutter und Kind klein zu halten, verlegt Tanja Fögele lieber einmal zu viel als zu wenig jemanden ins Spital. In der Regel zeige sich bereits am Anfang einer Geburt, dass es zu Komplikationen komme und somit bleibe auch genug Zeit, um zu verlegen.

Rund 15 bis 20 Prozent «ihrer» Frauen gebären dann doch im Spital. Jene, welche die Geburt einleiten gehen müssen, weil die Schwangerschaft zwei Wochen über den Geburtstermin hinaus geht, einen geplanten Kaiserschnitt wegen der Kindslage machen müssen oder die Frühgeburten. Auch jene Frauen zählt sie dazu, die sie nach der Geburt ins Spital überweisen muss, zum Beispiel, weil die Plazenta nicht kommt.

Nicht genug zum Leben

Rund zwei bis drei Hausgeburten betreut Tanja Fögele pro Monat. Ein sicherer Verdienst ist das nicht. «Im Vergleich zur Verantwortung, die eine Hebamme trägt, ist sie schlecht bezahlt.» Da es eher wenig Hausgeburten gibt als früher, hat sich Tanja Fögele als Cranio-Sacral-Therapeutin ausbilden lassen, damit sie ein zweites Standbein hat. «Ich bin aus ideologischen Gründen Hebamme, nicht aus finanziellen.»

Sie ist eine «Risiko-Schwangere»

Tanja Fögele ist eine lebensfrohe Frau, die viel Gelassenheit und Ruhe ausstrahlt und wirkt wie ein Mensch, der auch in «brenzligen» Situationen die Nerven behält. Mit der Gelassenheit, mit der sie «ihre» Frauen unterstützt, scheint sie auch ihre erste eigene Schwangerschaft anzugehen. «Es ist eine Risiko-Schwangerschaft, schliesslich bin ich schon 37 Jahre alt», sagt sie lachend und streichelt zärtlich über ihren wachsenden Bauch. Laut den heutigen medizinischen Vorschriften gilt eine Schwangerschaft als Risiko sobald eine Frau über 35 Jahre alt ist.

«Wer Risiko-schwanger ist, erhält mehr Ultraschalle bezahlt, was natürlich gut ist für die Ärzte, da sie diese teuren Geräte ja auch amortisieren müssen», schildert die Hebamme die Situation etwas zugespitzt aus ihrer Sicht.

Dass sie bei ihrer eigenen Schwangerschaft so wenige Kontrollen wie möglich macht und wenn, dann bei einer Hebamme, versteht sich von selbst. «In der 21. Woche wird ja ein Ultraschall empfohlen. Ich habe den eigentlich nur meinem Freund zuliebe gemacht.» Ein bisschen froh, sei sie jetzt aber doch darüber: «Jetzt wissen wir, dass wir einen Sohn bekommen. Das Geschlecht spielt für uns zwar keine Rolle, aber ohne Ultraschall hätte ich vom Gefühl her eher zu einem Mädchen tendiert.» Erwartet wird das Kind Anfang März. Und geplant ist natürlich eine Hausgeburt.