Lenzburg
«Eine grosse Ehre»: Aber der neue Stadtweibel wohnt gar nicht in der Stadt

Der vom Stadtrat gewählte neue Stadtweibel Markus Dietiker ist angetan vom neuen Ehrenamt, aber gar kein Einheimischer. Er ist in Thalheim zu Hause. Die Traditionspflege in Lenzburg imponiere ihm aber, sagt er.

Heiner Halder
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Der neue Stadtweibel Markus Dietiker im vollen Ornat.

Der neue Stadtweibel Markus Dietiker im vollen Ornat.

Heiner Halder

Wenn der Weibel im weiss-blauen Ornat, dem Dreispitz, mit Wappenschild und Weibelstab an der Seite des Stadtammanns und im Kreis der Stadtbehörden auftritt, so ist in Lenzburg schon etwas ganz Besonderes los.

Das Zeremoniell dient traditionell wem Ehre gebührt, eine in der sonst so nüchternen und auf die «echte Volksdemokratie» so stolzen Schweiz noch gerne gepflegte Folklore. Dem Empfang hoher Würdenträger, aber auch dem Volk, einem feierlichen «Staatsakt» wird mit der Präsenz des in den Wappenfarben des Landes, des Standes oder der Stadt gewandeten Weibels eine höhere Weihe verliehen.

Der Weibel versieht auf der Ebene der Gemeinden somit ein Ehrenamt im doppelten Wortsinn, welches denn auch nur bei wenigen Gelegenheiten zum Einsatz gelangt. Weibel zu werden, ist eine Berufung, kein Beruf.

Nicht alle Weibel «weibeln»

In früheren Jahren und in einigen Funktionen noch heute diente der Amtsweibel oder Amtsdiener nicht nur als schmucke Zugabe von Zeremonien, sondern war auch für Dienst- und Botengänge zuständig. Daher stammt auch der Mundart-Begriff vom «Herumweibeln». Auf Bundes- und teilweise Kantonsebene gehört dies zum Pflichtenheft.
Die Bundesratsweibel sind je einem Bundesrat fest zugeteilt.

Der National- und der Ständerat haben eigene Parlamentsweibel, eben so verfügen das Bundesgericht und das Versicherungsgericht über Weibel.
Auf kantonaler Ebene arbeiten Standes-, Staats- oder Landweibel. Rats- und Gerichtsweibel sind in einigen Kantonen tätig. Grössere Städte beschäftigen Stadt- oder Ratsweibel für Zeremonien, in gewissen Gemeinden auch als Amtsdiener. (HH.)

Mitwirkung am Jugendfest

Im Falle von Lenzburg beschränkt sich der grosse Auftritt gemäss «Pflichtenheft» primär der Mitwirkung am Jugendfest beim Zug zur Stadtkirche, an der Feier in der Stadtkirche und am Festumzug bis zum Rathaus, wo die Behörden der Jugend und den Lehrpersonen und diese umgekehrt der Obrigkeit und ihren Gästen die Referenz erweisen.

Im Übrigen «obliegt es ihm, auf Wunsch des Stadtrates diesen oder eines seiner Mitglieder bei besonderen Gelegenheiten zu begleiten». Doch «diese Einsätze sind selten», wie es im Anstellungs-Protokoll formuliert wird.

Als Nachfolger von Stadtweibel Marcel Wattinger, welcher während seiner Amtszeit von dreieinhalb Jahren vier Jugendfeste absolvierte, ist dieser Tage Markus Dietiker gewählt worden (az vom 13. Februar). Voraussetzung für das Amt sind weder die Ortsbürgerschaft noch der Wohnsitz in der Stadt, sondern ein tadelloser Leumund, gute Umgangsformen und ein ansehnlicher Auftritt.

Angetan von Traditionspflege

Der 31-jährige Markus Dietiker wohnt in Thalheim, wo er einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb führt, und entspricht diesen Anforderungen. Dass er sozusagen die «Visitenkarte» von Lenzburg sein darf, erfüllt ihn mit Stolz. Als Mitarbeiter bei den Forstdiensten Lenzia, wo der Absolvent der Försterschule als Verkaufsleiter für Holzmobiliar und die Akquirierung von Dienstleistungen, als Projektleiter für die Neophytenbekämpfung und die Hochstammförderung so wie als Geschäftsführer der Natur- und Heimatschutzkommission in einer 60-Prozent-Anstellung wirkt, hat er seinen Arbeitsort schätzen gelernt.

«Mir imponiert in Lenzburg die Traditionspflege, die Kleinstadt-Kultur, das Engagement von Vereinen und Bevölkerung», begründet Dietiker seine Motivation zum zusätzlichen Job: «Das Ehrenamt ist eine grosse Ehre für mich.»

Markus Dietiker hat vom Jugendfest erst das Manöver mitbekommen. Nun freut er sich jetzt auf seinen ersten öffentlichen Auftritt am 11. Juli im Umzug – und natürlich auch auf den Frühschoppen im Rathaus.