Am Anfang war das Brot. Aussen knusprig, mit Löchern. Innen weich, wie man sich eine Wolke vorstellt. Warm. Duftend. Das Brot aus Ayse Öztürks Kindheit. Als sie 1998 in Lenzburg ihren eigenen Kebabstand eröffnete, buk sie die Brottaschen nach dem geheimen Familienrezept. Geld für Flyer hatte damals sie keines. «Das Brot war meine Werbung», sagt Öztürk. Und das Brot sprach sich rum. Aus dem Kebabhüsli an der Bahnhofstrasse ist ein Kebabrestaurant geworden und Ayse Öztürk steht mit ihrem Mann jetzt kurz vor der Eröffnung eines weiteren Lokals.

Die Familie Öztürk hat in Lenzburg erreicht, was Ömer Akyüz in Aarau gelungen ist: Ein Imbiss mit Kultstatus.

Eine geborene Unternehmerin

Ayse Öztürk wollte schon immer selbstständig sein. Ihr Kebabhüsli war damals der erste türkische Imbiss in Lenzburg. «Ich wollte das machen, was ich kann», sagt sie. Das Brot, das kann sie. Der Stand lief von Anfang an gut. Von Hand knetete sie jeden Tag fünf Kilogramm Teig und füllte das Brot am nächsten Tag mit Fleisch, um es zum Beispiel den Angestellten des ehemaligen Bankvereins vis-à-vis in die Hand zu drücken. «Manche assen sogar zwei», erinnert sie sich. Von sieben Uhr morgens bis zehn Uhr abends stand die damals 25-Jährige im Container an der Bahnhofstrasse. Familie hatte sie keine in der Schweiz, für ihren zweijährigen Sohn organisierte sie Betreuung beim katholischen Schülerhort der Dopo Scuola.

Ihr Mann Hüseyin Öztürk (47) arbeitete damals noch bei der ABB. In der Mittagspause kam er jeweils in den Kebab-Container und half beim Einkassieren. Doch der finanziellen Sicherheit wegen behielt er seinen Job. Als sich seine Frau eines Tages in den Finger schnitt, füllte Hüseyin Öztürk seinen ersten Kebap. Beide müssen lachen, als sie an diesen Tag zurückdenken. Nach einem halben Jahr hatte Ayse Öztürk die 15 000 Franken für den Container abbezahlt.

Dann wurde es Winter. Statt vor dem Container zu essen, bestellten die Kunden zum Mitnehmen und Ayse Öztürk fror hinter den Schiebefenstern. Ein zweiter Container musste her. Sie prüfte ihre Finanzen, überzeugte ihren Mann und fand, was sie suchte. Nun konnte sich der Brotduft im Wintergarten des Kebabstandes ausbreiten. Hüseyin Öztürk kündete seinen Job. Für den Kebabstand musste er jeden Tag einkaufen, damit alles frisch bleibt. «Wir hatten kein Lager», sagt seine Frau. Sie baute einen dritten Container an. Doch auch dieser konnte den Expansionsdrang von Ayse Öztürk nicht stillen. «Sie kann schon ein bisschen anstrengend sein», sagt ihr Mann und lächelt seine Frau an.

Die Kinder – mittlerweile zwei Söhne und eine Tochter – kamen in der Mittagspause jeweils zum Kebabstand, wo sie sich zum Essen an ein Tischchen quetschten. «Ich brauchte einfach mehr Platz», sagt die Frau mit der weichen Stimme und den langen schwarzen Haaren. Sie zeichnete das Restaurant, so wie es heute steht. Mit der offenen Küche – «die Leute sollen sehen, wie wir arbeiten». Die Besitzerin des Grundstücks riet ihr von der grossen Investition ab. Der Ehemann war wie gewohnt skeptisch. Ayse Öztürk fand wie gewohnt einen Weg, um ihre Pläne zu verwirklichen. Seit drei Jahren steht an der Stelle des einstigen Containers ein Pavillon mit 70 Sitzplätzen. Und bald wird Sohn Umut (22) übernehmen. Denn Herr und Frau Öztürk steigen auf, die Bahnhofstrasse hoch.

Neues Lokal am Bahnhofplatz

Mitte Dezember eröffnen sie im Arcmala-Neubau ein neues Lokal. «Es war schon immer mein Traum, noch andere Gerichte zu kochen», sagt Ayse Öztürk. Im Kebabhaus passten Spaghetti, Mah-Mee und Thai nicht auf die Karte, im neuen «Aicha’s» – benannt nach der Wirtin – schon. Dort wird sie Pasta, Pizza und asiatische Gerichte kochen und auch zum Mitnehmen anbieten. Innen und aussen wird das Lokal zirka 100 Sitzplätze haben. «Zusammen mit dem Kebabhaus werden wir ungefähr 12 Angestellte beschäftigen», sagt die Besitzerin. Öztürk hat Kochkurse besucht und das Gelernte an Familien und Freunden ausprobiert. «Das Essen ist gut angekommen.» Ihre Freude ist spürbar. «Ich wollte mich mit etwas Kleinem selbstständig machen», sagt sie rückblickend. Aber Ayse Öztürk bäckt keine kleinen Brötchen.