Erst als Henry Leutwyler mit der Kellnerin spricht, offenbart er seine Herkunft. Ihr antwortet er auf Schweizerdeutsch. Ansonsten könnte der Mann mit dem grauen Bart und der kreisrunden Brille leicht als Fremder durchgehen. Denn er spricht lieber Englisch mit einem leichten Akzent. Doch er ist ein Lenzburger. Hier ist er aufgewachsen, und hier liegen seine Eltern und Grosseltern auf dem Friedhof. Seine Sprache ist das Resultat seiner Wanderungen, die ihn als Fotograf zu Prominenten wie Steven Spielberg, hinter die Kulissen des New York City Ballet und bis ins Weisse Haus führten. Als 15-Jähriger verliess Henry Leutwyler Lenzburg, besuchte ein Internat in der Welschschweiz, studierte Wirtschafts- und Politikwissenschaften in Freiburg. Dann arbeitete er als Fotograf in Lausanne, Paris und New York, wo er heute noch ein Zuhause hat. Nun ist er für eine Ausstellung im Stapferhaus zurück in Lenzburg.

Es begann in Rimini

«Ich rannte von Lenzburg weg», sagt Leutwyler. Sein Grossvater war einst mit dem Velo aus der Romandie nach Lenzburg gekommen, begann als Bote in einer Druckerei und arbeitete sich hoch zum Miteigentümer. Der Vater führte den Betrieb weiter, und Henry Leutwyler hätte die Druckerei in dritter Generation übernehmen sollen. Doch er wollte nicht. «Egal, wie gut ich es gemacht hätte, ich wäre immer der Sohn des Besitzers gewesen», sagt er. Zum Zerwürfnis mit der Familie sei es deswegen nicht gekommen, der Vater hatte Verständnis für die Kunst. «Er war selber ein grossartiger Jazz-Pianist und liess mich ziehen. Unter der Bedingung, dass ich ein Wirtschaftsstudium abschloss.» Zudem war Henry Leutwyler als Teenager längst der Fotografie verfallen – und den Grundstein für diese Leidenschaft hatte kein Geringerer als sein Vater gelegt. «Wir waren in Rimini in den Ferien.» Vater, Mutter und Einzelkind Henry. Er sei ein quirliges Kind gewesen, dem der Vater eine Kamera und drei Rollen Film kaufte. «Er dachte, damit sei ich eine Woche beschäftigt. Doch nach etwa einer Stunde waren die Filme voll», sagt Henry Leutwyler und lacht. Und der kleine Junge entdeckte nicht nur das Fotografieren, sondern entschied auch gleich, als er im Rimini der 60er-Jahre eine Sequenz eines umkippenden Segelboots festhielt, was für ein Fotograf aus ihm werden sollte. Kein Kriegsfotograf. «Ich hätte den Mut dazu nicht gehabt», sagt der 57-jährige Henry Leutwyler freimütig. Zudem müsse man auf Reportagen unparteiisch bleiben. «Das könnte ich nicht, für mich gibt es immer einen good und einen bad guy.» Viel lieber fotografierte er Menschen. Am Strand von Rimini waren dies Frauen im Bikini – ein Motiv, das ihm länger erhalten bleiben sollte.

Beim Spaziergang durch Lenzburg macht Henry Leutwyler beim Durchbruch Halt: «Hier wurde mein Velo gestohlen», sagt er. Hier habe er es jeweils abgestellt, bevor er in die Disco «Muusloch» ging. Ständig scannt der Fotograf seine Umgebung bis ins Detail. Als er unter dem Torbogen für seinen Berufskollegen posiert, zeigt er auf die in Stein gehauene Nackte, die über ihm schwebt. «Hier haben wir wieder den Grund, warum ich Fotograf wurde», sagt er und lacht. Je länger der Spaziergang dauert, desto mehr Erinnerungen kommen zurück. «Hier habe ich meine glücklichsten Jahre verbracht.» Sorglos und unbeschwert.

Leutwyler blieb nicht bei den Frauen in Bikinis. «Irgendwann dachte ich, wenn ich noch eine 16-jährige Frau fotografieren muss, drehe ich durch.» Diese Verzweiflung entstand zur rechten Zeit. Als die Models auf den Zeitschriftencovers von Stars abgelöst wurden, siedelte Henry Leutwyler nach New York um. Und tauschte die jungen Schönheiten durch berühmte Schönheiten aus. Er hat sie alle fotografiert. Von Julia Roberts bis Michelle Obama, von Jake Gyllenhaal bis Roberto Benigni. Seine Porträts zierten die Covers der prestigeträchtigsten Magazine, er stellte weltweit aus und veröffentlichte in acht Jahren vier Bücher.

Eine Schnecke als Andenken

Der Erfolg und der Umgang mit den Prominenten haben ihn nicht abheben lassen, im Gegenteil. Henry Leutwyler betont wiederholt, nicht Starfotograf genannt werden zu wollen. «We are all born the same», sagt er. Wir werden alle gleich geboren. Er selbst habe Glück gehabt. Und einen starken Willen. Die Fotografieschule in Vevey lehnte ihn ab, sein erstes Studio in Lausanne ging bankrott. Aber Henry Leutwyler gab nie auf. Im Rahmen des Fotofestivals Lenzburg und einer Sonderausstellung stellt Henry Leutwyler vom 17. Mai bis 17. Juni Bilder aus 34 Jahren seines Schaffens im Stapferhaus aus. Seine erste Ausstellung in der Vaterstadt. Es ist eine emotionale Rückkehr. Nicht nur wegen der Jugenderinnerungen an gestohlene Velos und Abende im

«Muusloch». Henry Leutwyler ist heute 57 Jahre alt. In dem Alter verstarb sein Vater. Der Gedanke, dass er ihn nun überlebt, fordert dem Sohn, selber Vater von zwei Kindern, emotional einiges ab. Weiter oben in der Rathausgasse erspäht er mitten im Gespräch eine Schaukel-Schnecke, original Wisa-Gloria, vor der Kinderbörse. Kurzerhand kauft er die rote Spielzeug-Ikone. «Für mich.»