Lenzburg
Eine Berliner Autorin entdeckt die Kleinstadt Lenzburg

Franziska Gerstenberg verbrachte ein dreimonatiges Stipendium im Atelier Müllerhaus. Die drei Monate betrachtet die Berlinerin als Rückzug. Bewusst widmete sie sich ihrem neuen Erzählband.

Barbara Vogt
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Autorin Franziska Gerstenberg in Lenzburg
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«In der Bibliothek sehe ich hochstehende Literatur liegen», freut sich Franziska Gerstenberg.Diehl
Bis jetzt schaffte es die Berlinerin nicht ins Antiquariat Durchbruch. Dabei liebt sie alte Dinge. Diehl
Der Chlausbrunnen hat es der Autorin angetan, insbesondere die kleinen, dicken Musikanten.
Edoardo Esposito erzählt Franziska Gerstenberg von seiner berühmten Schaufensterkatze Vagabundo. «Sie kam sogar in der Zeitung.»
«Den besten Cappuccino gibts im italienischen Geschäft Vicolo», findet die Autorin.Elia Diehl
Am Schreibtisch, mit Blick auf die alten Mauern, verbringt Franziska Gerstenberg viel Zeit. Den Labtop vor sich, eine Teetasse neben sich.

Autorin Franziska Gerstenberg in Lenzburg

Barbara Vogt

Nach den langen Wintermonaten sehnt sich Franziska Gerstenberg nach dem Frühling. «Ich feiere jede Krokusblume im Garten», sagt sie an diesem kalten, trüben Märznachmittag. Es regnet, und die Berliner Autorin erholt sich von einer Erkältung.

Franziska Gerstenberg

Die Schriftstellerin wurde 1979 in Dresden geboren und lebt heute in Berlin. Sie studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig Prosa, Lyrik und Dramatik/Neue Medien. Bekannt wurde sie mit ihrem Erzählband «Wie viel Vögel». Es folgten weiter Werke mit Erzählungen. Im letzten Jahr erschien ihr erster Roman mit dem Titel «Spiel mit ihr». Franziska Gerstenberg wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Förderpreis des Lessing-Preises des Freistaates Sachsen. (BA)

Während ihres dreimonatigen Aufenthalts als Gastautorin im Aargauer Literaturhaus war sie mehrmals erkältet. Dies lag an der Jahreszeit und nicht etwa daran, dass sie sich unwohl fühlte in ihrer Umgebung.

Sie sagt: «Wo ich hinging, wurde ich herzlich empfangen.» Mühelos kam sie mit Lenzburgern ins Gespräch, auch wenn sie in den Gassen mehr älteren als jüngeren Menschen begegnete. An einer Lesung wurde sie sogar spontan von einer Dame zum Nachtessen eingeladen.

Kein Konkurenzkampf der Autoren

Die drei Monate betrachtet die Berlinerin als Rückzug. Bewusst widmete sie sich ihrem neuen Erzählband. Sie besuchte literarische Veranstaltungen, gab Lesungen und lernte andere Autoren aus der Schweiz kennen.

Den Umgang mit ihnen erlebte sie sehr offen. Von Konkurrenzdenken unter den Autoren, wie es in Deutschland der Fall sei, keine Spur.

Franziska Gerstenberg lebte gerne im alten Gartenhaus des Müllerhauses. Auf einer Seite der Wohnung blickte sie aufs Müllerhaus. Sie liebt das alte Bürgerhaus, dessen Räume Leichtigkeit und Behaglichkeit ausströmten.

Müllerhaus: Rückzug ins Gartenhaus

Seit 2007 bietet das Aargauer Literaturhaus Lenzburg dreimonatige Stipendienaufenthalte für Autoren an. Pro Jahr leben und arbeiten zwei bis drei ausländische, Deutsch sprechende Schriftstellerinnen oder Schriftsteller im ehemaligen Gartenhaus des Müllerhauses. Der Rückzug ins Atelier bietet den Autoren Gelegenheit, neue Ideen und Inspiration zu gewinnen. Bewerben kann man sich für das Stipendium nicht, eine Projektgruppe, bestehend aus Mitgliedern des Literaturhauses und des Aargauer Kuratoriums, wählen die Autoren aus. Dabei stehe die literarische Qualität im Vordergrund, sagt Literaturhaus-Leiterin Sibylle Birrer. Franziska Gerstenberg könne schon auf mehrere Werke zurückblicken und sei der Projektgruppe bei ihrer Lesung im letzten Herbst im Müllerhaus aufgefallen. «Ihre Sprache ist klar, und es ist spannend zu erleben, wie ihre Figuren mit wenigen Worten lebendig werden», so Birrer. «Ihr Aufenthalt war eine Bereicherung für das Literaturleben im Aargau.» (BA)

Ihr Blick fiel auch aufs Schloss. Für einen der ehemaligen Bewohner dort hegt sie grosse Bewunderung: für den deutschen Schriftsteller Frank Wedekind. Er verbrachte seine Jugendzeit Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Schloss.

Auf der anderen Seite des Atelierhauses – da wo Schreibtisch und Teetasse standen – liess die Gastautorin ihre Blicke viele Male über die alten, leicht verlorenen Gemüsebeete und Mauern schweifen.

Dieses romantische Bild entzückte sie und gab ihr Abwechslung, wenn die Schreibarbeit zäh voranging. Oft streifte eine Katze durch den Garten, im Winter waren ihre Pfotenspuren auf der Schneedecke zu sehen. Eine Idylle, die es in der Stadt Berlin kaum gebe, sagt die Autorin.

«Schreiben ist manchmal Quälerei»

Ohne Eile brechen wir zu einem Rundgang durch Lenzburg auf. Franziska Gerstenberg legt sich ihren bunten Schal um den Hals, zieht den Mantel über. Das geschieht mit Bedacht, beinahe meditativ.

Man versteht, wenn sie sagt: «Um eine Geschichte zu schreiben, brauche ich Zeit und Abstand zu meinen Texten. Ich kann mich nicht in diese schnelllebige Literaturmühle hineinbegeben, in der ich alle zwei Jahre ein Buch herausgeben muss.»

Sie beschreibt sich als eine Perfektionistin, als Autorin, die das Schreiben manchmal als Quälerei empfindet, über Sätze grübelt und an ihnen zweifelt. «Mit meinen Texten bin ich erst im Reinen, wenn sie sich im Druck befinden.» Früher hätte sich Franziska Gerstenberg gut vorstellen können, Schauspielerin zu werden.

Im Städtchen Lenzburg sind ihr viele Ecken und Orte vertraut. Sie hat die Gabe, Details zu entdecken: eine rosa Mauer, an der ein rosafarbenes Wäschestück hängt, ein Briefkasten, an dem ein Aschenbecher montiert ist, Verschnörkelungen am Chlausbrunne auf dem Metzplatz.

Die geschichtsträchtigen Häuser begeistern sie, denn sie hat ein Faible für alte Dinge und bewohnt in Berlin eine Wohnung in einem alten Haus.

Nur etwas hat die Autorin während ihres Stipendienaufenthalts nie gefunden: ein Café, in welches sie sich hineinsetzen und stundenlang schreiben kann. «In Berlin machen das viele Autoren, hier in Lenzburg wäre ich mir ausgestellt vorgekommen.»

Mag sein, dass Franziska Gerstenberg einige ihrer Wahrnehmungen in Erzählungen einflechten wird. Vorerst geniesst sie ihre letzte Woche in Lenzburg, bevor sie nach Berlin heimkehrt. Und wo hoffentlich bald der Frühling Einzug hält.

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