Um 1950 war Seengen fast so etwas wie eine kleine Sensation: In dem Dorf mit etwa 1500 Einwohnern standen nämlich ganze 13 Wirtshäuser; auf etwas mehr als 100 Seenger kam eine Einkehrmöglichkeit. Der vor kurzem erschienene 91. Jahrgang der «Heimatkunde aus dem Seetal» widmet sich der Geschichte der Seenger Gastronomie.

Aus ihnen geht hervor, dass die Hochzeit der Kneipen und Wirtshäuser lange keine Selbstverständlichkeit war. Dabei zählten schon im 19. Jahrhundert so klingende Namen wie diejenigen der Wasser-Heilanstalt Brestenberg, der Restauration und Pension Eichenberg (heute Eichberg) und die Wirtsstube Hallwyl zum Bestand.

Doch im 14. Jahrhundert war es noch der Zwingherr auf Schloss Hallwyl, der das Recht zum Betrieb einer Wirtschaft in Seengen vergab. 70 Kilogramm Getreide musste ihm Wernher der Wirt dafür bezahlen, um im Jahr 1346 vor der Kirche eine Taverne unterhalten zu dürfen. Wechselte ein Wirt, änderte damit immer auch der Standort der Taverne, denn jeder wirtete in der eigenen Bauernstube.

Das Wirtswesen, wie wir es heute kennen, begann sich erst 1471 mit dem (als Bar) bis heute geöffneten Restaurant Burgturm zu entwickeln. Hundert Jahre später gibt das Tavernen- und Wirtschaftsrecht einen Einblick in die Vorschriften, an die sich die damaligen Wirtshäuser zu halten hatten: «Wer auf dieser Taverne Wirt ist, der soll das Jahr hindurch zweierlei Weine haben, Elsässer und Landwein». Und zwar immer. Wenn einem Wirt der Wein ausging, musste er täglich drei Schilling Busse bezahlen, bis er wieder volle Fässer hatte.

Von dieser Regel offenbar nicht betroffen waren kleine private Wirtsstuben, die nach dem Motto «es hät, solangs hät» selbst angebauten Wein ausschenkten. Wie Yvonne Fischer und Max Hächler für die historische Vereinigung Seetal und Umgebung recherchiert haben, gab es vor 170 Jahren in Seengen mit dem «Bären» und dem «Schützen» gerade mal zwei vollwertige Tavernen. Diese mussten für das begehrte Beherbergungsrecht die vom Kanton Aargau verlangten Fremdenzimmer, warme Mahlzeiten und Plätze für Gastpferde vorweisen können.

Von da an ging es aufwärts. Die Wirtschaften im Dorfzentrum erhoben sich zu noblen Speisewirtschaften, die nicht nur Trank, sondern auch gute Speisen anbieten konnten. Im Hinterdorf und im Ausserdorf richteten sich einfache Beizen ein, in denen man sich werktags zum «Firobe-Bier» und sonntags zum Frühschoppen traf. Und für den kleinen Hunger gab es «Restbrot», «Waldfest» oder «Säuchäs» mit Senf.