Lenzburg

Eine Bar der aussterbenden Sorte

Beizen wie diese gibt es nur noch wenige. Die Stammgäste der Oberstadtbar in Lenzburg sind so einmalig wie das Interieur und Barmaid Regina, die jeden Abend hinter dem Tresen steht. Ein Besuch.

Die Oberstadtbar in Lenzburg ist dunkel und klein. Wenn die Winterkälte mehr als dreissig Leute hineinscheucht, steht man Oberschenkel an Oberschenkel und die Popmusik aus der elektronischen Jukebox ist kaum mehr zu hören. Entlang einer wuchtigen Bar mit einem Handlauf aus Messing stehen acht Barhocker. Daneben eine mit Samt bezogene Sitzgruppe, die Farbe irgendwo zwischen Rosa und Grau. Die grünen Vorhänge aus festem Stoff passen weder zu den Marmortischchen noch zu den violett beleuchteten Schnapsflaschen hinter der Theke, am ehesten noch zu den mit dunklem Holz verkleideten Wänden und der Decke. In der eigenen Wohnung würde einen diese Einrichtung erdrücken, doch hier wirkt sie heimelig und gleichzeitig ein bisschen verrucht.

«Regina’s Oberstadtbar» ist eine Bar der aussterbenden Sorte, die nicht chic oder trendy sein will. Sie ist ein Ort, wo man noch rauchen darf, wo man sich duzt, wo man an 365 Tagen im Jahr etwas zu trinken bekommt. Serviert von der schönen Regina, der Königin der Oberstadt.

Die Gäste kennen sich. Da ist zum Beispiel Tom, der einen ganzen Abend vor einer Schüssel Chips sitzt, aber nie zugreift. Oder Rainer, der von seinem Müeti gesammelte Steinpilze aus Graubünden nach Lenzburg chauffiert.

Sitzen geblieben

Es ist Advent: Regina hat die Bar mit künstlichen Tannengirlanden geschmückt, vor dem Fenster hängen Lichterketten. Auf dem äussersten Barhocker sitzt Schöbi, mit schwarzem Pullover, blondem Bart und krummem Rücken. Alle kennen Schöbi und er geniesst es. Regina nennt ihn Schöbeli, wenn sie in seiner Abwesenheit über ihn spricht.

Der Unternehmer und Urlenzburger ist mehrmals in der Woche da. «Während dem Tech habe ich hier jeweils die Aufgaben gemacht», sagt er. Gleichaltrige, die wie er in guten Verhältnissen aufgewachsen und beruflich erfolgreich sind, verkehren heute in gehoberen Lokalen. Schöbi sitzt noch immer hier. Trinkt Bier, Wein, manchmal einen Schnaps, dazwischen einen Kaffee. Die Stammgäste sind sich einig, warum sie hier sind: wegen Regina.

Regina ist eine volksnahe Königin. Bei ihr sind alle willkommen und sie passt auf, dass die Stimmung gut bleibt. Frauen werden beim Betreten der Bar zwar gemustert, dann aber in Ruhe gelassen. «Hier kann man als Frau auch allein etwas trinken», sagt Karin und zieht an ihrer Zigarette. «Hier bin ich gut aufgehoben.» Karin hat ihr ganzes Leben im Gastgewerbe gearbeitet. «Regina ist für mich ein Vorbild», sagt sie. Menschlich und wegen ihrer Art, die Bar zu führen. Schöbi erklärt, was eine gute Barmaid ausmacht. «Es gibt Barmaids, die stehen gern im Mittelpunkt und geniessen die Aufmerksamkeit der Männer», sagt er. Dann gebe es solche wie Regina. «Sie schafft es, dass auch Frauen gern in die Bar kommen.» Schöbi ist vergeben, aber er mag es trotzdem, wenn Frauen die Bar besuchen.

Gelernte Hochbauzeichnerin

Als Regina vor fünf Jahren die Oberstadt übernommen hat, kannte sie Lenzburg kaum, geschweige denn die Lenzburger. Inzwischen sind viele Stammgäste zu Freunden geworden. Für diese organisiert sie auch mal ein Raclette-Essen oder einen anderen Anlass. Am Silvester hat die Oberstadt ausnahmsweise erst ab 22 Uhr geöffnet, weil die Clique zuerst in einem Restaurant zusammen isst. «In meiner Bar können die Leute sich vernetzen.» Ein Stammgast bringt regelmässig Morcheln aus Slowenien, ein anderer hat Regina zu einer Wohnung in Lenzburg verholfen.

Kiffer und Drögeler

Früher war die Oberstadtbar ein Säli des Restaurants Oberstadt, ohne eigenen Tresen. Dieser wurde 1985 von der damaligen Wirtefamilie Vogt eingebaut. In den Siebzigerjahren war die Bar ein Treffpunkt für die Jungen. «Das Obi war für mich eine zweite Heimat», sagt Neps. Als sie heute, über vierzig Jahre später mit ihrem Kollegen Urs die Bar betritt, wirken die beiden etwas fremd. Sie sind zu adrett angezogen – die Hornbrille von Neps ist ein wenig zu seriös, der Rollkragenpullover von Urs ein wenig zu bourgeois. Vorsichtig staksen sie zur Sitzbank, wo sie sich bald umsetzen müssen, da der Lautsprecher zu nah ist. Kaum zu glauben, dass es den beiden vor vierzig Jahren in diesem Raum nicht laut genug sein konnte. Berauscht vom Bier, dem gelegentlichen Joint und den Nachwehen der 68er-Bewegung konnten die Jugendlichen in der Oberstadt den elterlichen vier Wänden entfliehen. Hier trug man lange Haare und Jeansjacke. Zuhause gab es dafür Lämpen. «In einem Hemd wäre man in der Oberstadt wohl von den Gästen rausgeworfen worden», sagt Neps. «Ich hatte damals immer diese indischen Fahnen an.» Sie lacht laut, als sie die farbigen Gewänder beschreibt. Viele blieben nicht beim Bier. «Neben den Kiffern verkehrten hier auch die Drögeler», sagt Neps. Einige leben heute nicht mehr. Urs’ lange Haare sind in der Zwischenzeit einer Glatze gewichen, die Jeansjacke hat er längst an den Nagel gehängt und ist Lehrer und Schulleiter geworden. Er erinnert sich noch gut an die Musik, die früher hier lief. Eagles, Rolling Stones, Supertramp. Heute singt Helene Fischer atemlos. Hinter der Bar hat sich Regina ein Glas Weisswein eingeschenkt. Das macht sie manchmal, wenn die Stimmung gut ist. Aber höchstens zweimal pro Woche. Manchmal ein Glas Champagner oder «öppe mol es Bierli». Sind alle Gäste bedient, setzt sie sich auf ihren Hocker neben der Kasse. Wenn sie keine Zigarette in der Hand hält, verschränkt sie die Arme vor der Brust und steckt die Hände in die Armbeugen, dass nur noch die Daumen herausschauen. Vielleicht eine unbewusste Geste – einen grossen Ausschnitt, den sie so betonen oder verdecken könnte, trägt sie jedenfalls nie. Dass sie an der Bar im Zentrum steht und den Blicken ausgesetzt ist, macht ihr nichts aus. «Aber ich stelle mich nicht gern absichtlich in den Mittelpunkt», sagt sie. Fotografieren oder filmen lässt sie sich nur widerwillig.

«Regina ist seriös»

Toni Peterhans war die letzten 27 Jahre Wirt des Restaurants Oberstadt und hat die Bar verpachtet. Auch heute noch gelangt man von der Beiz durch eine Tür direkt in die Bar. Peterhans hat sich in die Pension entlassen und ist gerade dabei, sein Restaurant aufzuräumen, am Wochenende ist Austrinkete. Doch Reginas Bar soll wie gewohnt weitergeführt werden, das hat der neue Besitzer des Restaurants versichert. Für das Foto setzt sich Peterhans in die Bar, die im Tageslicht einen ungewohnt hellen Anblick bietet. Er betrachtet mit seinen gewieften Äuglein die Pfosten aus Messing, welche die Regale über der Bar tragen. «Früher nannte man diesen Raum hier Fixerstübli», sagt er. «Und alle paar Wochen kam es zu einer Schlägerei.» Unter seiner Führung wurde die Oberstadt die Drogen los. Die Pächterinnen wählte er sorgfältig aus, die Drögeler warf er raus. Peterhans ist ein Patron alter Schule. «Regina ist eine gute Barmaid», sagt er. «Sie ist seriös.» Er nennt sie beim Vornamen, doch er siezt sie. So hat er das mit allen Pächterinnen gehandhabt.

Wie eine Mutter

Noch zwei Tage bis Heiligabend: Tom – graue Haare, Brille, schwarze Funktionsweste – sitzt kurz nach 17 Uhr an der Bar und hat ein grosses Bier vor sich stehen. Ein jovialer Typ, mit dem man sofort ins Gespräch kommt. Solange ihm jemand zuhört, redet er weiter. Von seiner Arbeit – er ist Operateur in einem Kino in Aarau, von seiner Mutter – am 24. kommt er lieber in die Oberstadt, als mit ihr zu feiern, von seinem Elektroroller – der brauchte zwei neue Batterien. Die Tür öffnet sich. Regina dreht den Kopf wie eine Mutter, die ihre Kinder zum Zmittag erwartet, aber nicht weiss, in welcher Reihenfolge sie erscheinen werden. «Hoi Max.» Max behält die Jacke an, setzt sich dazu, legt beide Hände auf den Tresen. «E Wiisse.» Max steigt sofort ein in die Diskussion über das Essen an Weihnachten. Wieder öffnet sich die Tür, dieses Mal bleibt die Begrüssung aus. Der neue Gast setzt sich ein paar Hocker weiter weg. Er bestellt auf Baseldeutsch eine Stange. Während Max von seinem geplanten Festtagsmenu erzählt – Fleischvögel und Kartoffelstock – leert der Basler in zehn Minuten sein Glas, zahlt und geht wieder. Wieder öffnet sich die Tür. «Hoi Ueli.» Zielstrebig läuft Ueli an Max vorbei und nimmt Platz. Ueli arbeitet in Zürich bei einer Bank und kommt täglich für sein Feierabendbier. Regina beginnt jeweils schon mit dem Zapfen, wenn sie ihn durchs Fenster sieht. Mit seinem Jackett, dem Hemd und der Brille würde Ueli in der Bar des Viersternehotels Krone nicht auffallen. Doch er kommt hierher. «Wegen des Ambientes.» Oft begleitet ihn seine Frau. Sie stammt aus Thailand und hat die Chiliflocken getrocknet, die Regina zu ihren Pizzen serviert.

Steinpilzpizza zu Heiligabend

Heiligabend: Regina schaltet den Fernseher aus. Ansonsten sieht die Bar aus wie in den Tagen zuvor. Am Tresen sitzen Tom und Rainer und trinken Bier. Regina trägt einen roten Pulli mit V-Ausschnitt und eingebautem Halsband. Auf der Sitzbank, einträchtig in einer Ecke sitzt eine Familie, die im Schein der Lichterkette an diesem Heiligen Abend Unterschlupf gefunden hat: Vater, Mutter, der Sohn in der Mitte. Es ist die Wirtefamilie Peterhans. Sie unterhalten sich mit gedämpften Stimmen, lächeln einander an. Es fehlen nur noch Ochs und Esel und Regina hätte eine Krippe in der Bar. «Wir nehmen an Heiligabend hier immer einen Apéro vor dem Essen», sagt Toni Peterhans. Bei der Wirtefamilie gibt es heute Fondue Chinoise. «Aber mit Fleischbällchen statt Röllchen.»

Wirt Peterhans weiss auch hier, wie man das Optimum rausholt. Die Familie wünscht frohe Weihnachten und steigt hinauf in ihre Wohnung im oberen Stock. Tom ist hocherfreut, dass er am 25. Dezember spontan im Kino einspringen muss und bei der Familienfeier nur schnell die Geschenke vorbeibringen kann. Rainer feiert den 25. bei seiner Mutter in Graubünden. Die Arme des jungen Mannes sind bis zu den Handgelenken tätowiert und auch der Hals ist grösstenteils schwarz eingefärbt. Auf der linken Seite, unter Rainers Kiefer, fletscht ein Wolf die Zähne. Unter dem karierten Hemd zeichnen sich breite Schultern ab. Er hat Steinpilze mitgebracht, die Regina über eine Pizza streut. «Mein Müeti hat so ein grosses Glas selber gesammelt», sagt er und zeichnet mit den Händen ein etwa dreissig Zentimeter grosses Gefäss in die Luft. Rainer ist als Lastwagenchauffeur in der ganzen Schweiz unterwegs und bringt oft etwas mit nach Lenzburg, zum Beispiel Gorgonzola aus dem Tessin. «Ich habe mit den Leuten aus der Bar einen Käse-Chat eingerichtet», sagt er. Dort können sich die Mitglieder melden, wenn Rainer ihnen Käse kaufen soll. Regina nimmt die Steinpilzpizza aus dem Ofen; Rainer mahlt Pfeffer für alle. Tom nimmt auch ein Stück. Chips oder Erdnüsse isst er an der Bar nie. «Ich will mir doch nicht den Magen verrückt machen.» Die Stimmung in der Bar ist weder betont weihnächtlich noch besonders ausgelassen.

«Die Leute wollen reden»

Regina ist eine Barmaid, die zuhört und beobachtet. Sie weiss immer, welcher Gast wo gestanden ist und welche Kleider er oder sie getragen hat. Sie merkt sich, wer was getrunken hat. Nur selten muss sie beim Einkassieren auf die Zettel schauen. Sie weiss auch sonst vieles. Von ihren Gästen erfährt sie intime Dinge. «Die Leute wollen reden», sagt sie. Sie bemerkt aber mehr, als ihr erzählt wird. Aber sie behält es für sich. Wenn sie nach der Polizeistunde die Tür zur Bar abschliesst, lässt sie bewusst alle Probleme und Geheimnisse, die ihr am Tresen anvertraut worden sind, drinnen. «Das ist Selbstschutz.» Dann macht sie sich auf den Heimweg.

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