Schloss Hallwyl
Eine «anregende Stunde» zum Thema Freiheit

Im Rahmen des Seetaler Poesiesommers las der 95-jährige Zürcher Publizist Gottfried Honegger über «Der freie Mensch». Er wies darauf hin, wie wichtig es sei, von der Ich-Gesellschaft wieder zur Wir-Gesellschaft zu kommen.

Sonja Furter
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Gottfried Honegger nach seiner Lesung im Schloss Hallwyl. sfu

Gottfried Honegger nach seiner Lesung im Schloss Hallwyl. sfu

Angeregte Gespräche füllen das kleine Turmzimmer im Schloss Hallwyl, bis sich die Türe zum Nebenzimmer öffnet. Gottfried Honegger, der bereits das 95. Altersjahr überschritten hat, läuft langsam, auf einen Stock gestützt in das Zimmer und setzt sich ans Rednerpult.

Sein hohes Alter merkt man ihm nicht an, als er mit Schalk in den Augen die Zuhörer begrüsst. Für seine Lesung hat er seine Gedanken zum Thema «Der freie Mensch» zusammen gefasst. Er beginnt zu lesen. Seine Stimme ist klar und deutlich. Meist hat er den Kopf konzentriert über das Blatt gebeugt, nur manchmal blickt er auf, wenn er seinen Worten besonderen Nachdruck verleihen will.

Auch seine Hände setzt er während dem Erzählen ein. Unterstreicht durch Gestik, was ihm wichtig erscheint. Zwischendurch wechselt er von Schriftsprache zu Mundart, wenn er etwas ausführt, das ihn besonders berührt.

Das Publikum hört ruhig zu, die meisten blicken konzentriert zu ihm nach vorne. «Eine Freiheit an sich gibt es nicht», das betont Honegger immer wieder. Seine Aussage, dass jedes Gesetz, dass wir machen, unsere Freiheit einschränkt und wir trotzdem nach immer mehr Paragrafen schreien, bringt zum Nachdenken.

Von der Ich- zur Wir-Gesellschaft

Immer wieder weist Honegger darauf hin, wie wichtig es sei, von der Ich-Gesellschaft wieder zur Wir-Gesellschaft zu kommen. Einige der Zuhörer nicken zustimmend, andere runzeln die Stirne. «Die Intellektuellen haben in allen Jahrhunderten geschrieben – aber wir hören nicht darauf.»

Man spürt die Traurigkeit, welche diese Erkenntnis bei ihm auslöst. Während seiner Lesung zitierte er Leonardo da Vinci, der schon vor über dreihundert Jahren gewarnt hatte, die Menschen würden einmal ihre Umwelt zerstören. «Und genau so ist es geschehen», sagte Gottfried Honegger. Ein Vogel auf dem Baum vor dem Fenster zwitschert laut und fröhlich. Fast scheint es, als wolle er etwas zu den Worten des Schriftstellers sagen.

Nachdem er seine Lesung beendet hat, bittet er die Zuhörer im Saal, Fragen zu stellen. Der Austausch mit andern Menschen ist ihm ein grosses Anliegen. Es entsteht eine angeregte Diskussion, ob die Schweiz der EU beitreten soll. Nach Honeggers Meinung ja, denn die Schweiz könne nicht isoliert in Europa bestehen.

Am Schluss der Veranstaltung füllt Applaus den Raum. «Ich danke Ihnen für diese anregende Stunde», ruft eine Frau aus dem Publikum. Anschliessend an die Lesung signiert Gottfried Honegger Bücher, welche zum Verkauf aufliegen. Besonders beliebt ist seine Biografie «34699 Tage gelebt», welche in Gedichtform verfasst ist.

Nach und nach leert sich der Raum. Doch ohne neue Denkanstösse wird niemand nach Hause gegangen sein.