Fall Padrutt

Ein wichtiger Zeuge im Fall Padrutt konnte nie aussagen

Staatsanwältin Erni setzte zuerst alles daran, K. zu befragen.Ch. iseli

Staatsanwältin Erni setzte zuerst alles daran, K. zu befragen.Ch. iseli

Der Zeuge, welcher den Fall Padrutt ins Rollen gebracht hat, konnte bisher keine Aussage bei der Staatanwaltschaft machen, da er auf das Beisein seiner Anwältin bestand. Eine schwere Verfehlung der Untersuchungsbehörde, so die Anwältin des Zeugen.

In der laufenden Strafuntersuchung gegen Roland Padrutt – die az Aargauer Zeitung berichtete mehrfach – ist es bereits zu einem Richterspruch gekommen. Nicht etwa gegen den wegen Vermögensdelikten angeschuldigten Rechtsanwalt und Liegenschaftsverwalter aus Lenzburg, sondern gegen die Ermittlungsbehörde: Im Mai 2011 hiess das Obergericht des Kantons Aargau eine Beschwerde gut, wonach ein wichtiger Zeuge im Fall Padrutt wohl einvernommen werden dürfe, aber nur im Beisein seines Anwalts.

Nicht ohne rechtlichen Beistand

Seit diesem Entscheid zeigt die kantonale Staatsanwaltschaft kein Interesse mehr am Zeugen K. Dies, obwohl der langjährige Mitarbeiter von Padrutt die Ermittlungen im Dezember 2010 erst ins Rollen gebracht hatte. Er war es, der im Herbst zusammen mit anderen eine Wohnbaugenossenschaft zu einer Strafanzeige gegen seinen ehemaligen Chef hatte bewegen können. Und der die Untersuchungsbehörde gleichzeitig darauf hingewiesen hatte, dass er Kenntnis von weiteren möglichen Betrugs- und Veruntreuungsfällen habe.

Die Staatsanwaltschaft lud K. Anfang Februar 2011 denn auch vor. Aus Angst, mit gewissen belastenden Aussagen Geheimhaltungspflichten zu verletzen, pochte K. auf rechtlichen Beistand. Doch davon wollte die Staatsanwaltschaft nichts wissen. Nachdem K. der Vorladung nicht Folge leisten wollte, sei er «massiv eingeschüchtert» worden, erzählt er. Trotz anwaltschaftlicher Vertretung habe ihn die zuständige Staatsanwältin mehrmals direkt kontaktiert, unter anderem mit der Androhung, ihn von der Polizei abholen zu lassen. K. musste sich in ärztliche Behandlung begeben, reichte Beschwerde ein – und bekam recht.

Seither herrscht Funkstille. Der wichtige Zeuge konnte bis heute nie aussagen. «Diese krasse Verfehlung der Untersuchungsbehörde ist absolut unerklärlich», schreibt die Anwältin von K. und seiner Mitstreiter.

«Wir erreichten das Gegenteil»

Diese sind frustriert, wie sie in einem Gespräch mit der az Aargauer Zeitung zu Protokoll geben: «Wir wollten weitere Opfer verhindern und erreichten das Gegenteil.» Die Fälle einer Erbengemeinschaft und dreier Stockwerkeigentümergemeinschaften, aus deren Kassen sich Padrutt mit fünf- bis sechsstelligen Summen bedient haben soll, flogen auf, als die Untersuchung im Fall der Wohnbaugenossenschaft schon längst angelaufen war.

Die Zeugen hatten sich erhofft, Padrutt würde wegen Wiederholungs- und Fluchtgefahr in Untersuchungshaft genommen oder müsste zumindest seine Reisepapiere abgeben. Neben diesen Zwangsmassnahmen rechneten sie mit einer Disziplinarmassnahme der Anwaltskommission. Diese bestätigte am 16. Januar der az, das eingeleitete Aufsichtsverfahren gegen Padrutt sei fast das ganze Jahr 2011 sistiert gewesen, zumal die vorliegenden Ermittlungserkenntnisse kein vorsorgliches Berufsverbot gerechtfertigt hätten. Ein Verbot, das Padrutt zwar nur die Vertretung von Parteien vor Gericht verunmöglicht, laut der Anwältin von K. aber «mit Sicherheit Signalwirkung auch im nicht-forensischen Bereich gehabt hätte».

Die Anwaltskommission meint dazu auf Anfrage: «Bereits die Eröffnung eines Disziplinarverfahrens wirkt in der Regel präventiv auf das Verhalten des betroffenen Anwalts.» Im Fall Padrutt hat erst die Wiederaufnahme des Verfahrens am 11. Januar 2012 dazu geführt, dass der Beschuldigte sich aus dem Anwaltsregister streichen liess – und damit einem Berufsverbot zuvorkam.

Amtsgeheimnis: Behörde schweigt

Die az Aargauer Zeitung hätte von Staatsanwältin Marianne Erni gern gewusst, warum sie auf mögliche wichtige Aussagen von K. verzichte. Oder was sie all jenen mutmasslichen Geschädigten von Padrutt entgegne, die der Staatsanwaltschaft vorwerfen, mit rechtzeitigen Massnahmen hätte ihr eigenes Unglück verhindert werden können. Zum Beispiel jener Stockwerkeigentümerin, die nicht versteht, «dass Padrutt immer noch frei ist. Er hat doch so viel angerichtet.»

Der Behörde sei es untersagt, diese und die weiteren gestellten Fragen zu beantworten, schreibt Erni und beruft sich auf das Amtsgeheimnis. So bleibt auch unklar, ob die Staatsanwaltschaft doch noch auf K. und die ihm bekannten Fälle zugehen wird. Die dort behaupteten Sachverhalte decken sich mit den bekannten Vorgehensweisen und Opferschemata Padrutts.

Immerhin so viel teilt die Untersuchungsbehörde mit: «Das laufende Verfahren i. S. P. hat bei der Kantonalen Staatsanwaltschaft hohe Priorität und wird beförderlich vorangetrieben.» Roland Padrutt, über dessen Aufenthaltsort in den letzten Tagen und Wochen abenteuerliche Gerüchte kursierten, stehe überdies «für das Strafverfahren zur Verfügung».

Meistgesehen

Artboard 1