Wenn in Lenzburg die drei Buchstaben HSG fallen, denkt niemand an eine Uni in der Ostschweiz. HSG steht hier für Handballspielergemeinschaft. Die HSG ist einer der Vereine im Handballkanton Aargau, die mit sportlichen Erfolgen auf sich aufmerksam machten. So wie gerade jetzt, als die erste Herrenmannschaft den Wiederaufstieg in die zweite Liga geschafft hat.

Doch etwas anderes macht die HSG speziell: Der Verein hält die Lenzburger zusammen. Schon in der zweiten Generation besteht die HSG hauptsächlich aus Lenzburgerinnen und Lenzburgern, die sich auch neben dem Spielfeld für ihre Stadt engagieren.

Auf Rasen und Beton

Ursprünglich waren die Handballer eine Riege des Turnvereins. Damals, vor 50 Jahren, begann Güx Schaffer Handball zu spielen. «Ein Freund von mir wollte nicht alleine anfangen.» Als guter Freund trat Schaffer ebenfalls ein. Der TV war allgegenwärtig, die Väter turnten am Barren, die Söhne spielten Handball. Aber nicht so, wie heute in der Neuhofhalle gespielt wird. Diese gab es noch nicht.

«Wir spielten oft in Baden in der Aue», sagt Schaffer. Und später in der Mehrzweckhalle in Lenzburg. Beide Hallen hatten einen Betonboden, was den Stil des Spiels beeinflusste. «Da warf man sich nicht auf den Boden», sagt Schaffer. Wenn sie nicht auf Beton spielten, waren die Lenzburger Handballer draussen. «Feldhandball – ein Allwetterprogramm.» Geschossen wurde auf das Fussballgoal; ein Vorteil für die zum Teil noch schmächtigen jungen Männer.

«Vom Flögel osse het mer e schöni Bogelampe chönne mache», sagt Güx Schaffer und zeigt mit einem langen Arm, wie man den Ball am Goalie vorbeischicken konnte, dass dieser gar keine Chance hatte. Zuschauer kamen praktisch keine, bei Regen noch weniger. «Höchstens eine Freundin, die mit dem Schirm die Tasche gehütet hat.» Und der Ball, «dieser nasse Ledersack», sagt Schaffer und lacht, «das war eine Herausforderung».

Jahrelang haben die Handballer des TV so gespielt und sind auf Rasen und auf Beton ein eingeschworenes Team geworden. «Wir waren eine zusammengewürfelte Gruppe mit vielen verschiedenen Charakteren. Doch auf dem Feld spielte das keine Rolle.» Jung, Alt, Anfänger und Virtuosen standen gemeinsam auf dem Feld. «Mer händ zäme gonne ond zäme verlore. I d’Chrone semmer glich», sagt Schaffer. Dort haben die älteren Spieler den Jungen das Bier bezahlt. «Es wurde aufeinander geschaut.» Sehr wohlwollend sei alles gewesen, die älteren Spieler waren Vorbilder.

So unterschiedlich auch die Charaktere gewesen sein mögen, eines hatten die Handballer von damals gemeinsam. Sie hatten den gleichen Hintergrund, kamen aus gutbürgerlichen Kreisen. «Es konnte nicht jeder in den Verein eintreten», sagt Güx Schaffer. Der Nachname musste stimmen; die Beziehungen zu den bestehenden Spielern. So wie Güx Schaffer gar nie probiert hätte, Tennis zu spielen, weil er wusste, dass er sich nicht im richtigen Umfeld bewegte. Die Handballer waren behütet und mehrheitlich sorglos. «Wir hatten ein Riesenglück», sagt Schaffer.

Trotz aller Gutbürgerlichkeit wehte auch in Lenzburg noch ein Hauch des rebellischen Geistes der 68er. «Wir trugen Jeans und lange Haare und hatten deswegen Lämpen.» Das Entwachsen aus den festen Strukturen bot ganz neue Freiheiten, mit denen man zuerst umzugehen lernen musste. Über eine Anekdote lachen Güx Schaffer und seine Freunde noch heute. «Auf dem Rückweg von einem Turnier war eines unserer Autos in einen Auffahrunfall verwickelt», sagt er. Die Mannschaftskollegen brausten in ihren Autos am Unfall vorbei. «De luegt de scho», haben sich alle gedacht.»

Selbstbewusst und frei seien sie gewesen. Die Turnierbesuche seien legendär gewesen. Gleich wie die Ausflüge nach Italien, Schaffers zweite Heimat. Heute heisst das Teambuilding. Die Handballer hatten es auch ohne diese Bezeichnung glatt.

Abstieg als Chance

Güx Schaffer spielt schon lange nicht mehr: «Der Sport wurde immer körperlicher.» Und der Körper älter. Die Handballer bekamen Kinder und trafen sich auf der Tribüne wieder, um der nächsten Generation zuzuschauen. Einer davon ist Tobias Buri. Auch sein Vater war Handballer. Buri spielt, seit er zehn ist; war mehrere Jahre Juniorentrainer und teilt sich heute mit Linda Kleiner das Präsidium.

1990 ist die HSG aus dem Zusammenschluss der Handballriegen des TV und des Satus entstanden. Die neue Generation hat die Nachnamen von damals in der HSG weitergeführt. Aber sie sind keine Bedingung mehr für den Beitritt. Trotzdem kommen immer noch die meisten Spielerinnen und Spieler aus Lenzburg. Nach 15 Jahren ist die erste Herrenmannschaft letztes Jahr in die dritte Liga abgestiegen. Da habe man sich zusammengerafft.

«Wir haben uns gleich nach dem Spiel zum Ziel gesetzt, wieder aufzusteigen», sagt Tobias Buri. «Wir haben eine Leistungskultur.» Der Abstieg sei eine Chance gewesen, sich neu zu finden, noch enger zusammenzuwachsen. Vor zwei Wochen ist der Aufstieg gelungen.

Co-Präsidentin Linda Kleiner hat nie selber Handball gespielt. «Ich bin ein Leben lang aktive Passivhandballerin», sagt sie. Sie ist ein Beispiel dafür, dass der Verein als sozialer Kleber funktioniert. «Viele Leute in meinem Umfeld haben gespielt», sagt sie. «Ich glaube, das Vereinsleben ist sehr wichtig für die Stadt.» So entsteht ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, das über die Sporthalle hinausreicht.

Die HSG spielt übrigens immer noch eine Art Feldhandball. Alle zwei Jahre. «Uns ist wichtig, am Freischarenmanöver einen möglichst grossen Zug zu präsentieren», sagt Buri. Während der Aufstiegskampf in der Halle siegreich war, endet das Manöver jeweils weniger erfolgreich.