Möriken
Ein tanzender Primas und ein gekaufter Erbprinz

Emmerich Kálmáns wenig bekannte Operette «Die Herzogin von Chicago» begeistert das Premierenpublikum. Eine Kritik.

Rosmarie Mehlin
Merken
Drucken
Teilen
Jan-Martin Mächler als James John Jacques Bondy und AndreaHofstetter als Prinzessin Rosemarie. Peter Siegrist

Jan-Martin Mächler als James John Jacques Bondy und AndreaHofstetter als Prinzessin Rosemarie. Peter Siegrist

Seit 1925 wird in Möriken-Wildegg Operette gespielt – noch nie hatte bisher ein Werk von Emmerich Kálmán auf dem Programm gestanden, weder die weltbekannten «Die Csárdásfürstin» oder «Gräfin Mariza» noch die nicht mehr häufig gespielte «Zirkusprinzessin». Nun aber ist der «Makel» behoben. Der Schritt zu Kálmán wurde gewagt mit «Die Herzogin von Chicago». 1928 in Wien uraufgeführt, ist dieses Werk weitgehend in Vergessenheit geraten. Vor drei Jahren hatte die von der Struktur her mit Möriken-Wildegg vergleichbare Operette Sirnach das Werk «ausgegraben» und 32-mal gespielt. In Möriken sind bis Ende November 25 Vorstellungen programmiert. Gemessen am tosenden Applaus nach der Premiere vom Samstagabend müssten es etliche mehr werden.

Nun mag man anfügen, dass ein Premierenpublikum nicht unbedingt das Mass aller Dinge ist. Doch was Möriken betrifft, so lautet mit «Die Herzogin von Chicago» die Devise «frisch gewagt ist rundherum gewonnen». Dabei muss der Verdacht, die Schreibende sei vom reizenden Liebesduett «Oh Rosmarie, o Rosmarie» über Gebühr verzückt worden, glattweg von der Hand gewiesen werden: Der Abend als Ganzes erfrischt, erfreut, beglückt.

Viel Witz und Ironie

1940 war der in Ungarn geborene Jude Kálmán, damals 58-jährig, in die USA emigriert. Mit «Die Herzogin von Chicago» hatte er zwölf Jahre zuvor, unterstützt von den Librettisten Julius Brammer und Alfred Grünwald, ein Stück Neue Welt nach Europa importiert. Der Plot, kurz zusammengefasst: Mary, einziges Kind eines Grossindustriellen aus Chicago, wettet mit ebenso reichen Freundinnen, dass man für Geld alles kaufen kann. Auf dem Balkan, im völlig verarmten Sylvarien, erwirbt sie das Schloss des Erbprinzen und den Prinzen gleich obendrein. Ersteres läuft wie geschmiert, beim Zweiten gibt es Probleme. Und – wie es zu einer Operette nun mal gehört – gibt es auch noch eine zweite Liebesgeschichte, hier zwischen Marys Sekretär James Bondy und der Prinzessin Rosemarie.

Viel stärker als die üblichen Liebe- und Intrigen-Verquickungen stossen in diesem Werk hochfeudale Tradition auf neureichen Geldadel. In der Handlung und den Dialogen schlägt sich das in viel Witz und Ironie – bis hin zur Parodie – nieder. In der Musik sind Duelle Trumpf zwischen Csárdás und Charleston, Walzer und Slowfox. Kálmán ficht diese mit feinen Florettspitzen aus und pariert zwischendurch auch mal mit einem Degen. Man muss sich hineinhören in diese Wechsel von «unverkennbar Kálmán» und swingendem Jazz. Aber je länger der Abend, desto mitreissender wird die Mischung.

Einfallsreich und harmonisch

«Die Herzogin von Chicago» ist eine aussergewöhnliche, reizvolle aber auch tückische Herausforderung für einen Regisseur, eine Regisseurin. So wie auch die ebenfalls wenig bekannte Kálmán-Operette «Die Bajadere», welche in diesem Frühling in Bremgarten gespielt worden war. In Möriken hat Thomas Dietrich ganze Arbeit geleistet: Seine Inszenierung ist einfallsreich, charmant und liebevoll. Das alles könnte sie allerdings ohne dieses Ensemble nicht sein. Angefangen vom bestens disponierten Chor – inklusive Nachwuchs in «Orgelpfeifen»-Formation – bis zum grossartigen Orchester unter Leitung von Bruno Leuschner, bildet die Aufführung eine begeisternde Einheit.

Der tanzende Geiger

Dazu tragen unter anderem auch die sehr wandlungsfähigen fünf ausgezeichneten Tänzerinnen bei und der Mann in ihrer Mitte: Der aus Winterthur stammende Musiker Ronny Spiegel, der primär als Zigeunerprimas brilliert, ist auch ein hinreissender Tänzer und wird so zum Publikumsliebling. Was die übrigen Solistinnen und Solisten keinesfalls frustrieren soll. Nicole Sieger, zum ersten Mal in Möriken dabei, spricht, singt und tanzt sich in der Titelrolle mit Charme und Können ebenfalls in die Herzen der Zuschauer. Einmal mehr begeistern Raimund Wiederkehr als Sandor durch seinen vollen, schmeichelnden Tenor, Andrea Hofstetter durch ihren Liebreiz und glockenhellen Sopran sowie Niklaus Rüegg in der Doppelrolle als Sandors Onkel und Marys Vater durch sein grosses komödiantisches Talent. Von Regisseur Dietrich mit besonders lustigen Einfällen ausstaffiert, sorgen die Auftritte von Jan-Martin Mächler als James Bondy für viele Lacher.

Zusammen mit einem vor allem zweckmässigen und zugleich hübschen Bühnenbild und einer enormen Vielzahl von reizvollen Kostümen ist diese «Herzogin von Chicago» unterhaltsames Amüsement und ein beglückendes Operetten-Erlebnis.

Möriken «Die Herzogin von Chicago», Operette von Emmerich Kálmán. Bis 30. 11.