Dürrenäsch

Ein Stück Heimat für Auslandschweizer

Das «Auslandschweizer-Home» war für Hunderte Ausgewanderte eine Art «Ballenberg» für ihre Erinnerungen an die Heimat.

Dürrenäsch ist eine ländliche Gemeinde auf einem Buckel zwischen Wynen- und Seetal. Nett, aber nicht spektakulär. Und trotzdem war das Dorf von 1956 bis 1979 ein Ferienparadies, das jedes Jahr Hunderte von Besucherinnen und Besuchern anlockte. Sie kamen aus dem nahen Ausland, Frankreich, München oder Rom. Aber auch aus Übersee – Lima, Bogotá, Singapur – reisten die Gäste nach Dürrenäsch. Der Grund für diese Anziehungskraft kann auch vierzig Jahre später noch an einem Haus mitten im Dorf abgelesen werden: «Auslandschweizer-Home», steht da. Das «Home» war ein Ort, wo im Ausland wohnende Schweizerinnen und Schweizer ihre Ferien verbringen konnten.

Dass diese Institution gerade in Dürrenäsch eröffnet wurde, liegt am Gründer Herbert Bertschy-Ringier, der einem alteingesessenen Dürrenäscher Geschlecht entstammt. Sein Vater Otto Bertschy war der «Seiden-Bertschi», der mit seinem Seidenposamenterbetrieb Filialen in Deutschland, England und Neuseeland betrieb. Junior Herbert stieg 1922 in das Unternehmen ein und reiste im väterlichen Auftrag um die ganze Welt. Auf diesen Reisen habe er überall Landsleute in der Fremde kennen gelernt und Verständnis für ihre Sorgen entwickelt, heisst es in der Chronik des «Auslandschweizer-Homes».

Bertschy, der 1935 die Zofinger Verlegerstochter Rita Ringier heiratete, hatte schon lange Pläne für eine Ferienkolonie in seiner Heimatgemeinde. 1956 konnte er das «Auslandschweizer-Home» eröffnen. Es umfasste insgesamt neun Liegenschaften mit über 100 Betten. Zum Geschäftsgebäude der 1955 geschlossenen Seidenbandfabrik Bertschy und den dazugehörigen Personal-Einfamilienhäusern erwarb Bertschy unter anderem die ehemalige Zigarri und die alte Post sowie den Bauernhof Bampf.

Der Landwirtschaftsbetrieb spielte für das Ferienheim eine wichtige Rolle. Das «Auslandschweizer-Home» wurde stets privat und ohne öffentliche Gelder geführt. Der Bauernhof diente der Selbstversorgung. Bei der Eröffnung 1956 kostete der Aufenthalt im Ferienheim pro Person und Tag fünf Franken. Dazu war vorgesehen, dass man in Haus und Hof mitanpackte. Das taten die Auslandschweizerinnen und -schweizer gemäss der Chronik noch so gern und bildeten beim Bohnenfädeln und Holzhacken neue Freundschaften. Für zehn Franken pro Tag konnte man sich von der Arbeit freikaufen. Und wer sich schon die Reise in die Schweiz kaum leisten konnte, dem ermöglichten Rita und Herbert Bertschy gegen mehr Arbeit grosszügige Rabatte. 1971 kostete ein Tag bei Mitarbeit 15 Franken.

Die Gäste genossen Ferien unter ihresgleichen

Herbert Bertschy hatte auf seinen Reisen die Nöte der Auslandschweizer richtig eingeschätzt. Sie hatten Heimweh. Die Schweiz war für viele weiter in die Ferne gerückt, als man sich das heute vorstellen kann. Briefe hatten Tage oder Wochen, bis sie in der Heimat ankamen. Nach jahrelanger Abwesenheit hatten viele keinen engen Bezug zur Schweiz und vor allem keine Freunde mehr. So freuten sie sich, wenn sie im «Home» unter ihresgleichen die Ferien verbringen konnten.

Der 1. August war jeweils der Höhepunkt des Jahres, an dem ein Reisli organisiert wurde. «Zum Glück gibt es das Auslandschweizer-Home», sagte ein Zahnarzt aus Buenos Aires, der nach 56 Jahren zum ersten Mal wieder in sein Heimatland zurückgekehrt ist. In seiner Heimatstadt Genf kannte er Strassen und Menschen nicht mehr, hält die Chronik fest. Im «Home» fand er dagegen die «Atmosphäre einer weltverbundenen Heimat».

Die Gäste in Dürrenäsch waren nicht mehr ganz Schweizer, aber auch nicht ganz Ausländer. Das Auslandschweizer-Home war für sie eine Art «Ballenberg», wo die Erinnerungen an die Schweiz konserviert wurden. Nicht nur emotional waren der Aufenthalt im Ausland und die Rückkehr in die Schweiz nicht immer einfach. Erst 1966 stimmte das Volk einem Auslandschweizer-Artikel in der Verfassung zu, der die rechtliche Situation der Expats und ihre Verbindungen zum Heimatland stärkte.

Neben den Feriengästen war das «Home» auch Sitz des ebenfalls von Bertschy gegründeten «Swiss British Centre». Zudem wurden hier Tagungen durchgeführt. Im Winter hatten die Betreiber schon immer Mühe das Haus zu füllen, doch ab Mitte der 70er-Jahre nahmen die Zahlen auch im Sommer ab. Die neue Generation Auslandschweizer hatte kein Heimweh mehr oder keine Lust auf erholsame Ferien auf dem Land, wird in der Chronik spekuliert. Zudem wurden Reisen immer populärer und billiger. Nach dem Tod des Gründerpaares 1979 wurde das «Home» im Herbst des gleichen Jahres geschlossen. Und Dürrenäsch verschwand wieder von der Landkarte der Tourismusdestinationen.

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