Lenzburg

Ein Paradiesvogel stolperte über eine kolumbianische Juristin

Das Bezirksgericht Lenzburg verurteilte einen Deutschen, weil er eine Kolumbianerin illegal beschäftigte. (im Bild: der Gerichtssaal)

Das Bezirksgericht Lenzburg verurteilte einen Unternehmer, der die Frau illegal beschäftigte.

Waren sie sich zu sicher? Winfried (alle Namen geändert) aus Deutschland, bald 60, verweigerte vor Gericht jede Aussage, und das Plädoyer seines Verteidigers hielt er für gelungen. Jedenfalls gingen sie nach der Verhandlung frohgemut zum Kaffee, bevor Gerichtspräsidentin Eva Lüscher das Urteil mündlich eröffnete.

Ruedi war nur der Chauffeur

Winfried hat einen Strafbefehl nicht akzeptiert. Darin wird ihm Förderung der rechtswidrigen Einreise und des rechtswidrigen Aufenthalts in der Schweiz vorgeworfen.

Es ist eine Frau aus Kolumbien, Maria, die er ins Land geholt und der er Arbeit gegeben haben soll. Vor Gericht steht auch noch ein Zeuge, der fallweise mit Winfried zusammengearbeitet hat.

Es geht um Geothermieprojekte weltweit, auch in Südamerika. Ruedi, 69, bestätigt: Ja, er habe Maria vom Flughafen und von Hotels zu Besprechungen gefahren. In den 50 Tagen, als die Anwältin aus Kolumbien in der Schweiz weilte, «vielleicht 20 Mal».

Bei diesen Gesprächen sei er aber nie dabei gewesen. Dass Winfried ihr den Flug bezahlt habe, könne er sich nicht vorstellen. Von vertraglichen Beziehungen zwischen Winfried und Maria wisse er nichts; er sei nur der Chauffeur gewesen.

Heiner hat nur das Hotel bezahlt

Ein zweiter Zeuge, Heiner, 72, Deutscher, sagt aus, er sei nicht als Chauffeur tätig gewesen, habe aber einmal auf telefonische Anweisung von Winfried hin eine Hotelrechnung für Maria beglichen.

Von Verträgen, die gemäss Maria zwischen ihr und den beiden Männern hin- und hergeschickt worden seien, per Mail, weiss er nichts: «Sie lügt.» Er wisse auch nichts darüber, ob Maria bei Winfried angestellt gewesen sei.

Und Winfried sagt bloss, er sei selbstständigerwerbend mit Wohnsitz in der Türkei, wohne jetzt vorübergehend bei Ruedi im Limmattal.

Maria fällt noch anderes ein

In seinem Plädoyer verweist der Verteidiger auf die umfangreichen Aktendossiers, die sich auch mit eingestellten Verfahren befassen. So habe Maria, die ihren Strafbefehl wegen rechtswidriger Einreise und rechtswidrigen Aufenthalts in der Schweiz akzeptiert hat, just und erst danach Winfried der Nötigung, ja Vergewaltigung bezichtigt.

Auch der Vorwurf an Winfried wegen Widerhandlung gegen das Geldwäschereigesetz wurde eingestellt. Für den Verteidiger ist klar: Marias Aussagen sind nicht glaubwürdig, nicht kohärent, nicht nachvollziehbar.

Ihren Aussagen zufolge sei sie als Juristin von Winfried in Brasilien angeheuert worden, zu einem Lohn von 20 000 Dollar pro Monat. Der Verteidiger bringt nun eine weitere Person ins Spiel, der Marias Vertragspartner gewesen sein soll, Georgios.

Der habe Maria in die Schweiz eingeladen, um die Geschäftspartner kennen zu lernen. Und dazu sei kein Einreisevisum nötig. Also seien die Vorwürfe an Winfried, der eisern schweigt, nichtig. Da Winfried nie Marias Arbeitgeber gewesen sei, dürfe «keine Verurteilung erfolgen».

Die Belastung Winfrieds vonseiten Marias sieht der Verteidiger als Reaktion auf ihren Misserfolg mit den eingestellten Verfahren wegen Vergewaltigung und Geldwäscherei. Maria habe sich in ihrer Heimat bereits ähnlich verhalten, weshalb ihre Aussagen «mit Vorsicht zu geniessen» seien.

Chat-Nachrichten mit deutlichen Hinweisen

Gerichtspräsidentin Eva Lüscher teilt diese Vorsicht, kommt aber dennoch zu einem Schuldspruch. Sie bezieht sich dabei auf Chat-Nachrichten und Winfrieds Aussagen «We bought your flight» und «I arranged».

Aussagen, welche Einreise und Unterkunft betreffen. Und rechtswidrig sei die Einreise, weil eine Arbeitsaufnahme stattgefunden habe. Eva Lüscher: «Ein schriftlicher Vertrag ist nicht nötig.»

Tatsache sei, sie habe gearbeitet. Immerhin habe Ruedi Maria rund 20 Mal zu Besprechungen gefahren. Das Überarbeiten von Verträgen sei Arbeit.
Die bedingt ausgesprochene Geldstrafe reduziert das Gericht von 60 auf 40 Tagessätze zu 100 Franken, da «weniger Arbeit nachgewiesen» werden konnte.

Auch die Busse verringert sich von 1500 auf 1000 Franken. Zu übernehmen hat Winfried die Verfahrenskosten von 1478.80 Franken, die Strafbefehlsgebühr von 1300 Franken und die Kosten des Verteidigers. Bevor weitere Schritte erwogen werden, warten Winfried und sein Anwalt nun das schriftliche Urteil ab.

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