Aarau

Ein Mittagessen mit dem blauen Kreuz

In der Küche wird eifrig gekocht und geschnippelt.

In der Küche wird eifrig gekocht und geschnippelt.

Jeden Dienstagmittag verwandelt sich das Zwinglihaus in ein Restaurant der besonderen Art. Der Mittagstisch des Blauen Kreuzes bietet Suchtkranken und Randständigen eine Beschäftigung und Freundschaften.

Die Gastronomie ist kein Ort für Leute mit schwachen Nerven. Das weiss jeder, der einmal im Service gearbeitet oder der wenigstens zur Mittagszeit einen Blick in eine Restaurantküche geworfen hat. Dennoch gibt es einige Gasthöfe in der Region, in denen fast ausschliesslich Menschen mit «schwachen Nerven» arbeiten – oder zumindest Menschen, die für vieles mehr Zeit brauchen.

Kontakt mit Fremden ist wichtig

Im Zwinglihaus der reformierten Kirche im Aarauer Scheibenschachen werden Küche und Saal jeden Dienstag zum temporären Restaurant. Das Blaue Kreuz bietet hier seit 2009 einen Mittagstisch an, 8 Franken kostet ein Menü mit Tee. So günstig geht es nur, weil die reformierte Kirche die Infrastruktur gratis zur Verfügung stellt. Hinter dem Kochtopf, neben dem Kässeli und vor den Gästen stehen Menschen mit psychischen, körperlichen oder finanziellen Problemen, viele waren oder sind alkoholsüchtig, sie haben Mühe, in der Gesellschaft wieder Fuss zu fassen, sie sind einsam.

Gäbe es nicht einfachere Beschäftigungen, als ein kleines Restaurant zu führen? «Es ist wichtig, dass sich diese Menschen integrieren und in der Öffentlichkeit beweisen können», sagt Rita Bachofen von der Stiftung Lebenshilfe Reinach.

Und viele müssten sich diese Öffentlichkeit erst wieder zutrauen, sagt Rosa Schifferle vom Restaurant Seetal. Lukas Wiedmer, Projektleiter beim Blauen Kreuz, stellt fest: «Die Leute blühen hier auf, sie merken: Ich bin jemand.» Er begleitet das Mittagstischteam, das aus acht bis zehn Helfern besteht. «Vier, fünf kommen immer, andere sind weniger zuverlässig», sagt Wiedmer. Jeder hat sein Ämtli, das gibt Sicherheit.

Treffpunkt für Senioren

Angelika und Therese machen heute die Kasse. Therese kommt aus Oberentfelden und ist schon von Anfang an dabei. Sie kennt eigentlich alle, die hier zum Zmittag kommen, die meisten sind Stammgäste. Viele Senioren aus der Umgebung sind darunter, aber auch eine berufstätige Mutter mit ihren Kindern.

Therese führt Angelika heute in die Buchhaltung ein, denn bald muss sie selbst für einige Wochen ins Spital. «Ich komme dich besuchen», sagt Angelika und fügt an: «Ich habe hier nach dem Tod meines Mannes eine neue Familie gefunden. Man muss doch einen Tagesablauf haben.»

Die Gäste kommen ebenfalls wegen der Gesellschaft. «Wegen der Abwechslung», sagt ein älteres Paar aus der Telli, «immer nur zu zweit essen, ist nicht gut.» Die beiden sitzen mit anderen «Tellianern» immer am selben Tisch, ein Platz ist für die Frau Pfarrer reserviert, Patricia Remy, die sich oft dazusetzt.

Nachschöpfen und nachfragen

«Ist es recht?», fragt die Bedienung. «Wie alt ist jetzt dein Vater?», fragt ein anderer. «Wie gehts?», fragt Lukas Wiedmer. Eine Frau antwortet: «Sehr, sehr gut», eine andere: «Es geht immer irgendwie.» Nicht nur wegen der günstigen, warmen Mahlzeit kommen viele, auch wegen dieser anderen Gratis-Wärme.

Einer, der nicht aufs Foto wollte und lange in der Küche blieb, kommt plötzlich und fragt, wie es geschmeckt habe, räumt die Mandarinenschalen weg und hebt eine Schoppenflasche auf, die ein Knirps fallen gelassen hat.

Nach dem Essen singt jemand inbrünstig ein religiöses Lied. Das ist in Ordnung, man applaudiert freundlich. Die Tellianer gehen jeweils vorher.

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