Stockholm/Seetal
Ein literarischer Sommerabend in Stockholms Hallwyl-Museum

Der 15. Poesiesommer bracht moderne Schweizer Lyrik nach Schweden - genauer: in die Hauptstadt Stockholm. Dass dies geschieht, kommt nicht von ungefähr.

Andreas Fahrländer, Stockholm
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Benita Funke las Lyrik von Luisa Famos – Hansruedi Zeder begleitete den Abend mit Bach.

Benita Funke las Lyrik von Luisa Famos – Hansruedi Zeder begleitete den Abend mit Bach.

AF

Der Seetaler Poesiesommer endete da, wo er begonnen hatte: in Schweden. Zum dritten Mal in Folge war das längste Literaturfestival der Schweiz nicht mehr auf das Seetal beschränkt, sondern expandierte nach Norden. In den prächtigen Räumen des Hallwyl-Museums in Stockholm fand der Poesiesommer einen Höhepunkt.

Die sommerwarme Stadt pulsiert draussen, hinter den dicken Mauern des Palastes ist es kühl und still. Vom Innenhof weht eine sanfte Brise in den grossen Salon. Der Lyrikabend mit dem Titel «Spätsommerbegegnungen» brachte Schweizer Literatur ins Herz der schwedischen Hauptstadt.

Für die Schweizer Botschaft in Stockholm sind Anlässe wie dieser wichtig. Bettina Funke, Kulturbeauftragte der Schweizer Botschaft in Stockholm, erklärt: «Unsere Aufgabe ist es, die Schweizer Kultur in Schweden zu fördern. Das soll in allen vier Landessprachen geschehen – dabei ist die Literatur natürlich zentral. Daraus entsteht oft wortwörtlich Kultur, die wächst und gedeiht.» Die enge Verbindung zwischen dem Hallwyl-Museum in Stockholm und Schloss Hallwyl im Aargau bietet dafür eine ideale Plattform.

Sieben verschiedene Sprachen

Auf Schwedisch führte Bettina Funke in den Abend ein: «Schöne Musik und schöne Poesie an einem fantastischen Ort.» Gedichte in allen vier Schweizer Landessprachen wurden im Original und in Übersetzung – teils auf Schwedisch, teils auf Englisch – rezitiert. Mit einigen schweizerdeutschen Gedichten kamen so sieben verschiedene Sprachen zusammen. Im Mittelpunkt stand Roger Perrets Anthologie «Moderne Poesie in der Schweiz». Das 640 Seiten starke Buch ist eine umfassende Gedichtsammlung von Schweizer Autoren seit 1900. Vorgetragen wurden die Gedichte teils von Perret selbst, teils von Ulrich Suter, dem Organisator des Poesiesommers. Die Aarauer Übersetzerin Monica Oliari las die italienischen Texte. Die Übersetzungen ins Schwedische und ins Englische rezitierte der Dramatiker Leif Olsson. Der schwedische Schauspieler meisterte das babylonisch anmutende Sprachgewirr mit Witz und sachkundigen Anmerkungen zu sprachlichen Finessen.

Die Gäste hörten Gedichte von Blaise Cendrars, Nicolas Bouvier, Remo Fasani, Robert Walser, Eugen Gomringer und zahlreichen weiteren Schweizer Lyrikern. Die rätoromanischen Texte las Ulrich Suter, die Übersetzungen dazu Bettina Funke. Ihr ist die Engadiner Autorin Luisa Famos ganz besonders ans Herz gewachsen. Vier ihrer Gedichte wurden extra für den Lyrikabend ins Schwedische übertragen.

Begleitet wurde der Abend vom Seetaler Hansruedi Zeder mit feinfühligen Klavierstücken von Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach. Der Pianist aus Hochdorf hat sich eigentlich ganz dem Clavichord verschrieben. Das empfindliche Tasteninstrument wurde auf dem Transport nach Schweden aber beschädigt. Zeder musste deshalb mit seinem Spiel auf den goldverzierten Steinway-Flügel der Familie Hallwyl ausweichen. «Keine so schlechte Alternative», wie er feststellte.