Jugendfest
Ein ganzes Leben in Ammerswil: Paul Gehrig (90) freut sich auf das Klassentreffen

Am Jugendfest gibt es ein grosses Klassentreffen der ehemaligen Schülerinnen und Schüler aus Ammerswil. Der älteste unter ihnen ist der 90-jährige Paul Gehrig. Er ist zeitlebens im Dorf geblieben.

Gabriela Gehrig
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Paul Gehrig-Tanner ist vor kurzem 90 Jahre alt geworden. Er hat sein ganzes Leben in Ammerswil verbracht. «Ich konnte keine grossen Sprünge machen, aber mir war es immer wohl hier», erklärt er.

Zum Jugendfest am kommenden Wochenende kommen viele nach Ammerswil zurück, die dem Dorf irgendwann den Rücken gekehrt haben. Rund 420 Einladungen hat die Gemeinde verschickt – so viele, wie Adressen ausfindig gemacht werden konnten. Insgesamt 160 ehemalige Schülerinnen und Schüler haben sich angemeldet.

Auf die Frage, was er vom Treffen erwarte, erwidert Paul Gehrig mit ernstem Gesicht: «Nicht viel». Und ergänzt dann augenzwinkernd: «Für mich ist es etwas blöd, da in meinem Alter fast keiner mehr da ist.» Er wird der älteste sein unter den Ehemaligen, und er ist gespannt, wen er überhaupt noch kennen wird. Von 1933 bis 1941 hat er in Ammerswil die Schule besucht. Damals betrug die obligatorische Schulzeit noch acht Jahre und es gab eine Oberstufe im Dorf. Das Schulhaus, in dem er die Schulbank drückte, steht längst nicht mehr.

Paul Gehrig-Tanner (links) 1938 mit seinen Schulgspänli und Lehrer Willi Häusermann.

Paul Gehrig-Tanner (links) 1938 mit seinen Schulgspänli und Lehrer Willi Häusermann.

Charmant, aber streng

Während des 2. Weltkriegs wurde, wie viele andere auch, Lehrer Willi Häusermann eingezogen, und es musste eine Stellvertretung her. Mit dieser waren die Schüler allerdings zufrieden. «Immer, wenn wir unter der Woche anständig waren, hat Fräulein Häfeli uns am Samstag in der letzten Stunde vorgelesen», erzählt Paul Gehrig. Nur wenige Male habe man darauf verzichten müssen. «Über die Stränge gehauen haben wir nie», erklärt er. Seine Streiche hat er längst vergessen. Eine Strafe ist ihm aber bis heute geblieben: Als Fräulein Häfeli in die Skiferien wollte, musste Paul ihr die Skier von Ammerswil zum Bahnhof Hendschiken tragen. Unterwegs habe sie ihm recht die Leviten gelesen. Er schmunzelt: Am Ende habe dann trotzdem ein halber Franken Trägerlohn herausgeschaut.

Die Stellvertretung blieb nicht die einzige Folge des Krieges. Wenn es im Dorf zu Einquartierungen kam, mussten die Soldaten im Schulhaus untergebracht werden. So wurden, wann immer Militär im Dorf war, die Ammerswiler Kinder hinter dem Pfarrhaus unterrichtet. Auch ging ab und an das Gerücht um, der General besuche das Dorf. «Dann gab es schulfrei. Fräulein Häfeli ist jeweils erwartungsvoll im Dorf auf und ab spaziert», erinnert sich Paul Gehrig.

Das alte Schulhaus wurde 1829 erbaut und 1980 abgerissen.

Das alte Schulhaus wurde 1829 erbaut und 1980 abgerissen.

Früh Verantwortung getragen

Nach seiner Schulzeit klapperte er als Fünfzehnjähriger etliche Fabriken ab, um Arbeit zu suchen. In der Seilerwarenfabrik AG in Lenzburg wurde er fündig. Als im Jahr darauf sein Vater starb, arbeitete er während einiger Jahre im Akkord in der Konfektionsabteilung, um seine Schwester und seine Mutter zu unterstützen. «Das Herz hat richtig gezittert», erzählt er. Später erhielt er das Angebot, die Abteilung im Stundenlohn zu leiten.

Bis zu seiner Pensionierung hat er in Lenzburg gearbeitet. Gelebt hat er sein Leben in Ammerswil: «Ich hatte immer das Gefühl, dass das Schicksal es richtig gemacht hat mit mir.»