Lenzburg
Ein Dorfpfarrer für die Kleinstadt

Martin Domann ist der neue reformierte Pfarrer. In der Schweiz vermisst der Deutsche nur eines. Das wird er aber hier nie finden.

Janine Gloor
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Der neue Pfarrer Martin Domann stammt aus Norddeutschland.

Der neue Pfarrer Martin Domann stammt aus Norddeutschland.

SEVERIN BIGLER

«Jetzt kommt noch was von oben.» Mit diesen Worten kündigte Olaf Wittchen, der ehemalige Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Lenzburg Hendschiken in seinen Gottesdiensten jeweils den Aufstieg auf die Kanzel an. Auch sein Nachfolger kommt von oben. Neun Jahre lang war Martin Domann Pfarrer in den Kirchgemeinden Steinbach und Maladers im Kanton Graubünden. «Dort war ich ein klassischer Dorfpfarrer», sagt er. Das hat ihm gefallen. Doch nach ungefähr zehn Jahren sei es für einen Pfarrer üblich, die Stelle zu wechseln. So kam Martin Domann (42) mit seiner Frau und zwei Töchtern nach Lenzburg. Er hat sich bewusst nach einer Kleinstadt umgesehen. «Eine Gemeinde mit einem Teampfarramt, in der man aber trotzdem die Nähe zu den Menschen findet.» Am kommenden Sonntag hält Domann in der Lenzburger Stadtkirche seinen Installationsgottesdienst.

Segeln statt Skifahren

Die Familie Domann hat sich im Pfarrhaus eingerichtet, die Mädchen wirbeln aufgeregt umher; sie freuen sich auf ihren ersten Kindergarten- und Schultag. An einer Wand hängt ein Bild einer verschneiten Schneelandschaft. «Die Schönheit der Natur bedeutet mir viel», sagt Domann. «Wir sind viel gewandert.» Wird er die Berge vermissen? Domann lacht. Herzlich und korrekt gleichzeitig. Mit dem Meer, der grossen Liebe des Norddeutschen, konnten die Berge nicht mithalten. Skifahren hat er nie gelernt, Domann segelt. Trotzdem habe er die Schönheit der Berge sehr geschätzt.

«Wir Norddeutschen brauchen nicht viele Leute um uns», sagt er. Eine Eigenschaft, die er auch in der Schweiz kennen gelernt hat. «Wir wurden freundlich empfangen», sagt er über seine erste Anstellung im Bündner Bergdorf. «Aber die Leute sind nicht gleich mit der Tür ins Haus gefallen.» Das Vertrauen hat sich Domann ganz gemäss seinem norddeutschen Naturell nach und nach aufgebaut. «Die Menschen sind ihm immer willkommen. Schnell hat er ihre Sprache verstehen gelernt.» Das steht in einem Porträt des Pfarrers im regionalen Onlineportal. Bevor sie ihren Dienst antreten, müssen Pfarrer aus dem Ausland zwei Monate ins Praktikum. Dialekt spricht Domann nicht. «Das passt nicht.» Aber ihm ist wichtig, dass er die Menschen in ihrer «Herzenssprache» versteht.

Fast wurde er Chemiker

In Lenzburg wird Domann neben den Gottesdiensten im Turnus für den Konfirmandenunterricht und für die Seelsorge der älteren Gemeindemitglieder, zum Beispiel im Altersheim, zuständig sein. Domann kommt aus einer pfarrerreichen Familie. Eigentlich wollte er Chemiker werden, doch dann keimte in langen Nächten eine Idee, die sich nicht länger ignorieren liess. Domann schrieb sich für Theologie ein. «Ich musste drei alte Sprachen nachstudieren», sagt er. Trotzdem habe er eine Riesenfreude gehabt, als er diesen Entschluss gefällt hatte.

Nach seinem Vikariat arbeitete er als pastoraler Mitarbeiter in Hude. «Eine Kleinstadt, mit Lenzburg vergleichbar.» Seine Stelle war von Spenden finanziert, als sie nicht mehr finanziert werden konnte, trat er die Stelle in der Schweiz an. Er musste nicht nur lernen, den Dialekt seiner neuen Gemeinde zu verstehen. Ihretwegen musste er auch sein Tempo drosseln. Ansonsten gibt es bei seinem klaren Hochdeutsch keine Verständigungsschwierigkeiten. Domann spricht mit sanfter Stimme. Auch als seine Töchter ihm beim Fototermin spontan auf den Schoss hüpfen. Der Glaube spielt im Familienleben eine grosse Rolle. Jeden Morgen liest Martin Domann in der Bibel und bespricht die Stellen mit seiner Frau. Sie stammt aus Franken, dialektal gefärbte Wörter rollen ihr mühelos aus dem Mund. Die Familie betet vor dem Essen und singt zusammen. Domann hofft, dass er in Lenzburg das Vertrauen der Gemeinde gewinnen kann. Die Sprache dürfte kein Hindernis sein. Bei dem von seinem Vorgänger eingeführten sommerlichen Segeltörn mit Jugendlichen kann er statt Worte seine Segelkenntnisse für sich sprechen lassen.