In den 1880er-Jahren zog die Schweiz zahlreiche skandinavische Autoren an. Karin Naumann-Magnusson, langjährige Schwedischdozentin in Basel und Zürich, schreibt in einem Aufsatz über die schwedische Exilliteratur in der Schweiz: «Das geistige und politische Klima im Norden war zu dieser Zeit für freisinnige Geister äusserst unwirtlich. Die schwedische Presse wurde von konservativen Kräften beherrscht, welche der jungen, radikalen Literatur nicht nur verständnislos, sondern geradezu feindselig gegenüberstanden.»

August Strindberg und Verner von Heidenstam waren zwei aufstrebende junge Schriftsteller, die es auf ihrer Suche nach Freiheit und Demokratie in den Aargau verschlug. Der Kulturkanton war damals noch landwirtschaftlich geprägt, aber hatte mit seiner föderalistischen Struktur und einem (im wahrsten Sinne des Wortes) freisinnigen Bürgertum demokratischen Modellcharakter. Nach Stationen in der Westschweiz und in Südeuropa kamen die beiden Exilanten 1886 nach Lenzburg.

Klaus Müller-Wille, Professor für Nordistik an der Universität Zürich, erklärt die Wahl des Aargaus mit den politischen Umständen. «Während Strindbergs Bild der Schweiz zu Beginn seiner Exilzeit noch von Jean-Jacques Rousseau, der Romandie und vor allem von der Landschaft des Genfersees geprägt war, rückt später das Bild der bäuerlichen demokratischen Schweiz in den Vordergrund», sagt Müller-Wille. «Das hat auch mit einer modernitätskritischen Haltung zu tun.» Der Aargau war damals geradezu ideal für die freiheitlichen Ideen der jungen Schweden. Eine funktionierende Demokratie bestand hier aus dem Gleichgewicht der bäuerlich geprägten Landbevölkerung und dem aufgeklärten Bürgertum in den Städten.

Verner von Heidenstam reiste nach seiner Hochzeit 1884 mit seiner Frau Emilia zuerst durch Südeuropa, bevor er sich in Appenzell und schliesslich im Aargau niederliess. Hier fand er zahlreiche mittelalterliche Burgen und Schlösser, für die er sich so begeisterte und die es in seiner schwedischen Heimat kaum mehr gab.

Das frisch vermählte Ehepaar Heidenstam mietete sich bei der Lenzburger Familie Hünerwadel zuerst in der Villa Talgarten in Lenzburg, dann auf dem Schloss Brunegg ein – in Sichtweite zu einer anderen mittelalterlichen Burg, der Habsburg.

Heidenstam schrieb: «Unser nächstes Nachbarschloss war Schloss Habsburg. Es hat gewiss nicht das Alter oder die pittoreske Lage der Brunegg und war ausserdem fast eine Ruine – aber es lockte oft zum Besuch.» Historisch lag er nicht ganz richtig, aber das herrschaftlich-mittelalterliche Lebensgefühl als Schlossbewohner war ihm wichtiger als wissenschaftliche Genauigkeit. Über das Schloss Brunegg schrieb er: «Wir haben das ganze Schloss gemietet mit Glasmalereien, Trinkkrügen und Rüstungen. Die Räume sind schäbig und einfach, aber die Aussicht ist göttlich!»

Strindberg kam 1886 nach und wohnte mit Frau und Kindern im Gasthof «Rössli» in Othmarsingen, ebenfalls auf Vermittlung der Familie Hünerwadel. Bei sich zu Hause in Lenzburg hatte die Familie schon vor Generationen einen berühmten Schweden beherbergt – den abgesetzten König Gustav IV. Adolf.

Die junge Lehrerin Sophie Haemmerli-Marti, die in Othmarsingen aufgewachsen ist, kam über ihren Vater Oberst Marti mit den schwedischen Schriftstellern in Kontakt. Strindberg wollte sie vergebens als Hauslehrerin für seine Kinder anstellen. Später schwärmte Sophie Haemmerli-Marti als berühmte Mundartdichterin vom neuen, skandinavischen Wind, der damals durch den Aargau ging. Mit der Geografie nahm sie es dabei nicht so genau: « Es isch öppis i der Luft gläge i de säbe Achzgerjohre: öppis Jungs und Uflüpfigs. En scharpfe Luft het gweiht vom Norwägische här.»

Die beiden Schweden fühlten sich wohl im Aargau. Im liberalen Klima konnten sie frei atmen und genossen die Vorzüge des beschaulichen Lebens. Heidenstam bewunderte den Freiheitswillen und die Eigenständigkeit des Schweizers, war aber auch amüsiert über dessen einfaches Wesen: «Sein grösstes Vergnügen ist es, an jedem Sommersonntag auf einen Berg zu einem Gasthaus zu steigen und zu rufen: Juchhe! Er ist ungekünstelt und ursprünglich, freundlich und hilfsbereit und sieht aus wie ein Glas fette Milch.»

August Strindberg und Verner von Heidenstam blieben nach ihrem gemeinsamen Aargauer Sommer noch gut zehn Jahre befreundet, bevor sie politisch und literarisch zu erbitterten Feinden wurden und die schwedische Kulturwelt unwiederbringlich auseinanderrissen. Strindberg wurde zum schwedischen Dichtergott, er ist bis heute weltberühmt und seine Werke zählen zu den meist gespielten Theaterstücken, auch auf deutschsprachigen Bühnen.

Heidenstam erhielt 1916 den Literaturnobelpreis, doch in seinen letzten Lebensjahren geriet er unverschuldet in ein schiefes Licht. Die Nationalsozialisten missbrauchten in den Dreissigerjahren sein Schaffen für ihren völkisch-rassistischen Propagandakrieg. Er geriet darauf in Europa und in seiner schwedischen Heimat in Verruf und fast in Vergessenheit.

Erst in den letzten Jahren wurde er rehabilitiert. In seiner Villa Övralid im schwedischen Östergötland finden sich bis heute zahlreiche Reminiszenzen an seine Zeit im Aargau. Prominent in der Bildergalerie prangt ein von Heidenstam selbst gemaltes Bild von Schloss Brunegg im Sommer 1886.