Strafgericht Lenzburg

Ein Delikt, zwei Versionen der Geschichte: «Es waren nur zwei Minuten»

«Wir haben bei diesem Fall etwas, was es selten gibt», sagte Gerichtspräsident Daniel Aeschbach.

«Wir haben bei diesem Fall etwas, was es selten gibt», sagte Gerichtspräsident Daniel Aeschbach.

Am Anfang stand ein Verkehrsdelikt. Dann eskalierte die Situation – und endete vor dem Bezirksgericht. Die unbedingte Geldstrafe wurde reduziert.

Das Parkieren bei einem signalisiertem Halteverbot ist nicht erlaubt. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob man nur zwei Minuten anhalten wollte. Dass Jasin (alle Namen geändert) und seine Frau im Halteverbot standen, ist aber nicht der einzige Grund, wieso er sich vor dem Strafgericht Lenzburg verantworten musste.

Jasin ist Ende 20 und trägt vor Gericht Jeans und Pullover. Auf dem Strafbefehl, den sein Anwalt angefochten hat, stehen unter anderem auch die Straftatbestände «Gewalt und Drohungen gegen Behörden und Beamte» und «Sachbeschädigung».

Gewaltsam die Türe geöffnet und ausgestiegen

Vorgefallen ist dies alles im September vergangenen Jahres zur Mittagszeit. Er habe auf dem Trottoir beim Mülli Märt angehalten, um seine Frau kurz rauszulassen, sagt Jasin vor Gericht. «Ich weiss, dass das verboten ist, aber es waren nur zwei Minuten und meine Frau musste unbedingt zum Geldautomaten.» Kaum war seine Frau weg, wurde Jasin von einer Polizeipatrouille kontrolliert.

Ab diesem Zeitpunkt gibt es zwei verschiedene Versionen der Geschichte. Gemäss der Anklageschrift hat Jasin die Polizisten bei der Kontrolle als «verdammte Hunde» beschimpft. Und obwohl er ruhig im Fahrzeug sitzen bleiben sollte, habe er wiederholt versucht, die Türe zu öffnen. Dabei habe er die Türe mehrfach gegen die Beine der beiden Polizisten geschlagen. Jasin soll dann gewaltsam die Türe geöffnet haben und ausgestiegen sein.

Jasins Version klingt anders

«Daraufhin versuchten die beiden Zivil- und Strafkläger den Beschuldigten zu fixieren», heisst es in der Anklageschrift. Damit sind die Polizisten gemeint. Jasin habe sich losgerissen und auf die beiden Polizisten eingeschlagen. Diese hätten ihm zuerst eine Ladung Pfefferspray in Aussicht gestellt und diesen dann auch tatsächlich eingesetzt.

Jasins Version der Geschichte klingt ein wenig anders. Er habe die Polizistin nicht direkt beleidigt, sondern zu seiner Frau gesagt, «die Hunde sind mittlerweile überall», sagte er vor Gericht. Aussteigen wollen habe er nur, um den Polizisten zu zeigen, dass es sehr wohl noch genügend Platz auf dem Trottoir für Passanten habe. «Als ich dann ausgestiegen bin, wurde ich in die Seite geboxt und bekam Pfefferspray in die Augen.» Weiter sagte Jasin: «Ich weiss, dass ich einen Fehler gemacht habe, aber ihre Reaktion war übertrieben.» Auch Jasins Verteidiger sprach von einer «Machtdemonstration» der Polizei und «unverhältnismässige Mittel, die angewendet wurden».

Anklagegebühr von 1000 Franken

«Wir haben bei diesem Fall etwas, was es selten gibt», sagte Gerichtspräsident Daniel Aeschbach an der Verhandlung. Die Dash Cam – also die Kamera – im Auto der Polizisten habe die Szene aufgezeichnet. Darauf ist auch zu sehen, dass es zwischen den Polizisten und Jasin zu einem Handgemenge kam, bevor sie das Pfefferspray einsetzten. Dieses Video ist es dann auch, das Jasin zum Verhängnis wird. Die Gewalt gegen die Beamten sei mit dem Öffnen der Autotüre und dem Handgemenge gegeben, sagt Daniel Aeschbach.

«Das alles wäre nicht passiert, wenn Sie sich an die Anweisung gehalten hätten und im Auto geblieben wären», sagte er zum Beschuldigten. Auch der Vorwurf der Machtdemonstration seitens der Polizei lässt der Richter nicht gelten. «Es ging nicht um viel, aber die Polizei wusste nicht, was hätte passieren können.» Aeschbach sah es auch als erwiesen dann, dass Jasin in Polizeigewahrsam einen Spiegel zerstört hatte. Er reduzierte jedoch die unbedingte Geldstrafe des arbeitslosen Jasin auf 120 Tagessätze zu je 15 Franken. Dazu kommt die Busse von 140 Franken und die Anklagegebühr von 1000 Franken.

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