Holderbank

Ein Daheim für Alkoholkranke: «Nachfrage nach Plätzen hat stark zugenommen»

Schwierige Wiedereingliederung: Der Effingerhort (im Volksmund «Kernenberg») bietet 30 Wohnplätze für alkoholabhängige Menschen an, die nach einer Behandlung die Integration nicht geschafft haben.

Schwierige Wiedereingliederung: Der Effingerhort (im Volksmund «Kernenberg») bietet 30 Wohnplätze für alkoholabhängige Menschen an, die nach einer Behandlung die Integration nicht geschafft haben.

Nach der Behandlung ins betreute Wohnen: Das Reha-Haus Effingerhort in Holderbank hat 24 neue Plätze geschaffen. Einblick in das Heim, das Menschen aufnimmt, die nirgends hinkönnen.

Julie von Effinger schaut streng. Als ob sie gewusst hätte, dass der Betrachter ihres Porträts ab und zu einen mahnenden Blick gebrauchen könnte. Das Bild hängt beim Empfang des Effingerhorts, einem Reha-Haus und Wohnheim für Alkoholabhängige. Die adlige Julie hat die als Stiftung organisierte Einrichtung vor über 100 Jahren gegründet, um «dem Laster der Trinksucht zu steuern und dadurch zur sittlichen und sozialen Hebung der von ihm geknechteten Mitmenschen beizutragen». So steht es in ihrem Testament geschrieben, in dem sie 1911 den Kernenberghof, ein alter Effingerbesitz ob Holderbank, der Stiftung gegen die Trinksucht spendete. Der ursprüngliche Hof steht heute nicht mehr, die ältesten Gebäude der Anlage sind das 1914 erbaute Verwaltungsgebäude sowie das Wohnhaus. Seither wurde der Effingerhort mehrmals ausgebaut, und am Samstag wird der neuste Erweiterungsbau mit einem Tag der offenen Tür eingeweiht.

24 neue Wohnplätze bietet der Neubau. «Wir sind in zwei Bereiche eingeteilt», sagt Heidi Sommer, Leiterin des Effingerhorts. In einen Behandlungsbereich und – seit 2009 – in einen Wohnbereich. In Letzterem wird betreutes Wohnen mit Arbeiten angeboten. «Die Nachfrage nach den Wohnplätzen hat in den letzten Jahren stark zugenommen», sagt Sommer. Voraussetzung für einen Platz für betreutes Wohnen ist eine IV-Rente. Mit dem Neubau bietet die Einrichtung nun in beiden Bereichen je dreissig Plätze an. Insgesamt sind im Effingerhort 23 Mitarbeitende angestellt.

Für alle, die nirgends hinkönnen

Heidi Sommer leitet das Rehahaus seit 19 Jahren. In dieser Zeit hat sich bei der Behandlung von alkoholabhängigen Menschen vieles verändert. «Früher begaben sich die Menschen schneller in eine stationäre Therapie», sagt Sommer. Nach dem Aufenthalt in einer Klinik und/oder einer Reha-Einrichtung konnten sie in den ersten Arbeitsmarkt zurückkehren. «Heute haben die meisten Leute schon keine Stelle mehr, wenn sie kommen.» Die Wiedereingliederung in die Arbeit und überhaupt in die Gesellschaft ist schwierig. Viele Bewohner hätten auch kein soziales Netz mehr, auf das sie sich verlassen könnten. Deshalb sind die Plätze für betreutes Wohnen so begehrt. «Wenn sie nirgends hinkönnen, sind sie hier ein bisschen daheim», sagt Heidi Sommer.

In der Cafeteria saugt ein Mann Staub, im Innenhof jätet ein anderer. Auf einem Fenstersims liegt ein Stapel Sandwiches, in Plastikfolie verpackt und mit einem Namen angeschrieben. «Uns ist wichtig, dass alle sinnvolle Arbeiten ausführen können», sagt Heidi Sommer. Die Bewohner sollen durch ihre Tätigkeiten ihr Selbstwertgefühl verbessern können. Gearbeitet wird im Garten, im Atelier, im Bereich Werken und Gestalten, in der Küche und der Hauswirtschaft sowie auf dem landwirtschaftlichen Betrieb. Zu Julie Effingers Zeiten war der Kernenberg nur für Männer vorgesehen. Und noch lange darüber hinaus; erst seit 1997 nimmt die Einrichtung auch Frauen auf. «Die Frauen machen ungefähr ein Drittel aller Bewohner aus», sagt Heidi Sommer. Sie spricht kurz mit einer Frau, die eine Tasse Kaffee trinkt. Ein Mann wendet sich an die Leiterin, um sie über einen Arzttermin zu informieren. Heidi Sommer kennt alle Bewohnerinnen und Bewohner mit Namen. «Ein guter Draht zu den Bewohnern ist mir wichtig», sagt sie.

Hier, hoch oben über dem Aaretal, erhalten die Bewohnerinnen und Bewohner das für Heidi Sommer wichtigste Gut im Umgang mit ihrer Sucht: Zeit. Eine Behandlung dauert zwischen neun Monaten und drei Jahren. «Ein Austritt muss gut geplant sein und schrittweise erfolgen.» Zudem ist kein Leidensweg gleich wie der andere. Auch der Weg auf den Effingerhort ist nicht für alle derselbe. «Viele kommen aus einer Klinik zu uns», sagt Sommer. Andere sind im Rahmen einer Fürsorgerischen Unterbringung oder einer stationären Massnahme im Effingerhort.

Heidi Sommer trinkt selber keinen Alkohol. Nicht weil sie prinzipiell dagegen ist. Aber sie hat alkoholische Getränke nicht gern und als Mitglied des Blauen Kreuzes ist Abstinenz ein Grundsatz. «Der Alkohol ist in der Schweiz sehr einfach zu erhalten», sagt sie. Und urteilt nicht, ob das gut oder schlecht ist. Doch sie weiss, dass die Alkoholerkrankung Betroffene ein Leben lang begleitet. «Um Schritte in ein suchtmittelfreies Leben zu ermöglichen, sind Änderungen in den Verhaltens- und Lebensmustern unumgänglich.»

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