Lenzburg

Ein Bündner in der «Burghalde»: Das ist der neuer Leiter Marc Philipp Seidel

Im grünen Salon des Museums Burghalde zeigt Marc Philipp Seidel, womit er sich aktuell beschäftigt.

Im grünen Salon des Museums Burghalde zeigt Marc Philipp Seidel, womit er sich aktuell beschäftigt.

Der neue Leiter des Lenzburger Museums Burghalde erklärt, was er unter einem modernen städtischen Museumsbetrieb versteht.

Im Büro des Museumsleiters schwebt ein Duft im Raum, der das Frauenherz höherschlagen lässt. Es riecht nach Zitrone, Lavendel, Rose. Wo dieses unwiderstehliche Aroma herkommen mag? Marc Seidel lächelt, zeigt auf ein unscheinbar wirkendes Stück Seife auf dem Bürotisch. Ein handfestes Zeichen der kommenden Sonderausstellung im Museum Burghalde: «Eine saubere Sache».

Vernissage ist am 26. März. Im Zentrum der neuen Ausstellung steht die Geschichte der früheren Seifenfabrik Lenzburg AG. Heute wird das Areal als Autoabstellplatz genutzt und im Volksmund weiterhin «Seifi» genannt. In der Sonderausstellung wird das Thema Sauberkeit in vielfältigen Facetten zu sehen sein.

«Dinge zusammenführen und in verschiedensten Formen erlebbar machen, ist eine Passion von mir», gesteht Marc Seidel. Während er von den Teilprojekten der «Sauberen Sache» schwärmt, strahlt er über das ganze Gesicht – und wirkt dabei fast ein wenig wie ein kleiner Junge, der sein Lieblingsspielzeug vorführen darf.

«Die Aufgabe in Lenzburg hat mich gefunden»

Der 41-jährige promovierte Kunsthistoriker und Kulturmanager Marc Philipp Seidel leitet seit Anfang Jahr das Museum Burghalde. Als Nachfolger von Christine von Arx, die das Haus Sonnenberg von der Peter-Mieg-Stiftung gekauft hat und dort eine vielseitig agierende Kulturinstitution plant.

Mit Marc Seidel einen Gesprächstermin zu finden, kommt einem kleinen Kraftakt gleich. Sein Alltag sei stark durchgetaktet, sagt er fast etwas entschuldigend. «Doch alles guat», fügt er in bestem Bündnerdialekt an. Seidel führt in Teilzeitpensen die Museen Burghalde in Lenzburg und das Museum Eduard Spörri in Wettingen.

Der neue Museumsleiter zeigt sich als kurzweiliger Gesprächspartner, schwärmt von der Fülle an geschichtsträchtigem Stoff, den Stadt und Region Lenzburg zu bieten haben. Er lässt sich von nichts aus der Ruhe bringen. Etwas provokativere Fragen kontert er zuerst mit einem charmanten Lächeln. «Die Aufgabe in Lenzburg hat mich gefunden», sagt er angesprochen auf seinen langjährigen Wohnsitz in Zürich mit weitaus umfangreicherem Kulturschaffen als im Kleinstädtli Lenzburg.

«Lenzburg und seine Geschichte ist ein Traum für einen Kunsthistoriker», hat Seidel bei früherer Gelegenheit einmal gesagt. Als neuer Museumsverantwortlicher fügt er an: «Für mich hat das Museum Burghalde gerade die richtige Grösse.»

Seidels Handschrift im künftigen Museumsbetrieb

Bereits seit August 2017 ist er Sammlungsverantwortlicher für das Museum Burghalde und auch für die Kunstgegenstände der Stadt zuständig. «Es gibt hier grossartige Stücke über alle Kunstgattungen hinweg.» Er bedauert, dass der Begriff Museum noch heute für viele Leute eine Hemmschwelle darstelle. Diese gelte es abzubauen. Seidel will das Interesse für Museumsbesuche wecken, indem er zielgruppengerechte Angebote in zeitgemässer Form aufbereitet. Was er darunter versteht, hat die Öffentlichkeit bereits in der vergangenen Sonderausstellung erfahren.

Gemeinsam mit der damaligen Museumsleiterin Christine von Arx hat Marc Seidel das Jubiläum zur historischen Mondlandung im Jahr 1969 auch im städtischen Museum thematisiert. In der Öffentlichkeit hat das zwar zu einer Kontroverse geführt: Die einen waren begeistert, andere eher etwas konsterniert darüber.

Sprengen solche Themen nicht die Aufgabe eines Ortsbürgermuseums? Seidel schmunzelt. Es sei gar geschrieben worden, er hebe jetzt ab, sagt er und setzt nach, wenn das im positiven Kontext zu verstehen sei, dann durchaus Ja. Dabei erklärt der Museumsleiter seine Vision, die hinter dem erstmals angewendeten Ausstellungskonzept steckt.

«Lokale Sachverhalte werden mit aktuellen Gegebenheiten verbunden.» Als Beispiel führt er die Ikonensammlung in Museum Burghalde an, die er in Zusammenhang mit dem russischen Kosmonauten Juri Gagarin bringt.

Den Ortsbürgern ist das Museum lieb und teuer

Marc Seidel steht vor einer Herkulesaufgabe. Die Betriebskosten des modernisierten Museums belasten die Kasse der Ortsbürgergemeinde. Laut Budget steigen die Ausgaben im Jahr 2020 auf über 900000 Franken. Auf der Einnahmenseite stehen 80'000 Franken für Museumseintritte, Dienstleistungen und Shop-Verkäufe.

Die Frage, wie er mit der Schere zwischen Aufwand und Ertrag klarkomme, kontert Seidel mit der Gegenfrage: «Welche Aufgaben kommen einem Ortsmuseum denn zu?» Sie hat jedoch rein rhetorischen Charakter, Seidel gibt die Antwort grad selber: «Das Museum Burghalde ist das kollektive Gedächtnis von Lenzburg und hat gerade in einer wachsenden Stadt einen wichtigen identitätsstiftenden Charakter.»

Und er folgert: «Das Museum ist eine ideelle Institution und kann daher kaum laufend auf seine Wirtschaftlichkeit geprüft werden.» Hinzu komme, dass das städtische Museum mit dem neuen Konzept und seinen Aktivitäten zunehmend überregionale Beachtung finde, was einen erheblichen Imagegewinn für die Stadt darstelle.

Das Ortsbürgermuseum ist für den Europäischen Museumspreis 2020 im Mai in Cardiff nominiert. Zusammen mit sieben weiteren Museen aus der Schweiz; darunter sind das Stapferhaus in Lenzburg und das Hexenmuseum in Gränichen.

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