Niederlenz
Ein Blick in die Erinnerungskiste: «Wir denken an die schönen Zeiten der Gartenbauschule zurück»

So lange wie Barbara Häsler hat niemand in der Gartenbauschule in Niederlenz gearbeitet. Vor knapp 50 Jahren begann sie dort ihre Lehre – nun steht die Schliessung der Werke bevor.

Ruth Steiner
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«Mit langen Hosen sind die Schülerinnen besser versorgt»
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Das Berufsbildungszentrum Niederlenz (ehemals Gartenbauschule) schliesst Ende Monat nach 112 Jahren für immer.
Der ehemalige Lehrvertrag von Barbara Häsler, die ihre Lehre bereits in der «Gartenbauschule für Töchter» gemacht hat und heute in der Küche arbeitet.
Direktiven für die Arbeitskleidung an die Lehrtöchter 1969.
Barbara Häsler hat sämtliche Korrespondenz aufbewahrt.
Weitere Bilder von der ehemaligen Gartenbauschule.
Ein Blick in den Blumenladen auf dem Gelände der Schule.
Marita Walde ist Leiterin des Blumenladens.

«Mit langen Hosen sind die Schülerinnen besser versorgt»

Sandra Ardizzone

Barbara Häsler reagiert gereizt, wenn jemand kolportiert, der langjährige Dorfpolizist Kurt Häsler habe die junge Gärtnerin nach der Lehre in der Gartenbauschule vor bald 50 Jahren grad in Niederlenz behalten. Das stimmt einfach nicht, sagt die mittlerweile 66-Jährige vehement. Dass Kurt die junge Frau aus Villnachern später ins Dorf zurückgeholt hat, lässt sie dann gelten. «Meinetwegen kann man es so schreiben.» Obwohl, so ganz richtig sei auch diese Version nicht.

Doch hier geht es nicht um Barbara Hartmanns, wie Häsler mit ledigem Namen hiess, persönliche Lovestory. Vielmehr dreht sich die Geschichte um die Frau, welche fünf Jahrzehnte lang in verschiedenen Funktionen im Betrieb tätig war. Das ist beinahe die halbe Existenzdauer der Schweizerischen Gartenbauschule (GBS) beziehungsweise des späteren Berufsbildungszentrums Niederlenz (BBZ), das nun nach 112 Betriebsjahren schliesst.
Sara Mammano ist sozusagen das Gegenstück zu Häsler.

Die 21-Jährige aus dem Kanton Tessin gehört zum letzten Jahrgang mit einem Zertifikat der Ausbildungsstätte in Niederlenz. 47 Jahre liegen zwischen den Lehrverhältnissen der zwei Frauen. Trotz der langen Zeitspanne sei in all den Jahren etwas unverändert geblieben: Die familiäre Atmosphäre und der Zusammenhalt in den Werken Niederlenz sind einzigartig, sind sie sich einig. Ansonsten hat sich für die Lernenden viel verändert in der Zwischenzeit.

Sara Mammano schmunzelt, als Barbara Häsler ein Couvert aus der Tasche zieht und ein schmales Büchlein mit einem festen gelben Kartonumschlag auf den Tisch legt. «Lehrvertrag für Gärtner» steht mit dicken schwarzen Lettern draufgeschrieben. Und mit schwarzer Tinte ergänzt sind Name und Lehrdauer vom 1. April 1969 bis 31. März 1972. Im separaten Brief an die Eltern Hartmann schreiben die Verantwortlichen aus Niederlenz: «Wir freuen uns, dass Ihre Tochter Barbara in die Gartenbauschule eintreten kann.»

Auch die damals 17-jährige Tochter Barbara war glücklich über den positiven Bescheid, erzählt sie, gab es doch Jahre, in welchen die Bewerbungen die Anzahl Ausbildungsplätze bei weitem überboten. Für Barbara Häsler mit ihrem handwerklichen Geschick und Freude zur Natur war eine Gärtnerinnenlehre genau das Richtige.

Stets die Lernenden im Fokus

Bis zum Lehrantritt hatte die junge Barbara für eine geeignete Arbeitskleidung zu sorgen. Dazu gab es im Voraus klare schriftliche Direktiven aus Niederlenz. «Für die Anschaffung der benötigten Gartenkleider erhalten Sie in der Beilage eine Schnittskizze und Stoffmuster, die Sie nach Belieben wählen.»

Barbara Häsler zieht einen roten, grünen und blauen Stoffplätz aus dem Briefumschlag samt der Musterskizze für den Arbeitsrock. Auch was die übrige Kleidung anbelangte, gab es schriftliche Empfehlungen. Zum Beispiel diese: «Ein Manchesterjupe ist nicht notwendig. Wir sehen immer wieder, dass die Schülerinnen mit langen Hosen zur Arbeit viel besser versorgt sind.»

Barbara Häsler sprudelt nur so, wenn sie in der Erinnerungskiste wühlt. Sie erinnert sich an die strengen Sitten, die im Internat herrschten. Lange Zeit lebten alle Schülerinnen unter der Woche in der Villa auf dem Areal. Häsler erzählt auch, wie sie nach der Geburt ihrer Kinder sukzessive in den Betrieb zurückkehrte und dort einsprang, wo Not an der Frau herrschte. Sei es als Skilagerbegleitung oder als gute Fee in Küche und Internat.

«Und jetzt helfe ich, bis es hier fertig ist», sagt die mittlerweile Pensionsberechtigte. Und wenn es um die anstehende Schliessung der Werke geht, schwingen Emotionen in Häslers sonst fester Stimme mit: «Das BBZ ist viel mehr als einfach ein Job für uns. All die Jahre haben wir stets zum Wohl der Lernenden gearbeitet, wenn nötig auch bis spät in die Nacht hinein. Dass es nun ein solches Ende nimmt, tut umso mehr weh.»

Historie und Ende: Die Gartenbauschule schliesst mit einer Derniere am 26. und 27. Mai

Als die Redaktoren 2006 die Jubiläumsbroschüre mit «Hundert Jahre in voller Blüte» titelten, dachte niemand im Entferntesten daran, dass es sich nur zehn Jahre später im Berufsbildungszentrum (BBZ)/Gartenbauschule ausgeblüht haben würde.
Ende August 2016 entschieden die Schweizerischen Gemeinnützigen Frauen in einer emotional verlaufenen ausserordentlichen Generalversammlung, die Trägerschaft aufzukündigen. Damit versetzten sie der Institution den Todesstoss, die 1906 als Schweizerische Gartenbauschule für Frauen (GBS) ins Leben gerufen worden war. 1940 erhielt die Ausbildungsstätte die staatliche Anerkennung.

Ab 1984 wurden im Blumenladen Floristinnen ausgebildet und 1996 kam das Couture-Atelier ModeElle dazu, welches Bekleidungsgestaltenden eine Ausbildung bot. 2010 wurde aus der GBS das BBZ, was so viel wie Berufsbildungszentrum bedeutet. Seit 2004 ist Gartenbau-Ingenieurin Brigitte Vogel Vorsitzende der Geschäftsleitung. Sie hat 1986–89 im BBZ Gärtnerin gelernt und ist seit 25 Jahren im Betrieb. «Ich wusste schon in der Lehre, dass ich wieder zurückkehren werde», sagt die aus dem Kanton Glarus stammende Vogel. Ihr fällt nun die Aufgabe der definitiven Schliessung zu.

Diese findet am übernächsten Wochenende statt: «Das BBZ Niederlenz lädt Sie herzlich ein, am 26. und 27. Mai 2018, jeweils von 10 bis 16 Uhr, die 112-jährige Geschichte abzuschliessen», heisst es in der Einladungskarte, die kürzlich verschickt wurde. Auf einen offiziellen Abschied wird ebenso verzichtet wie auf einen speziellen Schlussverkauf von Blumen und Inventar. «Das Wochenende ist für alle reserviert, die gerne nochmals ins BBZ kommen möchten und uns so Gelegenheit geben, persönlich Adieu zu sagen», sagt Brigitte Vogel. Das BBZ bleibt noch bis am 13. Juli geöffnet. (str)

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