Lenzburg
Ein Blick auf die 1000-jährige Schlossgeschichte – von ganz oben

1000 Jahre Geschichte haben an der Lenzburg ihre Spuren hinterlassen. Auch die jetzige Sanierung wird kein makelloses Gebäude hinterlassen. Von hoch oben bietet es einen spektakulären Anblick.

Janine Gloor
Merken
Drucken
Teilen

Das Schloss Lenzburg ist ein Flickwerk aus Stein und Mörtel. Seit vor mehr als tausend Jahren die Grafen von Lenzburg sich ihren Wohnsitz auf dem kreisrunden Hügel eingerichtet haben, ist das Gebäude nie lange das gleiche geblieben. Besitzer haben es wachsen lassen, Jahrhunderte haben ihre Spuren hinterlassen.

Die aktuelle Sanierungswelle hatte ihren Beginn 2014 mit den Schlossmauern. Tausend Jahre haben sie bröcklig werden lassen. An der Fassade des Ritterhauses sind die ältesten Steine und Verputzstücke halb so alt. 500 Jahre hat der Wind an den Wänden des grossen Hauses genagt, Regen und Schnee darangepeitscht. Der Rittersaal ist aus Sandsteinen gebaut. «Ein weicher Stein», sagt der kantonale Denkmalpfleger Jonas Kallenbach. Er ist der Dermatologe der zuweilen etwas runzlig gewordenen Schlosshaut.

Die Vorfahren machen’s vor

Damit der Sandstein geschützt ist, wurde er von den Handwerkern vor 500 Jahren zuerst mit einer Schlämme überzogen. Noch bevor sie ganz getrocknet war, folgte der Kalkverputz. Diese Technik garantiert eine beständige, atmungsaktive Schutzschicht. Denn Feuchtigkeit ist Gift für die Mauern und darf nicht von einem undurchlässigen Verputz eingefangen werden.

Dieser Ausblick bietet sich auf dem Kran in der Schlosseinfahrt:

Diesen Ausblick aus 50 Metern Höhe können sonst nur die Dohlen geniessen.
7 Bilder
Wer ihn geniessen will, muss aber zuerst den Aufstieg schaffen.
Auf dem Kran hat man den Überblick über die ganze Region – wenn sie nicht im Nebel liegt.
50 Meter sind ganz schön hoch.
Der Kran steht in der Schlosszufahrt. Bläst der Wind durch das Gestänge, schwankt und klingt er.

Diesen Ausblick aus 50 Metern Höhe können sonst nur die Dohlen geniessen.

Chris Iseli

Die Südfassade des Ritterhauses ist besonders exponiert, hier wurde bei der letzten Sanierung der gesamte Verputz ersetzt. In den 80er-Jahren wurde nicht geschlämmt, wodurch dieser Verputz nicht die üblichen 30 bis 40 Jahre hielt. «Jede Bautätigkeit geschieht nach dem besten Gewissen und Gewissen der damaligen Zeit», sagt Jonas Kallenbach. Heute greift man auf die ältesten Methoden zurück, die Vorfahren machen’s vor.

An der Südostecke des Ritterhauses mussten Schadstellen an den Ecksteinen repariert werden. Die Steinblöcke wurden aber nicht aus der Mauer herausgezogen wie die Blöcke aus einem Jenga-Turm. «Wir haben die ersten 7 bis 8 Zentimeter der massiven Steinblöcke mit neuem Material ersetzt», sagt Architekt und Projektleiter Hansruedi Urech, der die Sanierung leitet. «Die Steinblöcke sind bis zu einem Meter lang; die Statik wurde nicht beeinträchtigt.»

Auf spezialisierte Handwerker angewiesen

Die alten Techniken verlangen viel Zeit und Sorgfalt. «Die Abläufe müssen alle perfekt koordiniert sein», sagt Kallenbach. Diesen Sommer waren die hohen Temperaturen eine Herausforderung. Damit die einzelnen Schichten nicht zu schnell trockneten, mussten sie regelmässig befeuchtet werden.

Der Verputz bringt das Ritterhaus in seinen ursprünglichen Zustand zurück. Die Vorstellung, dass man bei einer Burg die Bausteine sehen muss, ist eine neuere. «Das fand man im 19. und 20. Jahrhundert romantisch», sagt Kallenbach. Der Sandstein findet das weniger romantisch, weshalb man für diese Bauweise härteren Stein wie Mägenwiler Muschelkalk verwendete.

Für die Arbeiten nach historischen Kenntnissen sind die Verantwortlichen auf spezialisierte Handwerker angewiesen. «Die Auswahl ist sehr klein», sagt Sandro Hächler, zuständiger Projektleiter von Immobilien Aargau. Gebäude wie das Schloss verlangen ein grosses Erfahrungswissen und eine noch grössere Hingabe. «Da kommt es auch vor, dass man an einem Samstag nochmals nachfeuchten muss», sagt Kallenbach.

Die erfahrenen Handwerker können am Schloss über Generationen erworbenes Wissen weitergeben. Für die jüngeren Fachleute ist es ein einmaliges Lehrobjekt. «Die Handwerker sind stolz auf ihre Arbeit hier, das merkt man», sagt Hächler. Kallenbach betont die Bedeutung von Hand in Handwerk. An der Fassade kommen keine Maschinen zum Einsatz, alles wird von Hand aufgetragen.

Ein neues Kapitel aus Kalk

Wenn man hoch über dem Schlossberg auf dem Baugerüst steht, das Gekeife der Dohlen in den Ohren und die Nase knapp vor der Fassade des Ritterhauses, dann sieht man die einzelnen Teile der Burg. Die Übergänge zwischen altem und neuen Verputz; die neuen Fugen und die Farbunterschiede bei den noch unverputzten Sandsteinen: «In den 80er-Jahren wurde ein Sandstein aus dem Zürichseegebiet verwendet», sagt Kallenbach. Dieser ist bläulicher als der Berner Stein, dafür beständiger.

«Nach dem heutigen Verständnis von Ästhetik sollte eine Fassade zehn Jahre lang gleich aussehen», sagt Hansruedi Urech. «Das bringt man im historischen Bereich nicht hin.» Die Fassade lebt; hat eine Patina. «Wie eine Lederjacke», sagt Sandro Hächler. Kallenbach macht einen Vergleich mit den Häusern im Süden: «Wenn wir in die Ferien fahren, suchen wir ältere Fassaden, die eine Geschichte erzählen.» Das Schloss erzählt eine tausendjährige Geschichte. Mal ist es ganz weiss, mal verfleckt. Mal sind die Steine 500 Jahre alt, mal nagelneu. Und die Geschichte geht weiter, auf dem Schloss ist nie Schluss.