826'540 Franken, exakt gezählt und gebündelt. Grosse und kleine Noten, Münzen – gut versorgt in einer Stahlkassette. Sorgfältig trägt Prokurist Hansjörg Schärer die wertvolle Last die Treppe hinunter in den Keller, wo sie im Tresor der Bank sicher gelagert werden soll. Ein Prozedere, das in der «Hypi» jeden Tag nach dem gleichen Muster abläuft.

Schärer freut sich auf das Wochenende und den bevorstehenden Umzug der «Hypi». Die Raumverhältnisse in der kleinen Bank an der Bahnhofstrasse 3 sind knapp geworden. In einer Woche geht es über die Strasse in den viel grösseren, komfortablen Neubau.

Es ist kurz nach halb sieben Uhr abends. Die Schalter sind am Freitag länger offen als an andern Wochentagen. Eben hat der letzte Kunde die Bank verlassen, die drei Schalter sind zu. Ein ganz normaler Freitag. Bisher. Doch diesmal kommt Hansjörg Schärer nach der letzten Treppenstufe nicht weit. Im Gang taucht unvermittelt eine Gestalt auf, über den Kopf eine Strumpfmaske gestülpt, und stellt sich dem 37-Jährigen in den Weg.

«Kei Bewegig, sösch knallt’s», sagt der Maskierte zu Schärer und richtet den Revolver auf ihn. «Mach ke Seich», entfährt es dem jungen Familienvater. Er legt die Geldkassette wie geheissen auf den Boden. Leistet keinen Widerstand. So lauten auch die Weisungen der Bank. Der Vermummte dirigiert den Schalterbeamten anschliessend in den nächsten Raum und sperrt die Tür von aussen zu. Fast eine halbe Stunde später wird Schärer von der Polizei befreit.

Diese Szene könnte aus einem Kriminalfilm stammen. Tut sie nicht. Die Geschichte ist real – passiert am 11. April 1975. An diesem Tag wurde auf die «Hypi» ein Raubüberfall verübt.

Der «Blick» berichtete am 21. April 1975 über den Banküberfall in Lenzburg. Buch: Die Hypi-Story

Der «Blick» berichtete am 21. April 1975 über den Banküberfall in Lenzburg. Buch: Die Hypi-Story

43 Jahre sind seither vergangen. Mittlerweile ist Schärer 80 Jahre alt. Vor sechs Jahren hat er das Eigenheim in Lenzburg verkauft und ist mit seiner Frau Elisabeth an den Hallwilersee gezogen. Wenn es geht, fährt der rüstige Senior täglich in die Badi «nach Robischwil go schwimme. Scho ne Kilometer», erzählt er stolz. Dann greift Hansjörg Schärer zum Buch mit der Bankgeschichte, das er vor sich auf dem Wohnzimmertisch liegen hat.

Zwei Feiern auf dem Schloss

«Die Hypi-Story» erzählt die Entwicklung der Regionalbank, in der Schärer drei Jahrzehnte lang gearbeitet hat. Die Hypothekarbank Lenzburg feiert heuer ihr 150-jähriges Bestehen. Das ganze Jahr hindurch mit verschiedenen Anlässen. Heute und morgen Abend finden die zwei zentralen Jubiläumsveranstaltungen auf Schloss Lenzburg statt. Am heutigen Freitag sind rund 200 Gäste, unter anderem aus Politik und Wirtschaft, von Partnerbanken und Mitbewerbern, geladen. Am Anlass morgen Samstag stehen die Mitarbeitenden im Zentrum der Aktivitäten. Zu diesem Mitarbeiterstab gehörte von 1971 bis 2001 auch Hansjörg Schärer. In dieser Zeit ist er in der «Hypi» zur Institution geworden.

Als Schalterbeamter hat Schärer die Kundschaft in- und auswendig gekannt – und zwar so gut, dass ihm der damalige Direktor Franz Renggli mangels adäquatem Ersatz die frühzeitige Pensionierung ausreden wollte. Schärer liess jedoch nicht mit sich verhandeln. «Herr Doktor, habe ich ihm gesagt, ich bleibe bei meiner Entscheidung.» Die zunehmenden Neuerungen im Bankgeschäft hätten ihm zu schaffen gemacht, sagt er rückblickend. Damals sei gerade wieder ein neues Computerprogramm installiert worden und habe nicht wunschgemäss funktioniert. Zu jener Zeit habe sich die heutige CEO Marianne Wildi, damals Mitarbeiterin in der Informatik, «derartiger Sachen angenommen», erinnert Schärer sich und schmunzelt.

Mattscheibe beim «Tatort»

Die Freude an der grossen Beute währte nur kurz. Der Bankräuber und sein Komplize konnten schon bald verhaftet und das Geld bis auf 100 000 Franken sichergestellt werden. Schärer weiss, was mit dem Rest passiert ist. «Sie händ Schulde zahlt und de Räscht verlölet.» An der Gerichtsverhandlung ist Hansjörg Schärer dem jetzt unmaskierten Täter begegnet. Dort stellte sich dann heraus, dass «der Revolver beim Überfall mit fünf scharfen Schüssen geladen gewesen war».

An die Zeit unmittelbar nach dem Raubüberfall hat Schärer nur noch vage Erinnerungen. Man sei am Montag wieder zur Arbeit erschienen – wie gewöhnlich. Psychologische Begleitmassnahmen waren damals noch kein Thema. Trotzdem glaubt Hansjörg Schärer nicht, dass ihn der Vorfall nachhaltig belastet habe. Bis auf eines: «Seit dem Banküberfall schauen wir den Krimi ‹Tatort› im Fernsehen nicht mehr», sagt Hansjörg Schärers Ehefrau Elisabeth.