Die feierliche Abschiedszeremonie in der katholischen Kirche am 5. Januar sprach für sich. Ein paar Tage später sitzt Yvonne Rodel-Wespi in ihrem Daheim in Niederlenz am Esstisch, vor sich verschiedene Zeichen des Dankes für ihr 20-jähriges Engagement zugunsten der katholischen Kirchgemeinde: Karten, Briefe, Fotos. Die Ikone mit dem Bild der Mutter Gottes, ein Abschiedsgeschenk der Kirchgemeinde, hat im Wohnzimmer bereits einen festen Platz gefunden. Yvonne Rodel streicht mit zwei Fingern sanft über das Heiligenbild und strahlt. «Man hat mir gesagt, ich sei für die Kirche eine Art Mutter gewesen.» Die 68-Jährige freut sich sichtlich über das Kompliment.

Auch die schriftlichen Dankesbezeugungen sprechen alle die gleiche Sprache: Yvonne Rodel war als Person hoch geachtet, ihr Engagement im kirchlichen Gremium wurde sehr geschätzt. «Ich habe die Arbeit mit grosser Freude und viel Herzblut gemacht», bestätigt Rodel. In ihrer Abschiedsrede am Samstag erinnerte sie sich an den schwierigen Start ins Amt am 5. Januar 2003. Das war auf den Tag genau vor 16 Jahren.

Rodel wusste um die Situation in der Kirchgemeinde, seit vier Jahren sass sie damals in der Kirchenpflege. «Vieles lag im Argen, die katholische Kirchgemeinde war am Schlingern, es fehlten klare Strukturen.» Die Stabübergabe durch ihren Vorgänger war kurz und sec. Innerhalb weniger Minuten wanderten eine Reihe prall gefüllter Bundesordner vom Kofferraum eines Autos in den andern. Das wars. «Ich war sprachlos, die Tränen liefen mir vor Enttäuschung übers Gesicht.» Doch aufgeben war für die damals 52-jährige Geschäftsfrau Yvonne Rodel keine Option. Sie hatte gemeinsam mit ihrem Mann ein mittlerweile florierendes Elektrofachgeschäft aufgebaut, führte Haus und Garten und hatte zwei Kinder grossgezogen. «Sie sind ‹guet grote›, hatten ihren Weg gefunden und ich konnte mich Neuem zuwenden», erzählt Rodel. Insofern kam das Kirchenamt im richtigen Moment.

Die Geschäftsfrau krempelte die Ärmel hoch und begann, «die Firma Kirche» nach unternehmerischen Grundsätzen aufzustellen. Dabei habe sie viel Unterstützung aus den kirchlichen Gremien erfahren dürfen. Rodel gelang es, Leute mit der geforderten Fachkompetenz zu gewinnen. «Mitarbeiter sind das höchste Gut im Betrieb. Das ist auch in der Kirchenarbeit nicht anders», ist sie felsenfest überzeugt. Zeitweise stürzte sich Yvonne Rodel derart heftig in die kirchliche Arbeit, dass selbst ihre Familie sie neckte. «Sie nannten mich Kirchenmutti», erzählt die scheidende Präsidentin und lacht herzlich.

Mit Yvonne Rodel verabschiedete sich am Samstag auch John Hoerdt aus Othmarsingen nach 18 Jahren aus der Kirchenpflege, zuletzt amtierte er als Vizepräsident. «Wir hinterlassen eine gut aufgestellte Kirchgemeinde und hoffen, dass das Erbe weitergepflegt wird», sagt Rodel. Den Draht zur Kirche hält die «tief gläubige» Yvonne Rodel weiterhin aufrecht. Sie wurde als Vertreterin des Pastoralraums Lenzburg in den Synodalrat gewählt.