Lenzburg

Edy Binggeli – ein Musiklehrer mit Promi-Status

Edy Binggeli hat seine reizüberfluteten Schüler mit dem Bolero von Ravel gezähmt. Dann hat der Musiklehrer den Jugendlichen die Welt der Klänge eröffnet. Jetzt wird er pensioniert.

«Sagt Ihnen die Zahl 11 000 etwas?» Erst schüttelt Edy Binggeli den Kopf, doch dann überzieht ein wissendes Lachen sein Gesicht. Richtig: Gegen 11 000 Schülerinnen und Schüler haben bei
Edy Binggeli in seiner 38-jährigen Lehrtätigkeit die Schulbank gedrückt.

Seit 1976, also fast vier Jahrzehnte lang, hat Binggeli der Bezirksschuljugend die Musik erklärt, mit ihnen musiziert, den Schülerchor geleitet und dabei keinen Aufwand gescheut. Das hinterlässt Spuren.

Am Ende der Schulzeit macht er mit seinen Schülern jeweils Duzis. Es ist also kaum verwunderlich, wenn Binggelis Partnerin Sabina heute sagt, er werde überall erkannt – «hoi Edy» sei unterwegs seit Jahren überall zu hören, egal wohin man gehe.

Promi-Status in Lenzburg

Geniesst Binggeli den Promi-Status, den er in der Stadt zweifellos hat? Er wiegt den Kopf hin und her, er stört sich am Begriff, dieser entspricht nicht seinem bodenständigen, bescheidenen Naturell. Er sei nicht einer, der die Öffentlichkeit suche, sagt er. Trotzdem konnte er nicht verhindern, dass er als «de Edy» in den vergangenen fast vier Jahrzehnten in der Stadt zu einer Marke geworden ist.

Edy Binggeli kommt aus Frick. Er hat in Wettingen das Lehrerseminar besucht, eine kurze Zeit als Sekundarlehrer gearbeitet. Doch die Musik liess ihn nicht los. Es war seine Klavierlehrerin am Konservatorium in Basel, Elisabeth Dürr, die Frau des Gefängnisdirektors in Lenzburg, die ihn auf die Vakanz an der «Bez» hinwies. «Sie haben mich gar ohne Probelektion angestellt», hält der abtretende Binggeli schmunzelnd fest.

Lenzburg hat sozusagen die Katze im Sack gekauft und dies nicht bereut. Binggeli ist mit seiner Frau und den beiden Kindern hier sesshaft geworden.

Auch aktuelle Songs gesungen

In all den Jahren hat das Rad der Zeit auch vor den Schulstuben nicht haltgemacht. Das Liedgut ist das eine: Da attestieren ihm auch ehemalige Schüler, dass er nebst dem Gesangbuch immer wieder populäre Lieder gebracht habe. Künstler Alain Mieg erinnert sich an Beatles-Songs, die sie einstudiert haben. Mieg gehörte zu Binggelis ersten Schülern in Lenzburg.

Angesprochen auf die Entwicklung der Schulunterrichtsmethoden, sagt Binggeli lakonisch: «Ich weiss, ich bin ein ‹Gestriger›, doch ich bevorzuge nach wie vor den Frontalunterricht.» Die Schüler sitzen in den Bänken, vor ihnen der Musiklehrer vor dem grossen schwarzen Flügel. Das ist Binggelis Werkzeug im Unterricht für den musikalischen Teil. Den bei vielen Schülern weniger beliebten theoretischen Unterrichtsstoff bestreitet er mit weisser Kreide auf einer herkömmlichen Schiefertafel.

Und die Schüler, wie haben sie sich verändert? «Die jungen Menschen, die Pubertät und deren Begleiterscheinungen sind gleich geblieben.» Verändert habe sich jedoch das Verhalten der Schüler. In der heutigen Zeit würden sie mit Reizen überflutet, sind im Dauerstress, können kaum mehr still sitzen.

Binggeli hat dagegen ein Rezept gefunden: Er hört mit ihnen klassische Musik. Zuerst wenige Minuten, mit einer Steigerung auf eine Viertelstunde. «Den Bolero von Maurice Ravel.» Das langsame Stück des französischen Komponisten gehört zur meistgespielten Orchesterliteratur.

Schüler mit Flausen im Kopf

Edy Binggeli weiss, dass die Musikstunde für die Schüler eine Auszeit war von den zählenden Fächern wie Mathematik oder Sprachen – und es auch heute noch manchmal ist, obwohl Singen mittlerweile einen anderen Stellenwert geniesst. Eine vielfältige Unterrichtsgestaltung war und ist ihm wichtig. Der Künstler und ehemalige Schüler Alain Mieg bestätigt: Der Musikunterricht sei ein idealer Ort gewesen, um aufgestauten Prüfungsdruck durch Auffallen und Begriffsstutzigkeit aller Art abzulassen. Ja, die Schüler hätten es ihrem Singlehrer nicht immer leicht gemacht, erinnert er sich. Sie hätten seinen Unterricht gestört, manchmal das Singen boykottiert, mitunter gar böse Streiche gespielt und Binggelis Flügel sabotiert: «Wenn man Watte oder Papier zwischen die Saiten klemmte, hat es nur noch schrecklich geklungen.»

Doch haben alle Schüler, mit denen man spricht, grossen Respekt vor Binggelis unermüdlichem Engagement, der Jugend die Musik näher zu bringen.

Hat auch Berufswahl beeinflusst

Das ging gar so weit, dass junge Menschen sich vom Feu sacré ihres Musiklehrers anstecken liessen: «Seine leidenschaftliche Art, Musik zu vermitteln und zu hören - ich habe mit ihm zahlreiche Konzerte besuchen dürfen - haben mich massgeblich beeinflusst, selber Musik zu studieren», sagt beispielsweise Musiker Reto Anneler.

Die Musik nimmt nebst dem Aufenthalt im Garten und in der freien Natur auch in Edy Binggelis Freizeit eine wichtige Rolle ein. Er sagt: «Da bin ich eher ein Konsument.» Er möge viele Musikstile, je nach Lust und Laune klassisch, Jazz, Volksmusik aus aller Welt und er besucht auch gerne Konzerte. Er wird nun vielleicht auch das lange Zeit verstaut gewesene Akkordeon wieder hervornehmen. Weitere Pläne für die Zukunft hat er noch keine gemacht. Er lässt die Freiheiten des Pensionärsdaseins auf sich zukommen.

Seine Schulstube war die Aula. Ausser dem Einbau neuer Isolationsfenster ist sie unverändert geblieben. Für ein Schulzimmer ist es ein riesiger Raum. Und in dessen Mitte stand immer der Flügel. Hier hat Binggeli 38 Jahre lang gesungen und musiziert.

Während des Gesprächs schrillen plötzlich die Schulhaus-Glocken. Sie kündigen das Ende einer Lektion an. Edy Binggeli stoppt mitten im Satz, hebt den Arm und zeigt Richtung Tür, wo das Klingeln herkommt: «Dieses Geräusch werde ich ganz sicher nicht vermissen.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1