Lenzburg
Drohnen: Das Gefängnis geht gegen die Bedrohung von oben vor

Die Flugroboter können mit Kameras bestückt oder als fliegendes Transportmittel genutzt werden – und werden für Gefängnisse so zum Sicherheitsproblem. In Lenzburg rüstet man sich mit einem Warnsystem gegen die fliegenden Eindringlinge.

Janine Gloor
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Auf der Weide vor der Strafanstalt grasen die Kühe, daneben steht eine Gruppe von etwa zwanzig Personen. Die einen tragen Uniform, andere Anzug oder Funktionskleidung – und alle starren sie in die Luft. Ein Objekt kommt immer näher, das gleichmässige Summen von Rotoren ist zu hören. Plötzlich ertönt ein schriller Pfeifton, der Mann mit der Fernsteuerung macht ein zufriedenes Gesicht. Das von ihm gezeigte Warnsystem für Drohnen hat die Vorführung erfolgreich absolviert.

Eine Drohne im Anflug auf die Strafanstalt. Ohne ein Warnsystem können Drohnen ungehindert über das Gefängnis fliegen und Waren abwerfen.

Eine Drohne im Anflug auf die Strafanstalt. Ohne ein Warnsystem können Drohnen ungehindert über das Gefängnis fliegen und Waren abwerfen.

Janine Gloor

Diese skurrile Szene ist Teil eines hochoffiziellen Aktes: Marcel Ruf, Direktor der Justizvollzugsanstalt Lenzburg, hat zu einem Informationsanlass über Drohnen geladen. Gekommen sind Gäste aus der Schweiz, aus Österreich und Deutschland. Die 72 externen Besucher sind vornehmlich Männer, ihre Namensschilder weisen sie als Leiter von Strafanstalten, Angehörige des Bundesamts für Zivilluftfahrt und Sicherheitsexperten aus. Das Drohnen-Problem beschäftig alle.

Drohnen als Drogenkuriere

Die Flugroboter werden immer kleiner, billiger, die Bedienung immer einfacher. Sie können mit Kameras bestückt oder als fliegendes Transportmittel genutzt werden – und werden für Gefängnisse so zum Sicherheitsproblem. In Deutschland und in den USA sind mehre Fälle bekannt, bei denen mit Drohnen Drogen und andere Waren in Gefängnisse geschmuggelt wurden.

Im Kanton Zug ist vor einem Jahr eine Drohne beim Versuch, ein Handy in ein Gefängnis zu fliegen, abgestürzt. In Lenzburg ist bis jetzt noch kein derartiger Fall bekannt, dennoch will sich das Gefängnis gegen die flinken Flugobjekte rüsten und in eine entsprechende Anlage investieren. Drohnen können nicht nur für Gefängnisse ein Problem darstellen, auch militärische Einrichtungen und Kraftwerke müssen sich überlegen, ob sie Massnahmen ergreifen wollen.

Massnahmen zum Aufspüren und Abwehren von Drohnen werden am Infoanlass von verschiedenen Anbietern vorgestellt. Der theoretische Teil besteht aus einem Vortrag eines ETH-Doktoranden über das Wesen und die Möglichkeiten der Flugroboter. In der Pause drehen sich die Gespräche nur um das eine. «Was ist, wenn die Drohne aussieht wie ein Vogel?», meint ein Herr zu seinem Gegenüber. Nach den Präsentationen geht es nach draussen zum Feldtest.

Wie eingangs beschrieben ist es etwas skurril, wie nun um die Strafanstalt und das Zentralgefängnis mehrere Drohnen aufsteigen. Die Kühe scheint es nicht zu stören, vorbeigehende Passanten machen grosse Augen. Statt der Drohne lösen die Fussgänger Alarm aus, der israelische Drohnendetektor pfeift unaufhörlich. Doch so komisch, wie das Ganze anmutet, ist es nicht, wie Ruf erklärt: «Drohnen sind eine ernstzunehmende Bedrohung. Wir glauben, dass diese in der Zukunft zunehmen wird, und möchten deshalb schon jetzt agieren und in ein entsprechendes System investieren.»

Drohnen: Signale werden gestört

Drohnen können entweder von Hand gesteuert oder via GPS programmiert werden. Warnsysteme entdecken die Drohnen im Anflug mit akustischen oder optischen Sensoren. Mit Laser entstehen unsichtbare Mauern, die jedes eintretende Objekt wahrnehmen. Signale zwischen Fernsteuerung und Drohne können gestört werden, dies benötigt aber gesetzliche Anpassungen und Abnahmen. Das Stören von GPS-Satelliten dagegen ist illegal. Drohnen in nächster Nähe kann man mit einer Netzpistole fangen. (JGL)

Die ständig wiederkehrende Frage, ob Drohnen abgeschossen werden können, ist Ruf leid. Das sei so nah beim Wohnquartier nicht möglich und vor allem illegal. Die vorgestellten Anlagen gehen anders vor (siehe Box). Für welche Lösung sich die Justizvollzugsanstalt Lenzburg entscheiden wird, ist noch nicht klar. Zunächst gilt es – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Sparmassnahmen des Kantons – die Offerten der verschiedenen Anbieter zu prüfen. Ruf rechnet mit Investitionen von 100 000 bis 200 000 Franken. Das Areal mit Netzen und Seilen abzusichern, würde hingegen 2 bis 3 Millionen Franken kosten.

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