Daniel (Name geändert) kam ohne Verteidiger, aber mit einem Begleitbeistand an die Gerichtsverhandlung. Er trug eine graue Trainerhose, weisse Nike-Turnschuhe und einen weissen Kapuzenpullover. Er setzte sich vor die Einzelrichterin, die Jacke lässt er an. Seine Begleitbeiständin nahm auf der Zuschauerbank Platz. Dort sassen auch zwei junge Frauen. Eine von ihnen nahm als Privatklägerin (Zivil- und Strafklägerin) am Prozess teil.

Es ging bei dieser Verhandlung vor dem Bezirksgericht Lenzburg um einen Strafbefehl wegen Diebstahls, den Daniel angefochten hatte. Die Staatsanwaltschaft schildert die Ereignisse folgendermassen: Am 19. April 2017 um 14 Uhr begab sich Daniel in den Personal-Aufenthaltsraum eines Geschäfts in Lenzburg – ohne Erlaubnis. Die Türe zwischen dem Treppenhaus des Geschäfts- und Wohnhauses der Liegenschaft war unverschlossen. Im Aufenthaltsraum nahm Daniel 350 Franken aus dem Portemonnaie der Privatklägerin. Als eine Mitarbeiterin des Geschäfts ihn entdeckte und nachfragte, woher er komme und was er hier mache, wurde Daniel nervös; erklärte, dass er dachte, er würde im Verkaufsladen stehen, und verliess anschliessend das Verkaufsgeschäft mit den entwendeten 350 Franken.

Weil sich Daniel vor zwei Jahren bereits wegen Sachbeschädigung strafbar gemacht hat, fordert die Staatsanwaltschaft eine unbedingte Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 30 Franken. Davon abgezogen wird der eine Tag, den Daniel in Untersuchungshaft verbrachte.

Termin bei der Kesb verpasst

Daniel, Ende Zwanzig, hat zwar eine abgeschlossene Ausbildung als Maler, seit zwei Jahren ist er jedoch arbeitslos. Bis heute hat er Schulden in der Höhe von 50'000 Franken angehäuft, unteranderem Steuerschulden. Am Tag des Diebstahls hätte er einen Termin bei der Kesb gehabt, deren Räumlichkeiten in der Nähe des angeblichen Tatorts liegen. Den Kesb-Termin hatte Daniel aber sausen lassen.

«Ich war zum Zeitpunkt des Diebstahls nicht in Lenzburg», versicherte er dem Gericht. Wo er dann gewesen sei, wollte die Gerichtspräsidentin wissen. «Ich hatte mich am Morgen mit einer Kollegin verabredet und wir haben zusammen gefrühstückt, danach waren wir mit dem Hund spazieren. Nach dem Spaziergang assen wir nochmals was, und dann musste sie an ein Bewerbungsgespräch. Da war es etwa 14 Uhr», erklärte Daniel. Auch nach mehrfachem Nachhaken der Gerichtspräsidentin blieb der Beschuldigte bei seiner Aussage. An gewisse Dinge, wie zum Beispiel wann er für das Frühstück eingekauft oder warum er sich bei der Kesb nicht abgemeldet hat, vermochte er sich nicht mehr zu erinnern. Es sei schon lange her, gab er zu bedenken.

Nachdem die Privatklägerin zu Protokoll gegeben hatte, dass sie keine Zivilklage anstrebe, konnte Daniel nochmals das Wort ergreifen: «Ich weiss nicht, was ich sagen soll. Ich denke darüber nach, eine Verleumdungsklage anzustreben. Obwohl – ich will keinen Stress mehr und will mich auch nicht mehr mit dieser Bürokratie auseinandersetzen.» Bevor die Gerichtspräsidentin sich zurückzieht, richtet Daniels Begleitbeiständin noch ein paar Worte an das Gericht: «Ich glaube Daniel», sagt sie. Ihr Mandant sei vieles; unzuverlässig und chaotisch, aber er sei kein Lügner. Er stehe zu seinen Handlungen, versichert sie dem Gericht.

Freispruch wegen Zweifel

Daniel hat Glück: Es ist – vorbehältlich eines Weiterzugs – vorbei mit der Bürokratie. Die Einzelrichterin sprach ihn gemäss dem Grundsatz «im Zweifel für den Angeklagten» frei. Die Gerichtspräsidentin hält fest: «Es gab drei Augenzeuginnen. Die Mitarbeiterin des Geschäfts war sich anfangs zu 95 Prozent sicher, dass sie Daniel gesehen hat. Später war sie sich aber nur noch zu 80 Prozent sicher. Eine Mitarbeiterin der Kesb hatte ausgesagt, dass es einer von zweien gewesen sein könnte. Und eine dritte Zeugin sagte aus, dass sie zum Tatzeitpunkt mit Daniel zusammen war. In diesem Fall bestehen nicht ganz geringfügige Zweifel an der Schuld des Angeklagten. Folglich spreche ich Daniel frei.»