Eins vorweg: Kaninchenzüchter sind in der Regel nicht Vegetarier. Sie pflegen ein sachliches, unsentimentales Verhältnis zu ihren (Nutz-)Tieren. Wie jemand, der Viehzucht betreibt.

Heinrich Soller, 1938, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg geboren und als Bauernbub in Egnach am Bodensee aufgewachsen: «Wir haben nicht wegen der Schönheit gezüchtet; uns gings ums Fleisch.» In dieser Zeit sei, obwohl nicht von seiner Familie, auch Hunde- und Katzenfleisch verzehrt worden, sagt der Seniorchef der Soller’schen Kaninchenzüchter-Dynastie im Seetal.

Züchter aus allen Schichten

Heinrich Soller hat schon viele Kaninchen-Ämter auf allen Ebenen, im Dorf, im Kanton, aber auch im Nationalen Verband, innegehabt. An der
29. Aargauischen Kantonalen Rammlerschau ist er OK-Chef. Sein Schwiegersohn Jürg Roth präsidiert den lokalen Verein. Aber auch Tochter Ariane Roth, Sohn Max Soller und Enkel Andreas Roth sind engagierte Züchter und zeigen dieses Wochenende ihre schönsten Tiere.

«Bei den Kaninchenzüchtern findet man Leute aus allen Schichten und Berufen. Das finde ich wertvoll», sagt Jürg Roth. Kameradschaft werde beim regelmässigen Bräteln in der Waldhütte gepflegt. Heinrich führte eine Maschinenfabrik, Sohn Max ist Schreiner, Schwiegersohn Jürg Betriebsökonom, Enkel Andreas macht eine Informatikerlehre mit Berufsmatura, und Tochter Ariane ist Vizepräsidentin im Gemeinderat. Für Sollers und Roths ist das «Chüngele» Ausgleich zur Arbeit. Der Zeitaufwand: im Durchschnitt eine bis zwei Stunden pro Tag. «Tierliebe», nennt Jungzüchter Andreas Roth als Motivation, da mitzumachen, «als Kind habe ich gerne mit den Kaninchen gespielt.» Da sei der Schritt zum Jungzüchter naheliegend gewesen, zumal sich die ganze Familie diesem Hobby widmet und sich auch im Verein engagiert.

Mendel oder Intuition

Heinrich Soller war in seiner Jugend Jungzüchter, hat aber erst später wieder, mit den eigenen Kindern, zu diesem Hobby zurückgefunden. Das kommt häufig vor», weiss Franz Käser, Präsident der Aargauer Kaninchenzüchter.

Soller züchtet nach den Regeln der «Mendel’schen Vererbungslehre», aber es gebe auch Züchter, die intuitiv züchten: Versuch und Irrtum. Da pro Jahr zwei Generationen heranwachsen, sehe man das Resultat der Zucht schnell. «Man muss gut beobachten können», sagen die Züchter übereinstimmend. Ziel ist es, dem rassetypischen Idealbild möglichst nahe kommen. Dieses ist denn auch der Massstab bei den Schauen. Nach acht Kriterien bewerten die Richter, ohne Kenntnis des Züchternamens, die Tiere. Auch ist ausgeschlossen, dass sie ihre eigenen Tiere beurteilen. «Gesundheit und Pflege» – das sei die Ehrenposition, sagt Heinrich Soller: «Wer da wegen schmutziger Läufe oder kahler Stellen die zehn Punkte nicht macht, blamiert sich.» Eine anständige Behandlung der Tiere ist unter Züchtern selbstverständlich.

Kaninchenrollbraten

«Am meisten Punkte machen Kaninchen in der Pfanne», relativiert Max Soller lachend die Bedeutung der Schauen. Wenn das Fleisch mundet, herrscht Freude. Ragout, Kaninchenpfeffer, ja sogar Kaninchenbratwürste (mit geräuchertem Kinnbackenspeck vom Schwein) machen Sollers. Und sicher einmal pro Woche komme Kaninchenfleisch auf den Teller.

Die Delikatesse schlechthin aber sei der Kaninchenrollbraten, der auch an der Ausstellung sehr beliebt ist. «Es gibt Leute, die kommen nur wegen des Rollbratens», schmunzelt Heinrich Soller. Und Ariane Roth mag besonders das Leberli.

Auch Felle werden verwertet

Heinrich Sollers Frau Emmi ist für die Tombolapreise an der Rammlerschau zuständig. Sie macht in der Fellgruppe mit und hat für sich grössere Kleidungsstücke genäht, stellt aber auch kleine Sachen wie Tierchen, Schlüsselanhänger aus Kaninchenfell her. «Abfallverwertung», nennt ihr Mann das: Kaninchen werden nicht des Felles wegen gezüchtet. Etwa
25 Tiere haben Sollers zurzeit. Wenn sie Junge haben, sind es 40 bis 50. Jene, die «zuchttechnische» Fehler haben, werden möglichst bald «ausgemerzt». Nein, das Töten sei nichts Schönes, brauche Überwindung, man hat die Tiere täglich gefüttert, sagt Heinrich Soller. Doch gehöre das zur Natur: «Der Mensch ist ein Allesesser.»