Herr Wilhelm, wie unterschieden sich die Auswahlverfahren für den musikalischen Leiter zwischen 1971 und 2012?

Ernst Wilhelm: Als ich mich 1971 meldete, waren wir 15 Konkurrenten – für meine Nachfolge meldeten sich nun 46 Interessierte. Die Konkurrenz unter den hoch talentierten und sehr gut ausgebildeten Musikern ist heute unglaublich gross, das Auswahlverfahren entsprechend aufwändig.

Was reizte Sie an der Tätigkeit im und mit dem Musikverein Lenzburg?

Die Führung eines Chores und eines Orchesters sind zwei völlig verschiedene Aufgaben. Für mich war die Tätigkeit im und mit dem traditionsreichen Musikverein ein Glücksfall, da ich mich schon während meiner musikalischen Ausbildungszeit besonders für die Verbindung von vokalem und instrumentalem Klang interessierte. Die Synthese dieser beiden Gattungen ist eine schwierige Herausforderung.

Wie würden Sie Ihr musikalisches Credo beschreiben?

Was in den Noten steht, ist natürlich die Grundlage. Meine Aufgabe ist der Nachvollzug der Assoziationen des Komponisten – das Notierte mit Leben, mit Emotion, individueller Deutung zu erfüllen und zu gestalten, in der Weise, dass die Zuhörer und die Ausübenden berührt werden. Ich bemängle, dass heute die Tendenz besteht, mit Oberflächlichkeit, «attraktiv und spektakulär» das Publikum zum Staunen zu bringen, ohne es zu berühren. Dies zu erreichen, braucht Zeit und ist ein «missionarisches» Unternehmen. Aber das schönste Erlebnis für den Dirigenten stellt sich dann ein, wenn ihm das Berührende vom Publikum und von den Ausführenden zurückgegeben wird.

Ist das ein erreichbares Ziel mit einem Verein aus Laien?

Verschiedentlich ist es uns gelungen, dies zu erreichen. Natürlich zeigt sich hier das künstlerische Spannungsfeld zwischen dem angestrebten Ideal und dem Möglichen. Ich bin der Ansicht, der beste Dirigent sei derjenige, der die kleinstmögliche Diskrepanz zwischen seiner Idealvorstellung und dem akustischen Resultat schafft. Es ist die faszinierende Aufgabe des Dirigenten, dieses anzustreben – als eine synthetische Arbeit, die Fachkenntnis und -kompetenz, Psychologie und Verständnis für Soziales und Gesellschaftliches einschliesst. Die heute gelegentlich feststellbare Selbstbedienungsmentalität und Genügsamkeit machen das Streben nach diesem Ideal besonders schwierig.

Wo liegen Ihre musikalischen Vorlieben‚ haben sich diese im Laufe Ihrer Tätigkeit verändert?

Im Grundsatz prägt mich die romantische Grundstimmung, die romantische Auffassung der Musik. Mein Traum wäre es gewesen, auch grosse romantische, gefühlsintensive Werke von Johannes Brahms, Anton Bruckner, Felix Mendelssohn usw. aufführen zu können. Von klein her war aber Wolfgang Amadeus Mozart das Zentrum meines musikalischen Lebens – nach den Studien bei Helmut Rilling im Rahmen der Interpretation der Bach-Kantaten «entdeckte» ich zudem meine tiefe Liebe zu Johan Sebastian Bach.

«Musik verstehen» bedingt aber auch die gleichberechtigte Verbindung von Emotion und Ratio, von Gefühl und Verstand.

Zweifellos ist dies richtig, ich habe kein Problem damit. Ich bin im Rahmen meiner Auseinandersetzung mit Bach zum Schluss gekommen, dass auch Bach ein unglaublich emotionaler Komponist war, man denke nur an die Schlusschöre der grossen Passionen, an Mittelsätze aus seinen Instrumentalkonzerten und, und, und. Mir scheint, im Rahmen der historischen, «zeitgerechten» Aufführungspraxis werde das Emotionale zugunsten des Analytischen, Kopflastigen etwas vernachlässigt – mittlerweile gibt es aber Anzeichen für ein allmähliches Umdenken.

Wie halten Sie es mit der «modernen», der zeitgenössischen Musik?

Ich hätte gerne auch diese Stilrichtung etwas mehr berücksichtigt, doch die Anforderungen sind auch für gute Laien im Normalfall sehr hoch. Meiner Ansicht nach befinden wir uns – um H.H. Stuckenschmidt zu zitieren – von wenigen Ausnahmen abgesehen kulturell in einem Wellental, was dazu geführt hat, dass die ernsthafte «moderne» Musik ihre einst grosse Bedeutung in der Gesellschaft eingebüsst hat.

Ihre Tätigkeit war sicherlich mit interessanten Begegnungen verbunden?

Unvergesslich bleibt mir die Begegnung und Zusammenarbeit mit Peter Mieg, vor allem im Rahmen der Uraufführung seiner «Cäciliensuite», die er zum Jubiläum des 150-jährigen Bestehens dem Musikverein widmete – und natürlich auch die «Mieg-Matinee» im Jahre 1976 sowie die Konzerte mit Walter Frei, der mir die barocke Zahlensymbolik Johann Sebas-
tian Bachs nahebrachte, mit Dinorah Varsi, der berühmten Pianistin, die Aufführungen des «Hymnus» des mitanwesenden Komponisten Robert Blum und einer «Missa» von Paul Huber usw. Ebenso unvergessen bleiben die Auslandauftritte des Musikvereins in der Toskana und in Thüringen, in Mühlhausen in der Kirche Divi Blasii, einer der Wirkungsstätten Bachs. Schliesslich inspirierte mich die barocke symbolische Bilderwelt, die wir anlässlich einer Reise des Musikvereins durch Oberschwaben auf uns einwirken liessen, im Hinblick auf die Interpretation barocker Musikwerke, insbesondere des Bachschen Corpus.

Unzweifelhaft kommt der Pflege der Tradition eine grosse Bedeutung zu.

Der Musikverein darf stolz darauf sein, seit 1832 «beständige Musik» (Brahms) zu vermitteln und damit eine für die Gemeinschaft wichtige, identitäts- und sinnstiftende Aufgabe zu erfüllen. Die Pflege einer lebendigen Tradition, insbesondere ihr kulturpädagogischer Aspekt, ist von ebenso grosser Bedeutung wie der musikalische Ehrgeiz der Hochkultur. Gelebte Tradition kann ja auch bedeuten, «neue Traditionen» zu begründen – ich denke da mit Genugtuung daran, dass es uns gelungen ist, die «Schloss-Serenade» in der Jugendfestwoche dieses Jahr zum 40. Male ausrichten zu können, vor allem aber an den Zyklus der «Kommentierten Bach-Kantaten», die wir seit 1981 bereits 34 Mal mit grossem Erfolg einem treuen Publikum zu Gehör bringen durften. Die Vertiefung in dieses epochale musikalisch-spirituelle Werk ist mir zu einem Lebensinhalt geworden – fern aller Routine, immer wieder auf dem Weg zu neuen, berührenden Erlebnissen und Erkenntnissen.

Aus welchen Gründen wählten Sie Mozarts «Waisenhausmesse» für Ihr Abschiedskonzert?

Es ist ein fantastisches Werk, das mir sehr am Herzen liegt und mich immer wieder erstaunt und erschüttert – erstaunt deswegen, weil Mozart dieses Werk mit 12 Jahren schrieb. Es ist ein ernstes, tiefes, gleichzeitig aber spielfreudiges Werk, dessen weiter musikalischer Bogen bis zu den Spätwerken reicht – unglaublich, wie dieser Knabe die musikalischen und inhaltlichen Gegensätze – in einem expressiven, der zeitgenössischen Oper nahestehenden Stil – zu einem gültigen Gesamten verschmolz.

Ihr Abschiedswunsch?

Im Sinne des Diskutierten hoffe ich sehr, dass der Musikverein seine wichtigen kulturellen bzw. musikalischen Aufgaben auch in der Zukunft erfüllen kann und wird. Natürlich würde es mich sehr freuen, wenn auch die «neuen Traditionen» weitergeführt werden könnten.

An welche lustigen Begebenheiten erinnern Sie sich gerne?

Es gab viel zu lachen. Gelegentlich «entfuhren» mir spontane ironisch-sarkastische Sprüche, die mir zur allgemeinen Belustigung stets wieder präsentiert wurden. So mahnte ich in einer Probe den Chor, den Ton schön zu formen, sofern die «Brüggli» beziehungsweise die Zahnprothesen dies zulassen sollten. Unvergesslich bleibt mir auch mein erstes Konzert mit dem Musikverein. Ich besass keinen Frack, sodass ich mir einen solchen mit allem Zubehör in einem Fachgeschäft besorgen musste. Als ich meinen Wunsch äusserte, besah mich der Verkäufer mitleidig von oben herab und fragte mich: «Arbeiten Sie denn im Service oder in der Tonhalle?» Aber auch die Mieg-Matinee 1976, als wir Peter Miegs A-cappella-Vertonung des Psalms 107 «Die mit Schiffen auf dem Meer» einübten und ich ihn auf unsingbare Partien aufmerksam machte, worauf er mir antwortete: «Jesses Gott, Herr Wilhelm, was han ich au do gschribe?», bleibt mir besonders in Erinnerung.

*Hans-Peter Müller war 1975 bis 1985 Präsident des Musikvereins Lenzburg.