Wildegg
Dieses Paar packt an für Gefängnisinsassen, weil es sonst niemand tut

Ein Aargauer Paar setzt sich für Menschen hinter Gittern ein – auch weil er weiss, wie man sich hinter Gefängnismauern fühlt.

Manuel Bühlmann
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Das Wildegger Paar kümmert sich um den Hausrat von Gefängnisinsassen: Isabel Juchli und René Heer in ihrem Lagerraum. Sandra Ardizzone

Das Wildegger Paar kümmert sich um den Hausrat von Gefängnisinsassen: Isabel Juchli und René Heer in ihrem Lagerraum. Sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

Die einzige Tür im Haus ist offen. René Heer sitzt draussen neben dem Eingang, bittet in die Stube. Die Menschen, für die sich Heer und seine Lebenspartnerin Isabel Juchli einsetzen, leben hinter verschlossenen Türen – gezwungenermassen. Das Wildegger Paar hilft im Verein Reform 91 mit, der Gefangene, aber auch deren Eltern, Ehefrauen, Kinder berät und unterstützt.

Das Problem: «Die meisten Angehörigen schämen sich, ziehen sich zurück und holen erst Hilfe, wenn es schon brennt», sagt Isabel Juchli. Ihr Rat: «Getraut euch. Den Kopf in den Sand stecken bringt nichts.» Seit kurzem bietet das Duo einen weiteren Service für Gefangene an: Sie räumen und putzen Wohnungen, machen Inventar – «vom Kaffeelöffeli bis zum TV» – und bewahren alles sicher auf, bis sich die Zellentür für den Besitzer wieder öffnet. Alles zum Selbstkostenpreis, wie sie betonen.

«Der Insasse hat keine Lobby»

Freiwilligenarbeit leistet das Paar auch bei «Reform 91»; beide sind im Vorstand, sie leitet die Theatergruppe. Der Verein, gegründet vor 26 Jahren im Lenzburger Gefängnis, macht sich für die Interessen von Gefangenen stark und auf Missstände im Strafvollzug aufmerksam. «Tatsache ist doch, dass der Insasse keine Lobby hat», sagt Präsident Peter Zimmermann. Das zeigt sich nicht zuletzt bei den Finanzen des Vereins, der auf Spenden angewiesen ist. An der Generalversammlung in einem Oltner Hotel geht ein Béret herum, gesammelt wird für die Saalmiete. Beschlossen wird an jenem Abend, eine gewerkschaftsähnliche Struktur aufzubauen.

Davon verspricht sich der Verein, «stärkere und bessere Möglichkeiten, die Inhaftierten als Partei zu vertreten» – dazu zählt vereinfachter Zugang zu den 32 inhaftierten Mitgliedern. Eine weitere Forderung von Peter Zimmermann und seinem Verein: «Gefangene sollen sich wieder mehr bilden können – vor allem auch politisch. Sie sind zudem als Staatsbürger zu behandeln und mit Blick auf eine Resozialisierung in die Pflicht zu nehmen.»

Genau dort liege allerdings die grosse Schwierigkeit, sagt René Heer. Wer rauskomme, sei auf sich allein gestellt. Der 52-Jährige weiss, was das bedeuten kann. Insgesamt drei Jahre sass er für verschiedene Vergehen hinter Gittern. «Die Entlassenen beginnen wieder bei null, eine riesige Lawine kommt auf sie zu. Das überfordert jeden.» Die Rückfallquote ist hoch. Heers Zeit im Gefängnis liegt Jahrzehnte zurück, seither habe er sich an die Gesetze gehalten. Doch für viele Menschen stünde trotzdem fest: «Einmal kriminell, immer kriminell.» Das habe er zu spüren bekommen, als er vor einigen Jahren nach Wildegg zurückkehrte und ins Elternhaus zog. Im Alltag habe er seine Ruhe, aber in die Beiz gehe er kaum noch.

Gleich beim ersten Treffen erzählte René Heer Isabel Juchli von seiner Vergangenheit im Gefängnis. «Man lernt Menschen am besten anhand ihrer Reaktion kennen», sagt er. «Die meisten Leute gehen auf Distanz.» Isabel Juchli nicht. Die 41-Jährige sagt, sie sei erschrocken, habe von ihm wissen wollen, ob er jemand umgebracht oder verletzt habe. Als er ihre Frage verneinte, war für sie der erste Schock überwunden, das Misstrauen verflog mit der Zeit. Seit 12 Jahren sind sie mittlerweile ein Paar. Beide arbeiteten als Reiseleiter, haben sich inzwischen aber selbstständig gemacht. Auf den weissen T-Shirts, die sie tragen, prangt das Logo ihrer Firma: SNAP & Org. (Swiss Native Adventure Program & Organisation). Sie bieten Transporte, Coachings und Touren an, eine der Rundreisen führt etwa an die Schauplätze der James-Bond-Filme. Daneben nehmen sie sich die Zeit für ihr freiwilliges Engagement. Doch was treibt sie an? «Mit unserer Vergangenheit ist es naheliegend, dass wir uns für Menschen hinter Gittern einsetzen», sagen sie. «Allein lassen darf man sie nicht, das nützt niemandem.»