Kurt Badertscher hatte einen Traum. In seinem Traum ging es um Verena Lehner; eine Frau aus Suhr, wo Badertscher aufgewachsen war. Die Frau ist schon lange tot, der 1950 geborene Badertscher hatte sie nicht mehr erlebt. Aber er hatte die Geschichte dieser Frau schon als Kind von seiner Grossmutter erfahren.

Wahrsagerin oder gar Hexe wurde die Verena Lehner in Suhr genannt. 1929 stand die Frau vor dem Gericht in Aarau. Die Mutter von 16 Kindern soll Kostgänger, die in ihrem Haus im Suhrer Ryntal wohnten, vergiftet haben.

Der Traum beschäftigte Kurt Badertscher noch eine Weile und er beschloss, die Geschichte der Wahrsagerin von Suhr zu recherchieren und aufzuschreiben. Sein Buch «Giftmord. Eine Kriminalgeschichte von 1929» erscheint am 5. April und hat 248 Seiten. «Es ist mein erstes Werk in dieser Länge», sagt Badertscher.

Das Scheitern gehört dazu

Kurt Badertscher schreibt schon lange. «Während der Gewerbeschule habe ich eine Zeitung herausgegeben», sagt er. Vielleicht würde er heute einen Beruf wählen, in dem er seine Faszination für Sprache ausleben könnte. Doch Mitte der 60er-Jahre lernte man einen anständigen Beruf. Aber ein sprachfernes Leben führte er nicht, im Gegenteil.

«Als Lehrer habe ich viel geschrieben», sagt Badertscher. Als Fachlehrer an der Schweizerischen Technischen Fachschule in Winterthur und Erwachsenenbilder hat er viele Texte verfasst. Zwar keine Literarischen. «Aber die Wahl der richtigen Formulierungen ist auch bei der technischen Sprache sehr wichtig», sagt er. «Für Lehrlinge muss man brauchbare Texte schreiben, sonst nützt es nichts.»

Badertscher war schon immer an historischen Themen interessiert und hat für Lenzburg schon mehrmals Texte zur Industriekultur publiziert. Seit bald 50 Jahren schreibt er. «Dazu gehört auch das Scheitern.» Weit unten in einer Schublade liegen noch drei Romane. «Wenn ich die heute lese, spüre ich den Drang, sie zu vernichten.»

Heute ist Kurt Badertscher pensioniert, für sein Buch über Verena Lehner hat er aufwendige Recherchen auf sich genommen. Hat im Staatsarchiv und in den Archiven von Tageszeitungen gewühlt, mehrere hundert Seiten Gerichtsprotokolle gelesen und ist allein und mit Zeitzeugen an die Originalschauplätze zurückgekehrt. Durch seine Recherchen hat Badertscher viele Eckpunkte der Geschichte aufgearbeitet. Doch er hat keinen Bericht erschaffen, sondern die historischen Fakten mit fiktiven Elementen zum Leben erwecken lassen.

Mit einem Sinn für Details lässt er den Leser die Schneeflocke riechen und die nassen Wollsocken der Hebamme spüren, als sie zur Geburt der Wahrsagerin eilt. Er beschreibt die Enge und Engstirnigkeit im Ryntal und die Aufregung an den Prozesstagen in Aarau, als ob er dabeigewesen wäre. «Wenn nichts belegt war, habe ich Annahmen getroffen», sagt er.

Die Wahrsagerin Verena Lehner bestritt vor Gericht alles. Trotzdem wurde sie verurteilt und nach Lenzburg ins Zuchthaus abgeführt. «Ich glaube, dass es sich um einen versteckten Hexenprozess handelte», sagt Badertscher. Verena Lehner hatte 16 Kinder und einen Säufer als Mann, von dem sie sich schrittweise emanzipierte. Das passte nicht ins Frauenbild der Zeit.

«Im Aargauer Tagblatt stand, sie könne mehr als Brot essen», sagt Badertscher. In seinem Kriminalroman trägt er zur Rehabilitation einer Frau bei, die ihrer Umgebung nicht geheuer war und als Hexe über Generationen in den Köpfen der Suhrer herumgeisterte.