Lenzburg

Dieser Mann hat für seine Besuche in Gefängnissen einen anderen Grund, als man annehmen könnte

Peter Schulthess veröffentlicht zwei Bildbände mit Fotografien aus Schweizer Gefängnissen.

Peter Schulthess veröffentlicht zwei Bildbände mit Fotografien aus Schweizer Gefängnissen.

Gefängnisfotograf Peter Schulthess hat schon viele Strafanstalten von innen gesehen. Die JVA Lenzburg ist für ihn aber einzigartig.

Das Lenzburger Gefängnis ist einzigartig. In der Mitte des Fünfsterns, wo alle Flügel zusammenkommen, ist es erstaunlich hell, luftig und laut. Nicht so, wie man es in einem Gefängnis erwartet. Aber wer kennt sich schon mit dem Innenleben von Gefängnissen aus. Peter Schulthess zum Beispiel.

Der Fotograf hat Gefängnisse zu seiner Spezialität gemacht. «Die Stimmung in Lenzburg unterscheidet sich total von anderen Strafanstalten in der Schweiz», sagt er, während er zügigen Schrittes im Herz des Fünfsterns um die Ecke biegt. Sein Ziel ist die Buchbinderei. Hier lässt er einen Schuber für sein neustes Werk herstellen.

In zwei Bildbänden mit dem Namen «Gefängnisse der Schweiz – Prisons en Suisse – Prisons in Switzerland» zeigt Schulthess mit seinen Fotos, wie es in und um die Schweizer Gefängnisse aussieht. Zusammen decken die Bände 40 Institutionen in der Deutschschweiz, Romandie und im Tessin ab, in denen drei Viertel aller Gefangenen einsitzen.

Nichts wird beschönigt oder inszeniert

Peter Schulthess betrat 2002 zum ersten Mal ein Gefängnis. Das Basler «Schällemätteli», das unterdessen abgebrochen wurde, war quasi die Schwester der JVA Lenzburg. Erbaut vom gleichen Architekten zur gleichen Zeit, hatte es einen vierflügeligen Grundriss. «Der visuelle Eindruck, die Gerüche, die Akustik; das hat mich von Anfang an fasziniert», sagt Schulthess.

Als er sich 2005 selbstständig machte, machte er sich zum Gefängnisfotografen der Schweiz. Braucht das Bundesamt für Justiz für sein Magazin «Prison-Info» ein Foto einer Küche, eines vergitterten Fensters oder einer pinken Zelle, hat Schulthess bestimmt eines. «Die Bilder sind erstaunlich hell», sagt JVA-Direktor Marcel Ruf, als er kurz einen Bildband durchblättert. Die rosarote Aussenwand eines welschen Gefängnisses sticht heraus.

Schulthess beschönigt und inszeniert nichts. Menschen sind auf seinen Bildern nur selten zu sehen. Und trotzdem bildet er ihren Alltag im Gefängnis detailgetreu ab. Manchmal sieht es aus, als ob ein Gefangener nur gerade kurz seinen Arbeitsplatz oder seine Zelle verlassen habe.

«So ist es auch», bestätigt Schulthess. Sie hinterlassen ihre Werkzeuge oder eine brennende Zigarette für den Betrachter, der auf wenigen Bildern den ganzen Bereich sieht, wo sich das Leben der Gefangenen abspielt. «Mein Ziel war es, den Schweizerischen Strafvollzug möglichst breit und mit viel Tiefgang abzubilden», fasst Schulthess zusammen.

Seine nüchterne Betrachtung hat auch den Zweck, dass man die einzelnen Anstalten miteinander vergleichen kann. Neben der Schweiz war Schulthess auch schon in Deutschland im Gefängnis und in Portugal, wo er in einem Projekt ebenfalls viele verschiedene Anstalten fotografisch festgehalten hat.

Lenzburg ist sein liebstes Schweizer Gefängnis

In der JVA Lenzburg hängen viele Bilder aus Portugal. «Damit die Gefangenen sehen, wie gut es ihnen hier geht», sagt Schulthess. Er muss es wissen. «In Portugal haben die Gefängnisse ein massives Drogenproblem», sagt er. «Es gibt nahezu keine Einzelzellen und auch keine Arbeit, das heisst nur wenig Abwechslung im Alltag.»

Wenn etwas kaputtgehe, werde es nicht repariert. Die durchschnittliche Dauer des Freiheitsentzugs beträgt sechs Jahre. In der Schweiz sind es drei bis sechs Monate. In der Schweiz ist Lenzburg sein liebstes Gefängnis, falls man das so sagen kann. «Ich kenne die Strafanstalt Lenzburg und ihre Geschichte sehr gut.» Ihm gefällt nicht nur die Ästhetik der einmaligen Architektur, sondern auch die Führungsstruktur, die sich dadurch ergibt.

Direktor Marcel Ruf – «ein ganz feiner Typ», so Schulthess – ist aufgrund der Lage seines Büros nicht abgeschottet von den Gefangenen und dem Vollzugspersonal, sondern im ständigen Kontakt mit ihnen. Und auch sonst sei Lenzburg «piekfein», sauber, ordentlich und wenn etwas kaputt ist, wird es repariert.

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