Christoph Trummer findet viele Gründe, um kein Geld zu haben: Es ist wie eine Droge, weil man nie genug davon haben kann. Ein Hindernis, weil der Besitzer immer darauf achten muss, dass es ihm nicht abhandenkommt, ja gestohlen wird. Geld braucht Zeit, um es anzuhäufen.

«Ohne Geld hat man Zeit», sagt er. «Im Raum der Zeit findet das Leben statt.» Trummer lebt mit 700 Franken im Monat. Er ist kein Sozialfall, sondern verdient sich sein Geld mit Gelegenheitsjobs. Er besitzt ein Handy, ein altes Haus, einen Teetopf und ein zufriedenes Wesen.

Der 59-jährige Aussteiger aus Frutigen im Berner Oberland ist einer der Porträtierten der Ausstellung «Geld» des Stapferhauses, die über das Zusammenspiel von Geld und Glück befragt worden sind. Am Sonntag besucht er die Ausstellung im Zeughaus Lenzburg und erzählt von seiner bewussten Entscheidung, mit wenig Geld zu leben.

Christoph Trummer sei ein Armutsphilosoph, umschreibt ihn Detlef Vögeli, Projektleiter im Stapferhaus. «Er hat eine spannende, bereicherende Lebensgeschichte.»

Ohne Geld in Indien

Der Entscheid, aus dem normalen Leben auszusteigen, geschah in Mumbai: Als der junge Mann durch Indien reiste, wurde ihm in der Millionenstadt alles gestohlen. Zuvor lebte Christoph Trummer in Frutigen. Er ging zur Schule, machte eine Lehre als Elektriker, leistete Armeedienst. «Halt die Sachen, die einem aufgezwungen werden.»

Doch dann ging er «uf und dervo» und landete auf der Strasse in Mumbai. Denn als er keine einzige Rupie mehr besass, lebte er eine Zeit lang in ärmsten Verhältnissen. Natürlich hätte er sofort auf die Schweizer Botschaft gehen können, doch das wollte er bewusst nicht. Trummer ass Essensreste fremder Menschen und kroch, wenn er müde war, wie ein Hund unter einen zerfledderten Karton.

«Plötzlich hat man 24 Stunden Zeit am Tag. Es spielt keine Rolle mehr, ob es Tag oder Nacht ist. Es gibt nur noch eines: die Gegenwart», erzählt er. Damals habe er den Beweis erhalten, ohne Geld leben zu können. Hätte er in Indien nicht ein tiefes spirituelles Erlebnis gehabt, wäre er dort untergetaucht. Stattdessen kehrte er in die Schweiz zurück.

Mit Handy in der Schweiz

Heute lebt er im Engstligental in Frutigen, in einem 400-jährigen Bauernhaus, in dem der Wind im Winter schon mal kräftig durchzieht. Er kocht mit Holz, holt sich das Gemüse in seinem grossen Garten. Immer wieder erhält er Jobs: Gartenarbeiten, Trockenmauern aufbauen. Damit bringt er sich und sogar seine Mitbewohnerin durch. «Wir leben gut», sagt er und lacht, während er in seiner Emailpfanne einen indischen Chai aufbrüht. Trummers klare Augen strahlen. Was ist die Ursache von Glück?

«Die innere Verwirklichung. Materielle Werte erfüllen uns nicht», sagt er. «Ich richte mich spirituell aus, mache Yoga, meditiere.» Regelmässig würden Leute zu ihm kommen, die er in schwierigen Situationen berate. Ein unbezahlter Sozialarbeiter sei er.

Ohne Krankenkasse ins Spital

Kürzlich brauchte er Hilfe: Er musste seinen entzündeten Finger operieren lassen. Weil er keine Krankenkasse hat, bezahlte er die Rechnung selbst. Er lebe ohne existenziellen Ängste, so Christoph Trummer. «Es gibt keine Sicherheit in diesem Leben. Nur etwas ist sicher: der Tod. Der Fluss im Engstligental, die Engstlige, ist sein bester Lehrer: «Er ist stets in Bewegung, in Veränderung.»

In Lenzburg will der Aussteiger seinen Zuhörerinnen und Zuhörern die Botschaft der Einfachheit mitgeben. «Wir müssen zum Wesentlichen zurückfinden, und nicht nur Geld zusammenkratzen. Das macht die Gesellschaft krank.»

Das Leben sei begrenzt. Ein zerbrechlicher Gedanke, den Christoph Trummer unterstreicht: «Ich bin wie eine Feder in der Luft. Ich bin frei.»