Schafisheim
Dieser Aargauer Hausarzt pflegt jetzt Pflanzen

Weshalb Max Beck trotz Abraten der Ärztevereinigung vor bald 30 Jahren in Schafisheim eine Hausarztpraxis eröffnete – und mit seiner unkonventionellen Behandlung Patienten verblüffte.

Ruth Steiner
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SEVERIN BIGLER

Weil Max Beck seine Hausarztpraxis schon übergeben hat und bereits nicht mehr praktiziert, wollte der az-Fotograf zumindest ein Bild mit dem ordentlich gebügelten Arztkittel auf dem Arm des frisch pensionierten Mediziners schiessen. Doch das gibt es bei Max Beck nicht. Und zwar deshalb nicht, weil er gar nie einen dieser typischen Arztkittel getragen hat. 27 Jahre lang haben die Schofiser ihren Hausarzt in lockerer sportlicher Kleidung erlebt.

Auch im Gespräch passt Max Beck so gar nicht ins Klischee, das man von einem der aussterbenden Hausarzt-Spezies hat. Der Mann braucht mitunter markige Worte, wenn er mit der eigenen Zunft verbal ins Gericht geht. Oder mit dem gesellschaftlichen Umfeld. Zum Beispiel dies: Vor wenigen Tagen ist er mit seiner Frau Trix von Schafisheim nach Lenzburg gezogen. In die Stadt, in der er aufgewachsen ist, und wo sein Vater ebenfalls lange Jahre als Hausarzt praktiziert hatte. «Ich habe mich in der freundlichen Gemeinde Schafisheim verabschiedet und bin in Lenzburg kühl und grossstädtisch empfangen worden», zeigt er sich wenig erbaut.

Für das Interview empfängt der 67-Jährige im weitläufigen Garten seines Eigenheims. Das Haus hat er vor bald 25 Jahren zusammen mit seiner Mutter und seinen Geschwistern gebaut. Ein Mehrgenerationenhaus, so war es ihm stets vorgeschwebt. Mit seiner Frau bewohnt er eine Wohnung im Parterre. Zwei seiner vier Töchter sind ebenfalls hierher gezogen, eine dritte folgt in Kürze. Vor wenigen Monaten ist Max Beck Grossvater geworden. Ein Lächeln huscht über das sonst eher ernst wirkende Gesicht. Auch wenn er über das Gärtnern spricht, hellt sich seine Miene auf. In seinem Garten gedeiht es prächtig an diesem schönen Sommermorgen. Die Blumen blühen in allen bunten Farben. Das Hobby betreibt Max Beck nicht erst seit der Pensionierung. Doch ist er nun mehr beim Gärtnern anzutreffen. Neu sind die Hochbeete aus Stahl vor der Terrasse. Das Geschenk seiner Kinder zum neuen Lebensabschnitt freut ihn sehr.

Von Tansania nach Schafisheim

Bevor Max Beck sich in Schafisheim niederliess, war er ab 1986 drei Jahre lang für die Organisation «Solidarmed» in Tansania im Einsatz. Von dort aus hat er die Ärztedichte in der Region Lenzburg abgecheckt, als er sich auf die Rückkehr vorbereitete. Dabei ist er auf Schafisheim gestossen. Dort praktizierte zu dieser Zeit kein Hausarzt. Der Ärztevereinigung hat er kein Gehör geschenkt, als ihm diese vom Schritt abriet, im Dorf eine Praxis zu eröffnen. «Schafisheim sei nicht der ideale Ort, fand die FMH: Gemeint haben sie wohl, da wird man nicht reich», sagt Beck und schmunzelt. Das sei ein Blödsinn, habe er gedacht. Und den Entscheid keinen Moment lang bereut. 1990 hat Max Beck im Obergeschoss der «Eintracht» die Hausarztpraxis eröffnet. Es habe einige Zeit gedauert, bis sich die Schofiser an den Arzt gewöhnt hatten, «der mit dem Velo zur Arbeit fährt, ein linkes Parteibuch hat und die Töchter in die Steiner-Schule schickt», erinnert er sich.

Geduld statt Tabletten

In den Praxisräumen hat eine Zeit lang ein Psychiater mitpraktiziert. Lange Jahre war er dann allein mit einer Medizinischen Praxisassistentin und einer Sekretärin. Die psychologische Betreuung seiner Patienten hat er gleich selber übernommen. Mit Unterstützung seiner Frau. Sie hat 15 Jahre in einem Teilzeitpensum als Psychotherapeutin gearbeitet. Eine Patientin erinnert sich: «Er war einer, der nicht bei jedem Wehwehchen Tabletten verschrieben hat. «Gehen Sie nach Hause und lassen Sie sich Zeit zum Gesunden, war oftmals seine Diagnose.» Max Beck bestätigt dies und erklärt weshalb. Man nehme sich heutzutage einfach die Zeit nicht mehr, der Natur und dem Selbstheilungsprozess den Lauf zu lassen. Es war ihm jedoch ein Anliegen, seine Patienten stets in die Verantwortung über die medizinische Behandlung mit einzubeziehen. Doch dafür müsse der Patient auch gründlich informiert sein über das Krankheitsbild, erklärt er. «Nur wenn der Patient Bescheid weiss, kann er bei der Behandlung mitentscheiden.» Nie habe er ihnen eine Behandlung beispielsweise aus wirtschaftlichen Gründen einfach so aufgedrückt. Eine solche Haltung ging Max Beck total gegen den Strich. Trotzdem: Becks Vorgehen haben nicht alle Klienten goutiert. Beck erinnert sich an jene Patientin, die darob so fuchsteufelswild geworden ist, dass sie den Arzt wechselte. Später sei sie dann reumütig zurückgekehrt mit der Begründung, «der andere war noch viel schlechter als Sie». Derartige Bemerkungen brachten Max Beck nicht in die Sätze.

Beunruhigend findet er hingegen die Kostenentwicklung in der Medizin. Zum einen macht er dafür einen «falsch interpretierten Notfalldienst» verantwortlich. Da würden Untersuchungen gemacht, die bei einer Rückfrage beim Hausarzt möglicherweise gar nicht nötig wären. In dieser Frage verschont Beck auch die Patienten nicht. «Der Patient hat heutzutage andere Ansprüche als früher. Er will viel schneller zum Spezialisten überwiesen werden. Der Druck auf den Arzt, dieses Bedürfnis zu erfüllen, ist hoch.»

Lange Arbeitstage statt hoher Lohn

Max Becks Arbeitsstag begann jeweils um halb sieben Uhr in der Früh, um sieben kam der erste Patient. Die Mittagspause war kurz, ebenso das Znacht daheim mit der Familie. Oft ist er danach noch einmal in die Praxis geradelt und hat weitergearbeitet. Patienten, die in ihrer Not bis vor die Gartentür kamen, hat er nicht abgewiesen. Dabei habe er versucht, seiner Familie gerecht zu werden. Nebst der Arbeit habe es nur die Familie gegeben, betont er. «Kein Serviceclub, keine Hobbys, einzig solche mit Frau und Kindern.» Trotzdem war er dem Vorwurf der Töchter ausgesetzt. «Papa, du arbeitest zu viel.» Vielleicht sei deshalb keine von ihnen «auf die wahnsinnige Idee gekommen, Medizin zu studieren. Ich habe sie auch nicht dazu ermuntert», sagt er und schmunzelt.

Eine dezidierte Meinung hat Max Beck auch, wenn es um die Einkommen der Ärzte geht. Hausärzte hätten eine hohe Präsenz, doch verdienten sie bei zu langer Arbeitszeit grundsätzlich genug. Das Problem sei jedoch, dass sie sich in einem Milieu bewegten, das besser verdiene als sie, sagt er. Damit spricht er die Gilde der Spezialisten an, die finanziell doch um einiges besser dastünden als Hausärzte.

Vor rund fünf Jahren hat Max Beck seine Nachfolgeregelung für die Praxis in Angriff genommen und eine Praxisgemeinschaft gegründet. Vor drei Jahren hat er seine eigene Nachfolge eingeläutet. Per Inserat. Erfolglos. Als er schon fast aufgeben wollte, habe sich ein Deutscher gemeldet. «Dem habe ich gesagt, dass er sich nur vorstellen müsse, wenn er in Schofise zu bleiben gedenke. Rene Bläser war damit einverstanden und führt die Praxis nun mit Vera Arsova, einer Kollegin aus Bulgarien, weiter.»

Als Pensionär ist Max Beck noch ein Frischling. Noch ist er sich nicht ganz sicher, ob er «die Pensionierung tatsächlich auch aushalten kann». Im Moment ist er zuversichtlich. Und sein Blick geht in Richtung des weitläufigen Gartens, in dem er seit kurzem mehr Zeit verbringt und ihn deshalb liebevoll «meinen AHV-Acker» nennt.