Seon

Diese Schüler dürfen schreien und zerren

Hier nützt alles nichts, der Flüchtige kommt nicht vom Fleck.

Hier nützt alles nichts, der Flüchtige kommt nicht vom Fleck.

Im Oberstufentheater in Seon lernen die Schauspieler, was sie machen müssen, wenn sie gerade keinen Text haben.

Manfred Stenz glaubt nicht an Hauptrollen im Schultheater. Beim Stück «spurlos», das der Theaterpädagoge für das Freifach Theater der Oberstufe Seon geschrieben hat, hat er darauf geachtet, dass alle Rollen gleichwertig sind. «Unser Theater ist Teamarbeit, die Stärkeren helfen den Schwächeren.»

Wanderschuhe und Regenjacke

Zur Probe am späten Nachmittag erscheinen die Schülerinnen und Schüler passend zum warmen Frühlingswetter in Röcken und kurzen Hosen. Nach dem Kleiderwechsel für die Probe bietet sich dem Betrachter ein anderes Bild: Luftige Kleidchen wurden durch Funktionsjacken ausgetauscht, die Füsse stecken in schweren Wanderschuhen, grosse Rucksäcke liegen auf der Bühne herum. Das Theaterstück spielt in Island, wo eine Gruppe Jugendlicher im Rahmen eines Experiments ohne Handy und Kontakt zur Aussenwelt auskommen muss.

Als eine Teilnehmerin des Zeltlagers plötzlich verschwindet, spitzt sich die Lage zu. Die Reaktionen der Verbliebenen sind sehr unterschiedlich und zeigen den Zuschauern diverse Aspekte der menschlichen Persönlichkeit, die in dieser schwierigen Situation überdeutlich zum Vorschein kommen. Es ist den Jugendlichen anzusehen, dass ihnen das Theaterspielen Spass macht. Sie geniessen es, wenn sie auf der Bühne schreien oder einander am Rucksack zerren dürfen. Die ruhigeren Szenen meistern sie dagegen problemlos mit dem nötigen Ernst.

Nichts sagen ist auch schwierig

Wer denkt, das Schwierigste am Theater sei, den Text fehlerfrei aufzusagen, irrt. «Text ist nur 40 Prozent des Erfolgs. Viel schwieriger ist, in der Rolle zu bleiben, wenn man gerade nichts sagt», erklärt Spielleiter Stenz. Mit einem Trick lernen die Jungschauspieler, wie sie ihre Konzentration zwischen den Einsätzen halten können. Stenz hat ihnen beigebracht, einen inneren Monolog zu halten. Sie sollen sich vorstellen, was jetzt gerade im Kopf ihrer Rolle vorgeht. So laufen sie nicht Gefahr, unbeteiligt neben den sprechenden Personen zu stehen.

Eine andere Taktik gegen das gedankliche Abschweifen ist, sich mit etwas zu beschäftigen. Bald wird die Bühne von einem Campingplatz in der isländischen Wildnis nicht mehr zu unterscheiden sein. Dann können textlose Minuten mit Wäsche aufhängen, Karten falten und kochen überbrückt werden.

Ein Mädchen hat Angst, an der Aufführung ihren Text zu vergessen, doch ihre Kollegen beruhigen sie. Noch sind kleine Patzer kein Problem, die Schauspieler helfen sich gegenseitig aus oder fragen beim Spielleiter nach. Stenz erzählt von einem Albtraum, in dem er auf der Bühne stand und kein Wort mehr wusste. Ein Mädchen winkt ab: «Ich habe schon das ganze Stück durchgeträumt». Der Traum scheint ohne Komplikationen verlaufen zu sein, ein gutes Omen für die Premiere. JGL

Aufführungen Mittwoch, 29. April, Donnerstag, 30. April. 20 Uhr, Forum Seon.

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