Einfach so die Ohren abbeissen geht nicht!», lacht Performance-Künstler Dominik Lipp (40) und setzt sich zwischen seine etwas anderen «Schoggihasen». Die Hasen glänzen schoggibraun und verlockend in der Frühlingssonne – ganz wie ihre echten Kollegen von Chocolat Frey oder Lindt & Sprüngli. Da kommt Schoggi-Gluscht auf. Und zur Verblüffung der erstaunten Nachbarskinder schmelzen diese Osterhasen nicht an der Sonne. Lipp lacht nochmals. «Das sind eben ‹Ohasen›. Essen kann man sie nicht, dafür sind die ‹Ohasen› haltbar bis mindestens Ende 4014.» Seinen Kunsthasen mit dem Oha-Effekt nennt der sympathische Kunst-Freak deshalb «Ohas».

Der Clou: Lipps künstliche Kunst-Osterhasen sind aus Kunstharz gegossen und nahezu unzerstörbar. «2 Kilogramm Kunstharz statt 600 Gramm Schoggi. Der ‹Ohas› schmilzt auch bei 55 Grad in der Sahara oder in der Wüste Gobi nicht», erklärt Hasen-Künstler Lipp mit einem Augenzwinkern.

Der künstliche Schoggi-Osterhase verblüfft immer wieder neu – und überrascht noch mehr als ein im Garten versteckter Schoggihase. «An Ostern ist er fast mehr Dekoration. Künstlerisch richtig aufblühen tut der gluschtige Performance-Hase erst bei 40 Grad im Schatten an einem Juli-Nachmittag. Oder auf dem zünftig eingeheizten Kachelofen an einem Winterabend.»

Genau solche Momente und Situationen faszinieren Dominik Lipp immer wieder aufs Neue. «In solchen Augenblicken erregt der Osterhase doppelte Aufmerksamkeit – weil er aus dem Kontext herausgerissen ist.»

Doch wie kommt man, auch als kreativer Künstler, auf die Idee, künstliche Osterhasen herzustellen? «Auf einer Kunstwanderung durchs Verzasca-Tal spielte ich bei der hohen Staumauer Bungee-Jumping mit 10 Schoggihasen. Nur ein Schoggihase überlebte diese Performance am Gummitwist-Seil. Der zehnte Hase schmolz auf der Piazza Grande in Locarno übers Kopfsteinpflaster. «Ein Mädchen fragte seine Mutter, ob das eine echter Osterhase sei.» Diese verneinte – der Hase sei nicht echt. Das brachte Dominik Lipp auf die Idee, einen wirklich «unechten» Osterhasen herzustellen. Mit alten Confiserie-Formen begann er zu tüfteln. Und erfand seinen «Ohas». An Ostern 2011 versteckte Lipp einen «Ohas» im Naturmuseum Olten. Der Direktor war begeistert und ein Jahr später wurden seine Hasen offiziell ausgestellt. «Immer wieder haben die Leute Angst, dass meine Hasen in der Sonne oder sonstwo schmelzen.»

Lipp ist nicht nur Hasen-Künstler, sondern auch ein richtiger Kunst-Hase. Sein Genre reicht weit über die plastische Hasen-Kunst hinaus. Dominik Lipp ist im luzernischen Kriens aufgewachsen und hat zwei Lehren absolviert. Eine als Hochbauzeichner, eine als Maurer. An der «Kunsti» (Kunstgewerbeschule) in Luzern absolvierte er den Lehrgang «Bildende Kunst». «Ich bin also diplomierter Künstler», schmunzelt er. Künstlersein ist für Lipp aber Berufung: «Ich will zeichnen, gestalten, machen – ich habe das kreative Element in mir. Kunst ist meine Passion.»

Zum Künstlerberuf hat Dominik Lipp eine durchaus bodenständige Einstellung. «Damit ich Kunst machen kann, muss ich arbeiten. Auf der Baustelle verdiene ich Geld für Farben und Leinwände.» Deshalb gründete er vor einigen Jahren seine eigene Firma «Kunst & Bau Lipp». Drei bis vier Tage in der Woche ist Lipp als selbstständiger Kundenmaurer unterwegs. «In der restlichen Zeit bin ich Künstler.»

Dominik Lipp, der vor acht Jahren von einem Baugerüst zweieinhalb Meter in die Tiefe stürzte und auf den Hinterkopf prallte, einen Schädelbasisbruch sowie fünf Wirbelbrüche erlitt, sieht sich auch als Unternehmer: «Ich möchte Kunst auch aktiv vermitteln.» Mit seinem Künstlerfreund Oliver Ziltener lancierte er unter dem Label «Forward!» den «mobilen Kunstraum». Leer stehende Lokalitäten werden für einige Wochen gemietet und Künstlerinnen und Künstlern zur Verfügung gestellt.

Ab 25. April ist der mobile Kunstraum in einer verlassenen Amag-Garage im luzernischen Oberkirch zu Gast. Zum 40-Jahr-Jubiläum der Kulturkommission Lenzburg gastiert der mobile Kunstraum «Forward!» in Lenzburg. Lipp und Ziltener organisieren eine Gruppen-Ausstellung im Bereich bildnerische sowie Performance-Kunst mit öffentlicher Ausschreibung: «Eingeladen sind alle Künstler, welche in der Region Lenzburg leben, hier ihre Wurzeln oder einen Bezug zur Stadt haben.»

Anerkennung bekommt Lipp auch für seine «Floated Scarred Tissues», meist grossformatige Bilder, auf denen er Ölfarbe von verschiedenen Seiten zu gewebeartigen Mustern zusammenfliessen lässt. Ausgestellt sind Lipps Werke derzeit im Restaurant «Clouds» im «Prime Tower», dem höchsten Zürcher Wolkenkratzer. Zu seinen Arbeiten gehören auch Neu-Interpretationen alter Meister – Bilder von Goya, Manet oder Michelangelo komponiert Lipp mit neuen Farben und Ideen zu neuen Werken um.

Auch als Performance-Künstler sorgt Lipp für Aufsehen, etwa wenn er in der Altstadt von Istanbul Computer-Endlospapier auf einen alten Mühlstein aufrollt. «Performance ist die Kunst des Tuns – als Künstler erzeuge ich eine bildfüllende Handlung», schwärmt Lipp. «Ich bin dann als Maler ohne Pinsel tätig.» Im Mai nimmt der Aargauer Künstler am internationalen Performance-Festival «Friktioner» in Uppsala (Schweden) teil. «Was ich dort mache, ist noch völlig offen. Ich habe keine Ahnung.» Lipp freut sich schon jetzt: «Ich fliege sieben Tage im Voraus nach Schweden und lasse die Stadt auf mich wirken. Die Performance entwickle ich dort ganz spontan.»

Zunächst steht Ostern an. Lipps künstliche Osterhasen erhalten im Garten Auslauf. Mehr als 200 solcher «Ohasen» hat Lipp hergestellt. Würden alle auf den kalorienarmen «Ohas» umsteigen, würde die Osterhasen-Fabrikation in der Schweiz einen gewaltigen Umsatzrückgang hinnehmen müssen. «So weit wollen wir es nicht kommen lassen», lacht der Rupperswiler Künstler, der niemandem die Freude an echten Schoggihasen verderben möchte. «Alle Kinder wären todunglücklich, weil man diese Hasen nicht essen kann.» Lipps Kunsthase bleibt also ein eher seltener Zeitgenosse, bei Kunst- und Oster-Fans ist der «Ohas» aber bereits ein begehrtes Sammlerstück.

Ohasen gibt’s bei Dominik Lipp: 079 333 50 17. www.dominiklipp.net