Lenzburg
Diese Jugendfreundschaft hatte Folgen

Die geerdete Sophie Haemmerli-Marti und der wilde Frank Wedekind prägten einander massgeblich.

Janine Gloor
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Als Erwachsene haben sich ihre Wege kaum noch gekreuzt, doch Franklin Wedekind und Sophie Marti verbrachten eine aufregende gemeinsame Jugendzeit.

Als Erwachsene haben sich ihre Wege kaum noch gekreuzt, doch Franklin Wedekind und Sophie Marti verbrachten eine aufregende gemeinsame Jugendzeit.

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Es waren zwei Kinder aus ganz verschiedenen Häusern, die in den 1870er-Jahren in Lenzburg die Bezirksschule besuchten. Sie kam vom Land, er vom Schloss. Und trotzdem entwickelte sich eine enge Freundschaft zwischen der Bauerntochter Sophie Haemmerli-Marti und dem aus dem Grossbürgertum stammenden Frank Wedekind. Denn sie hatten eine gemeinsame Leidenschaft: das Dichten.

«Diese Konstellation war ein völliger Glücksfall», sagt Hans Ulrich Glarner. Der Lenzburger ist Vorsteher des Amts für Kultur im Kanton Bern. «Da haben sich zwei hochbegabte junge Menschen aus verschiedenen Milieus getroffen und gegenseitig inspiriert.» Glarner hat über die gemeinsame Jugendzeit von Sophie Haemmerli-Marti und Frank – damals noch Franklin genannt – Wedekind ein Referat geschrieben, das er heute Abend an der Schlussfeier zum Jubiläumsjahr der Dichterin vortragen wird.

Ein spezielles Theater

Die Zuschauerinnen und Zuschauer erwartet eine spezielle Darbietung, denn der Text Glarners wird inszeniert. Über zehn Darstellende werden das Vorgetragene in eine szenische Form bringen. Auf der Einladung steht «Theaterproduktion», es darf jedoch nicht mit historischen Kostümen und einem Bühnenbild gerechnet werden. «Es gibt Aufmärsche und Bewegung, manchmal wird ein Lied gesungen oder eine Textstelle wiederholt», sagt Glarner. Der Text werde choreografisch unterstützt. Eine Sophie im Kostüm gab es in Lenzburg dieses Jahr schon. Im Theater der Oberstufe tauchte sie auf und brachte Lenzburg durcheinander. Die heutige Inszenierung ist abstrakter. «Die Regisseurinnen haben einen anderen ästhetischen Akzent.»

Hans Ulrich Glarner hatte sich bisher vor allem mit Frank Wedekind befasst, dem aufmüpfigen Spross einer wohlhabenden Familie. «Ich bin sehr froh, dass ich dank der Einladung der Ortsbürger mit Sophie Haemmerli-Marti konfrontiert wurde», sagt Glarner. Er beschreibt, wie der ungestüme Franklin und die bodenständigere Sophie gemeinsam dichteten und ihren Platz fanden in einer Welt, in der ihr stetig wachsender geistiger Horizont auch von verknöcherten, militärische Disziplin verlangenden Lehrern nicht beschränkt werden konnte. Wedekinds künstlerische Umsetzung dieser Jugendzeit, das Werk «Frühlingserwachen», wurde Weltliteratur.

Sophie Haemmerli

Schlussfeier mit Festschrift

Das Jubiläumsjahr zum 150. Geburtstag von Sophie Haemmerli-Marti ist fast um, doch Projektleiterin Marianne Horner will noch nicht in der Vergangenheit reden. «Es ist ein wunderschönes Projekt», sagt sie. Sie freut sich, dass so viele bereits bestehende kulturelle Anlässe Sophie Haemmerli-Marti in ihr Programm aufgenommen hätten, zum Beispiel die Kinderkantorei, die Musikalischen Begegnungen Lenzburg oder das Oberstufentheater. Horner erhielt in diesem Jahr viele positive Rückmeldungen, die Lenzburger seien stolz auf ihre Dichterin. «Aber auch ausserhalb von Lenzburg gibt es viele Leute, die sich mit Sophie Haemmerli-Marti befassen.» Heute Abend findet um 19 Uhr (Türöffnung 18.30 Uhr) in der Aula der Berufsschule Lenzburg die Schlussfeier des Jubiläumsjahres statt.

Es war ein Jahr voller Poesie, Gesang und Theater. Gewidmet der Frau, die als erstes Mädchen vom Lande die Lenzburger Bezirksschule besuchte und 1928 als erste Frau die Jugendfestrede in der Stadtkirche hielt. An der Schlussfeier findet neben der Theaterproduktion «Eine Begegnung» eine weitere Premiere statt: die Vernissage der Festschrift zum 150. Geburtstag der Dichterin. Sie heisst «In Liebi & Fründschaft» und enthält eine Auswahl an Briefen, Gedichten und Lebenssprüchen. Herausgeberin ist die Stiftung Museum Burghalde, kuratiert wurde sie von Christine von Arx und Marc Philip Seidel. Zusätzlich zum Buch hat Sophie Haemmerli-Marti einen festen Platz in der Dauerausstellung des Museums Burghalde erhalten. (JGL)

Verbunden durch die Literatur

Glarner glaubt, dass Sophie Haemmerli-Marti ohne Wedekind möglicherweise nicht zur Dichterin geworden wäre. Sophie und Franklin haben einander herausgefordert und gefördert. Sie haben Gedichte ausgetauscht, einander übertrumpft und parodiert. «Er stilisierte sie zur Göttin, aber da lachte die geerdete Sophie höchstens», sagt er.

Die beiden Jugendlichen waren füreinander Projektionsflächen, weisse Leinwände, auf denen sie ihr grosses Talent ausprobieren konnten. «Das Medium der jungen Leute war die Literatur. Hier konnten sie philosophieren und waren einander verbunden.» Sophies Vater erlaubte ihr den Umgang mit Wedekinds, wodurch das Mädchen aus Othmarsingen in Salons auf dem Schloss mit den verschiedensten Leuten in Kontakt kam.

Auch während der Aarauer Mittelschulzeit blieben Sophie und Franklin in Kontakt. Mittlerweile siezten sie sich in den Briefen. Eine Liebesbeziehung war es nie, die beiden verband die Liebe zur Poesie. Glarner geht davon aus, dass sie sich als Erwachsene kaum noch sahen. Zu verschieden verliefen ihre Wege. Doch ihre gemeinsame Jugendzeit war prägend für die Mundartdichterin und den Schriftsteller.

Glarner ist froh, dass er sich vertieft mit Sophie Haemmerli-Marti auseinandersetzen konnte. «Ich schätze sie sehr, als Literatin wie auch als Frauenrechtlerin», sagt er. Fortschrittlich sei sie gewesen. Und zeitlos. «Ihre Texte sind nicht blosse Milieu-Schilderungen oder herzige Kinderlieder. Sondern zeitlose Lebensweisheiten, die sie in wunderbar konkrete Bilder fasst. Stets mit einem doppelten Boden.» Die Katzen seien zwar niedlich. Aber sie plagen die Müsli grüsli. «Da ist etwas sehr Realistisches drin.»