Lenzburg
Diese Brüder verloren alles beim Wisa-Gloria-Brand – jetzt sind sie mit ihrer Firma zurück

Vor einem Jahr loderte es im Wisa-Gloria-Areal. Deniz und Timur Sancak haben alles verloren. Aber haben nie ans Aufgeben gedacht.

Janine Gloor
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Das Büro und die Produktionsräume von Deniz und Timur Sancak befanden sich zwischen dem Hauptgebäude und dem Haus aus Holz.

Das Büro und die Produktionsräume von Deniz und Timur Sancak befanden sich zwischen dem Hauptgebäude und dem Haus aus Holz.

Janine Gloor/Mike Barth/Montage_LUK

Als Timur Sancak vom Brand im Wisa-Gloria-Areal hört, durchfährt es ihn heiss. «Habe ich das Bügeleisen ausgesteckt?», fragt er sich. Er hat am Vortag bis spät in die Nacht gearbeitet. Timur Sancak (24) und sein Bruder Deniz (26) haben auf dem Wisa-Gloria-Areal ihr Unternehmen eingemietet und verkaufen T-Shirts ihrer eigenen Modemarke on- und offline.

Es ist der 29. September 2016. Die Brüder fahren vom Wohnort Dottikon nach Lenzburg, im Radio laufen Nachrichten. Grossbrand auf dem Wisa-Gloria-Areal. «Die Fahrt fühlte sich an wie eine Ewigkeit», sagt Timur Sancak heute, genau ein Jahr später. Der Hauswart hatte angerufen, die Feuerwehr brauche den Schlüssel zu einer Tür. «Damals dachte ich, wenn die Tür noch steht, kann ja nicht alles weg sein», sagt Timur Sancak.

Gleich vier Lagerhallen wurden vollständig Opfer der Flammen.
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Mit Unterstützung von vier Feuerwehren aus der Umgebung gelang es den Löschmannschaften, das Hauptgebäude vor den Flammen zu schützen.
Der Schaden an den Gebäuden, deren Räumlichkeiten an verschiedene Privatpersonen und Kleinbetriebe vermietet waren, ist sehr gross.
Die Schadenshöhe lässt sich allerdings noch nicht genau beziffern.
Die Brandursache ist noch unklar.
Dieses Video zeigt den Feuerwehreinsatz beim Wisa Gloria-Gelände in Lenzburg
Bis Donnerstagmorgen konnte die Feuerwehr den Brand unter Kontrolle bringen.
Glücklicherweise gab es bei dem heftigen Brand keine Verletzten, jedoch hohe Sachschäden.

Gleich vier Lagerhallen wurden vollständig Opfer der Flammen.

Kapo AG

Im Gegensatz zu den vier Lagerhallen aus Holz, die neben den Räumen der Sancaks vollständig abbrannten, stand ihr Gebäudeteil noch. Die Mauern waren aus Ziegelsteinen. Je länger das Gespräch über die Ereignisse vor einem Jahr dauert, desto mehr Erinnerungen kommen zurück. Als die Brüder zur Landi zurückkehrten, wo sie parkiert hatten, trafen sie auf einen Nachbarn, der in seinem Schopf Oldtimer und Vespas aufbewahrte. «Und wie siehts aus?», hat dieser gefragt. Die Antwort fiel ihnen nicht leicht. «Da ist nichts mehr.»

Als die Brüder am Abend in ihr Büro durften, mussten sie feststellen, dass nichts mehr zu retten war. «Es war alles nass, voller Russ und Gestank», erinnert sich Deniz Sancak. Kollegen seien angetrabt, um beim Aufräumen zu helfen. Doch es gab nichts zum Aufräumen. Sämtliche Unterlagen in den Ordnern waren aufgequollen, die Kleider im Lager angesengt. Über Timur Sancaks Schreibtisch war das Dach eingestürzt. «Wir standen unter Schock», sagt er. Neben einem Computer und einer Festplatte griff er sich ein Modell des Eiffelturms aus dem Chaos. «Der war gar nicht so wichtig», sagt er. «Aber er war noch ganz.»

Heute steht der Eiffelturm auf dem Sitzungstisch der Brüder. Das Feuer war ein bitterer Rückschlag. «Im Gegensatz zu vielen anderen, die auf dem Areal ihr Hobby betrieben, ging es bei uns um die Lebensgrundlage», sagt Timur Sancak.

In der Wisa Gloria daheim

Aufgeben lag nicht drin. Weg von der Wisa-Gloria ebenfalls nicht. Seit Kindesbeinen kennen sich die Brüder hier aus. Das Areal war der Sitz des Möbelgeschäfts der Eltern. In einem Schuppen schraubten sie als Buben an Töfflis rum. 2012 gründeten sie ihr Unternehmen. «Der Brand hat uns gezwungen, uns neu zu fokussieren», sagt Timur Sancak. Sie spezialisierten sich auf Firmen- und Vereinskleidung mit Aufdrucken und Stickereien. Fanden neue Räume auf dem Areal.

Statt in einem langen Tunnel ohne Fenster ist das Unternehmen jetzt in hohen, hellen Räumen zu Hause. Nachdem sie der Verwaltung tagelang in den Ohren gelegen waren, hatten die Brüder zwei Wochen nach dem Brand die Schlüssel und zogen ein. Nun läuft das Geschäft. Kunden bestellen über das Internet oder kommen in Lenzburg vorbei. «Es war uns wichtig, hier in der Wisa-Gloria zu bleiben», sagt Deniz Sancak.

Draussen zeigen sie, wo sich ihre alten Räume befunden haben. «Hier war mein Schreibtisch», sagt Timur Sancak. An der Wand prangt ganz oben gross der Wisa-Gloria-Schriftzug. Auf halber Höhe sind noch Russspuren zu sehen. «Das Feuer kam von hinten rechts», sagt der ältere Bruder und zeigt Richtung Sägestrasse. Die Brandursache ist bis heute ungeklärt.
Deniz und Timur Sancak sind im Wisa-Gloria-Areal daheim.

Sie können sich noch an den Spielzeugladen im unteren Stock erinnern. Und an die Zeiten, als die ehemalige Produktionshalle noch nicht mit Wänden aufgeteilt wurde. Ihre Jugend und ihr Unternehmen sind mit der ehemaligen Wisa-Gloria verknüpft – und als es brannte, wurden die Brüder zum Phönix.