Schafisheim

Die Verzweiflung des Heimkehrers: Das neue Stück der Freien Bühne überzeugt

Das Mädchen (Alessandra Chies) versucht ohne Erfolg, den Kriegsheimkehrer Beckmann (Sven Berner) zum Aufstehen zu bewegen.

Das Mädchen (Alessandra Chies) versucht ohne Erfolg, den Kriegsheimkehrer Beckmann (Sven Berner) zum Aufstehen zu bewegen.

Die Freie Bühne führt Wolfgang Borcherts Theaterstück «Draussen vor der Tür» auf. Die Premiere des anspruchsvollen Nachkriegsdramas haben Regisseur Cornelis Rutgers und sein Team brillant umgesetzt.

Die Freie Bühne Schafisheim hat immer gehaltvolle Stücke im Programm. «Theater soll unterhalten, aber gleichzeitig auch etwas aussagen», so das Motto des 2013 gegründeten Vereins. Mit «Draussen vor der Tür» von Wolfgang Borchert, uraufgeführt 1947, hat Regisseur Cornelis Rutgers ein anspruchsvolles Nachkriegsdrama ausgesucht, das er und sein Team brillant umsetzen.

Ermordeter ist auch ein Mörder

Die Handlung ist nicht leicht verdaulich: Beckmann kommt nach Hause, nachdem er 1000 Tagen in Kriegsgefangenschaft in Sibirien verbracht hat. Er trägt noch seine Gasmaskenbrille, die alle erschreckt. Immer wieder schlagen Türen zu und Beckmann bleibt draussen stehen: Der Platz neben seiner Frau ist besetzt, ein Oberst will ihn mit einem Anzug wieder zum Menschen machen, der Kabarettdirektor lässt ihn nicht auftreten, weil Wahrheit nichts mit Kunst zu tun habe.

Beckmanns Verzweiflung steigert sich noch, als er einsieht, dass er selbst auch ein Mörder ist. «Wer schützt uns davor, dass wir nicht Mörder werden? Wir werden jeden Tag ermordet und jeden Tag begehen wir einen Mord!», so Beckmanns Erkenntnis am Ende des Stücks.

Obwohl Borchert das Theaterstück unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs geschrieben hat, findet der Regisseur Cornelis Rutgers das Thema hochaktuell. «In der heutigen Zeit mit den vielen Flüchtlingen regt es zu Mitgefühl an und sensibilisiert», erklärte er. Fasziniert ist Rutgers auch von Borcherts Sprache. «Sie ist sehr poetisch und zieht einen richtig hinein. Ich finde sie ‹schaurig schön›.»

Auch für junge Zuschauer zeigt «Draussen vor der Tür» zeitgemässe Themen auf. Der 24-jährige Isidor Kasper, der mit Freunden die Vorstellung besuchte, meinte: «Die Geschichte spielt zwar früher, die Dialoge sind aber sehr aktuell, beispielsweise wenn der Kabarettdirektor sagt, dass die Medien das präsentieren, was die Leute sehen wollen, und nicht die Wahrheit. Auch Krieg, Armut und Hunger gibt es immer noch.»

Viel Ausdruck mit einfachen Mitteln

Fünf Mal spielt die Freie Bühne das Stück im Saal der Rudolf-Steiner-Schule in Schafisheim. Die ersten zwei Vorstellungen fanden am Wochenende statt, drei weitere folgen von Freitag bis Sonntag. Das Bühnenbild ist sehr minimalistisch gehalten, es braucht aber nicht mehr. Die Türe ist das Hauptelement, das in jeder Szene wieder auftaucht.

Ansonsten lebt das Stück von der Sprache und vom Ausdruck der Darsteller und Darstellerinnen. Auch bei den Besuchern kam die Inszenierung sehr gut an. «Mit einfachen Mitteln wird hier sehr viel ausgedrückt», meinte Karl Huss, der extra von Schaffhausen angereist war, um die Vorstellung zu besuchen.

Die eindrückliche Leistung der Schauspieler begeisterte die Theaterbesucher. Besonders gefiel Sven Berner, der die Hauptrolle spielte; auf der Bühne ist Beckmanns Verzweiflung seine eigene. «Ich habe viel Zeit damit verbracht herauszufinden, wie er sich fühlt, und stellte mir vor, wie das für mich selbst wäre», erklärte der 23-Jährige und fügte hinzu: «Besonders angespornt hat mich auch die Herausforderung, Spannung in die tragischen Monologe hineinzubringen.» Das ist ihm wunderbar gelungen.

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