Die Mitteilung der wählerstärksten Partei Lenzburgs überrascht. Da heisst es: Die SVP setze sich gemeinsam mit der FDP für eine bürgerliche Mehrheit im Stadtrat ein und unterstütze Andreas Schmid von der FDP als bürgerlichen Kandidaten für den frei werdenden Sitz im Stadtrat.

Frau Zeller, unmittelbar nachdem Stadträtin Heidi Berner ihren Rücktritt angekündigt hatte, machte die SVP Anstalten, einen zweiten Sitz im Stadtrat beanspruchen zu wollen. Jetzt gibt sie den vakant werdenden Sitz tatsächlich kampflos frei?

Edith Zeller: Es war das erklärte Ziel, den Anspruch eines zweiten Sitzes geltend zu machen. Die SVP war mit entsprechend versierten und erfahrenen Kandidatinnen im Gespräch. Die überraschende Situation, welche sich dann ergab, verlangt eine bedachte und vernünftige Lösung.

Mit den zwei Einwohnerrätinnen Brigitte Vogel, Geschäftsleiterin der Gartenbauschule Niederlenz und Gewerbeschullehrerin, und Myrtha Dössegger, ehemals Präsidentin der Schulpflege der Regionalschule Lenzburg, hätte die SVP zwei aussichtsreiche Frauen in ihren Reihen gehabt. Was ist schiefgelaufen?

Tatsächlich bedauern wir sehr, dass unsere favorisierten Kandidatinnen, in welchen wir grosse Chancen gesehen haben, den Rückzug ansagen mussten. Das Hindernis mit dem Unvereinbarkeitsgesetz war nicht auf den ersten Blick erkennbar und brauchte eine spezialisierte Abklärung. (Anm. der Redaktion: Das vom Grossen Rat und Volk verabschiedete Unvereinbarkeitsgesetz untersagt städtischen Angestellten mit einem Pensum von mehr als 20 Stellenprozenten die gleichzeitige Ausübung des Amts als Stadtrat). Alle Betroffenen waren entsprechend überrascht und auch brüskiert. Der Entscheid, den angestammten Beruf gegen ein Stadtratsmandat zu tauschen, muss äusserst sorgfältig bedacht werden, gibt es doch verschiedene schwerwiegende Abhängigkeiten. Ein solcher Entscheid ist hoch persönlich und es gilt, diesen zu respektieren.

Heidi Berner hat ihren Entschluss bereits Ende Januar bekannt gegeben. Hat die SVP nun ein Vierteljahr gebraucht, um herausfinden, dass sie keine eigene Kandidatur stellen will?

Die Zeit wurde investiert, um die nötigen Abklärungen seriös zu treffen. Zeitdruck hat nicht bestanden, sondern Ziel war, aus der gestellten Situation die richtige Lösung zu finden.

Befürchtet man bei der SVP, ein eigener Kandidat hätte einen zu schweren Stand gegen den Freisinnigen Andreas Schmid gehabt?

Die Rechnung ist einfach, zwei starke bürgerliche Kandidaten/Kandidatinnen teilen die bürgerlichen Stimmen durch zwei. Aus der jetzigen Situation möchten wir die Kräfte bündeln und gemeinsam den berechtigten Anspruch sichern. Im Übrigen hat sich vor ein paar Jahren aus einer ähnlichen Situation die Doppelvertretung Jakob Salm und Martin Stücheli ergeben. Bei jener Wahl stand der mögliche Kandidat der FDP aus beruflichen Gründen nicht zur Verfügung. (Anm. der Redaktion: Bis Ende 2005 war die FDP mit zwei Mitgliedern im Stadtrat. Dann schied Stadtammann Rolf Bachmann aus. Das damalige FDP-Mandat ging kampflos an die SVP)

Die SVP ist mit 26,1 Prozent Wähleranteil die mit Abstand grösste Partei der Stadt. Nun unterstützt sie den Kandidaten der FDP. Ist das nicht ein Armutszeugnis für das politische Schwergewicht Lenzburgs?

Man könnte es auch so sehen: Die Partei zeigt Stärke, wenn aus der gegebenen Situation nicht nur die eigenen Interessen in den Vordergrund gestellt werden, sondern der Sache dienende – zur Stärkung des bürgerlichen Schwergewichts.