Gemeinsam mit dem Kanton Luzern will der Aargau die drei Abwasserreinigungsanlagen im Seetal abschalten und ihre Abwässer der ARA Langmatt in Möriken-Wildegg zuführen. Das zum jetzigen Zeitpunkt auf 140 Millionen Franken geschätzte Projekt betrifft rund 40 Gemeinden mit bald 180'000 Einwohnern von Hochdorf bis an die Aare.

Das Projekt hätte viele Vorteile: Die Zentralisierung verspricht hohe Kostenersparnisse und vor allem würde sie auf einen Schlag Baldeggersee, Hallwilersee und Aabach komplett von Abwässern befreien. Allerdings bedeutet das auch: Läuft in der Super-ARA etwas schief, sind die Konsequenzen grösser, als das in einer kleineren Anlage der Fall wäre.

Neu sind die Dimensionen einer ARA Seetal nicht. So versorgt die ARA Luzern schon heute ebenfalls 180'000 Menschen. Und in Zürich steht mit dem Klärwerk Werdhölzli die grösste ARA der Schweiz: Die 1,2 Kilometer lange Anlage beschäftigt 96 Mitarbeiter, die für die Verarbeitung des Abwassers von rund 457'000 Menschen verantwortlich sind. Wie wird eine grosse ARA gemanagt?

«Mit der Grösse einer Anlage steigt auch ihre Komplexität», sagt Daniel Eberhard, Projektleiter von Entsorgung & Recycling Zürich. So ist etwa die Ozonungsanlage, die der Entfernung von Mikroverunreinigungen dient, nur für grössere Anlagen vorgeschrieben (die ARA Langmatt ist bereits heute so gross, dass sie diese neue Reinigungsstufe bald ebenfalls einbauen muss). Und eine grössere Anlage bedingt auch ein grösseres Kanalisationsnetz. «Hier in Zürich ist es über tausend Kilometer lang. So ein grosses Netz braucht natürlich auch mehr Pumpwerke, um das Wasser stets im Fluss halten zu können. So leiten wir etwa seit der Abschaltung der ARA Glatt deren Abwasser durch einen über fünf Kilometer langen Stollen ins Klärwerk Werdhölzli.»

Ein Problem seien die langen Leitungen nicht, denn Zürich habe eine vorteilhafte Topografie, führt Eberhard aus. «Dank hohen Gefällen wie am Hönggerberg sind bei uns Bilder von riesigen Fettklumpen in der Kanalisation, wie man sie manchmal etwa aus London sieht, undenkbar.»

So grosse Gefälle gibt es im Seetal nicht. «Wir werden uns nicht darauf verlassen können, dass sich die neue Leitung für die ARA Seetal von selber reinigt», sagt Markus Blättler, Geschäftsführer der SWL Energie AG. Sie betreibt die ARA Langmatt und einige umliegende Werke. «Wir werden die Leitungen sicher ab und zu reinigen und warten müssen», sagt Blättler. Noch ist nicht klar, wo genau die Abwasserführung entlanggeht. Eine Möglichkeit ist eine Leitung durch den See. Sie könnte einfach auf den Seegrund gelegt werden. Der Druck vom oberen Seeende würde in der Leitung den nötigen Gegendruck erzeugen, um die Abwasser am unteren Ende wieder hochfliessen zu lassen. «Eine offene Frage ist zur Zeit noch, wie wir Ablagerungen aus dem langen Rohr auf dem Seegrund entfernen könnten», sagt Blättler. Doch sei er zuversichtlich, auch dafür noch eine Lösung zu finden.

Alternativ liesse sich die Leitung auch einem Seeufer entlang führen. Und von Seon aus müsste voraussichtlich etwa bis Eingang Lenzburg eine grosse Leitung verlegt werden. Mit grossen Behinderungen durch Bauarbeiten muss die Region deshalb aber kaum rechnen: «Strassen aufreissen ist relativ teuer und die Einschränkungen für die Bevölkerung gross. Deshalb werden wir wo immer möglich auf Wegränder oder Feldwege ausweichen, wo die Verlegung der Leitungen deutlich einfacher und günstiger ist», sagt Blättler.

Zentralisierung birgt Gefahren

Und die Zusammenlegung von vier ARA zu einer Einzigen? «Grundsätzlich birgt jede Zentralisierung auch Gefahren», sagt Daniel Eberhard von Entsorgung & Recycling Zürich. Für einen Ausfall gebe es deshalb Notfallmassnahmen. So kann im Werdhölzli die Rechenanlage bei einem Stromausfall auch mit einem Dieselaggregator betrieben werden. Die Rechenanlage filtert die gröbsten Verunreinigungen, wie Fäkalien und WC-Papier, aus dem Wasser. Doch die übrigen Reinigungsstufen fallen aus – und das Wasser fliesst weiter in die Limmat.

Zwar gibt es Regenauffangbecken, doch laufen diese nur voll, wenn das Wasser in den Leitungen den nötigen Pegel erreicht. So etwas wie eine Umleitung in die Becken, um bei einer Störung Zeit gewinnen zu können, gibt es nicht: Das Wasser fliesst durch die ARA, egal was passiert. Die Frage, wie viel nur von der Rechenanlage gereinigtes Wasser in Zürich in die Limmat fliesst, beantwortet Eberhard nicht.

Hat eine grosse Anlage gegenüber mehreren kleinen also auch Nachteile? Sicher ist: Fällt im Seetal mit seinen heute drei ARA eine aus, helfen die anderen Kläranlagen auch nichts: Das Wasser lässt sich nicht umleiten. Und wenn die Kleinen überflüssig werden? «An den Standorten werden weiter Anlagen stehen, etwa Regenauffangbecken und Pumpwerke», sagt Markus Blättler.