Morgige Verhandlung
Die Strafe für Thomas N. steht schon fest, die Massnahmen sind noch umstritten

Der Täter sitzt im Gefängnis und ist erstinstanzlich verurteilt. Der Tatablauf ist unbestritten, die lebenslängliche Freiheitsstrafe hat Thomas N. akzeptiert. Sechs Fragen und Antworten zum morgigen Prozess am Aargauer Obergericht.

Andreas Maurer und Noemi Lea Landolt
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Thomas N., der 2015 in Rupperswil vier Menschen tötete.

Thomas N., der 2015 in Rupperswil vier Menschen tötete.

Zeichnung: Marco Tancredi

1. Was fordert Vierfachmörder Thomas N. morgen Donnerstag vor dem Aargauer Obergericht?

Thomas N. hat das Urteil des Lenzburger Bezirksgerichts vom März dieses Jahres mehrheitlich akzeptiert. Die Schuldsprüche und die lebenslängliche Freiheitsstrafe sind rechtskräftig. Seine Verteidigerin Renate Senn hat nur in einem Punkt Berufung eingelegt. Sie ficht die ordentliche Verwahrung an.

Dabei handelt es sich nicht um eine Strafe, sondern um eine Massnahme. Diese soll dafür sorgen, dass der Täter weggesperrt wird, solange er gefährlich ist. Dasselbe gilt allerdings auch für die lebenslängliche Freiheitsstrafe. Die Verwahrung soll die Sicherheit zusätzlich erhöhen. Sollte sie aber aufgehoben werden, würde sich nichts ändern. N. bleibt in Haft, solange er eine Gefahr darstellt. Der Entscheid ist vor allem von symbolischer Bedeutung.

2. Was fordert die Staatsanwaltschaft?

Die Staatsanwaltschaft hat zuerst keine Berufung eingelegt. Hätte die Verteidigerin ebenfalls darauf verzichtet, gäbe es keine zweitinstanzliche Verhandlung. Die Staatsanwaltschaft nutzte aber die Möglichkeit der Anschlussberufung und unternimmt mit ihrer gescheiterten Forderung nach einer lebenslänglichen Verwahrung einen zweiten Anlauf. Im Unterschied zu einer ordentlichen Verwahrung wird dabei nicht regelmässig geprüft, ob der Täter noch eine Gefahr darstellt.

Nur falls neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, kommt eine Entlassung infrage. Zudem verlangt die Staatsanwaltschaft, dass die ambulante Massnahme aufgehoben wird. Dabei handelt es sich um eine Psychotherapie im Gefängnis. Eigentlich kann diese nur angeordnet werden, wenn ein Therapieerfolg innert fünf Jahren zu erwarten ist. Die Gutachter rechnen jedoch mit mehr Zeit. Deshalb hält die Staatsanwaltschaft die Therapie für unzulässig.

3. Wie läuft die Verhandlung am Donnerstag ab?

Zuerst werden die beiden Psychiater Josef Sachs und Elmar Habermeyer befragt. Anschliessend folgen die Parteivorträge von Staatsanwältin Barbara Loppacher und Verteidigerin Renate Senn. Danach zieht sich das Gericht zur Urteilsberatung zurück. Geplant ist, dass das Urteil am Donnerstag mündlich eröffnet wird.

4. Warum kommt Thomas N. nicht an den Prozess?

Das Obergericht hat Thomas N. auf sein Gesuch hin von der Teilnahme an der Verhandlung dispensiert. Die Begründung ist nicht bekannt. Sie dürfte an der Verhandlung zu reden geben.

5. Kommen die Hinterbliebenen an den Prozess?

Markus Leimbacher ist der Anwalt der Eltern der verstorbenen Carla Schauer (†48), deren Bruders und ihres Lebenspartners. Er wird den Prozess vor Obergericht mitverfolgen. «Meine Mandanten werden aber nicht da sein und sich auch nicht öffentlich äussern», sagt er.

6. Ist der Fall Rupperswil nachher abgeschlossen?

Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch Thomas N. können das Urteil des Obergerichts weiterziehen. Dann müsste sich das Bundesgericht mit dem Vierfachmord beschäftigen.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.
45 Bilder
Als die Feuerwehr zu einem Brand in einem Haus an der Lenzhardstrasse ausrückt, können die Einsatzkräfte nicht ahnen, was auf sie zukommt.
In diesem Haus entdecken die Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen.
Wenig später nehmen Ermittler und Spurensicherung ihre Arbeit auf.
Zwei Tage nach den Morden teilt die Polizei mit: Bei den Opfern handelt es sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) ...
... sowie um die Freundin des älteres Sohnes, Simona (†21).
Rupperswil steht unter Schock. Vom Täter fehlt jede Spur.
Die Menschen im Dorf nehmen Anteil am Schicksal der Opfer: Zeichen der Anteilnahme vor dem Haus, in dem die Taten geschahen.
Viele Kerzen beim Haus der Opfer sind für diese angezündet.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnen dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs müssen rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
18. Februar 2016: Staatsanwaltschaft und Polizei informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz. Im Bild Staatsanwältin Barbara Loppacher und Kripo-Chef Markus Gisin.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Mit Flugblättern (in 7 Sprachen) sucht die Polizei nach Zeugen und Hinweisen.
Auf dem Flugblatt ist auch dieses Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, aufgenommen von einer Überwachungskamera: Sie hebt am Tattag um 9.51 Uhr Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind 9850 Franken.
Später veröffentlicht die Polizei auch dieses Bild: Carla Schauer hebt um 10.10 Uhr an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro ab.
April 2016: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst" macht Filmaufnahmen zum Mordfall von Rupperswil. Der Beitrag soll bald ausgestrahlt werden – doch dazu kommt es nicht mehr.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: "Der Täter ist gefasst. Es handelt sich um einen 33-jährigen Schweizer aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist."
Der Starbucks in Aarau: Hier nahm die Polizei Thomas N. fest.
Das ist er: Thomas N., neben dem Haus der Familie Schauer in Rupperswil. (Fotomontage)
Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren. Die Junioren, ihre Familien und die Vereinsmitglieder sind geschockt.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N. zusammen mit seiner Mutter.
Bei Thomas N. zu Hause fand die Polizei diesen Rucksack samt Utensilien. Sie liessen befürchten, dass er eine nächste Tat bereits geplant hatte.
7. September 2017: Staatsanwältin Barbara Loppacher von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhebt Anklage.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird Thomas N. als amtliche Verteidigerin vor Gericht vertreten.
Thomas N. sitzt im Gefängnis Pöschwies in Regensdorf in Haft.
Der Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg fand aus Platzgründen im Polizeigebäude in Schafisheim statt. 65 Medienschaffende und 35 Zuschauer verfolgten ihn.
Den Kopf hat er meist auf seine rechte Hand gestützt, mit Zeigfinger und Daumen hält er sich die Nasenwurzel.
Das Gericht: René Müller (SVP), Margrit Kaufmann (CVP), Schreiber Lukas Fischer, Präsident Daniel Aeschbach (SVP), Marianne Bitterli (SVP), Luca Cirigliano (SP).
Blick in den Gerichtssaal mit dem Angeklagten (rechts aussen).
Thomas N. vor Gericht.
Brief-Ausschnitt: Thomas N. schrieb den Angehörigen einen Brief – aber ohne das Wort "Entschuldigung" zu verwenden. Während des Prozesses wurde dies bekannt.
Thomas N. am ersten Prozesstag: Er spricht deutlich, verliert nie die Fassung.
Staatsanwältin Barbara Loppacher (vorne).
«Ich bin pädophil», sagt der geständige 34-Jährige vor Gericht.
Der vierfache Mörder von Rupperswil AG (Bildmitte) soll verwahrt werden. Das Bezirksgericht Lenzburg verhängte eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und ordnete eine ordentliche Verwahrung an.
Gerichtszeichung von Thomas N. bei der Urteilsverkündung am Freitag.
Gegen das Urteil erhob Thomas N. Berufung. Er wehrte sich gegen die ordentliche Verwahrung. Daraufhin erklärte auch die Staatsanwaltschaft Anschlussberufung: Sie fordert erneut eine lebenslange Verwahrung für den Vierfachmörder.
Am 13. Dezember kam es zum Prozess vor dem Aargauer Obergericht. Dieses entschied, dass der Vierfachmörder von Rupperswil ordentlich verwahrt wird, aber keine ambulante Massnahme (Therapie) erhält.
Thomas N. wohnte der Berufungsverhandlung nicht bei. Sein Gesuch, in dem er darum bat, von den Gerichtsverhandlungen dispensiert zu werden, wurde gutgeheissen.
Staatsanwältin Barbara Loppacher ist zufrieden mit dem Urteil des Obergerichts.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.

SEVERIN BIGLER