Die Suche nach Arbeit führte bis 1970 über eine halbe Million Italiener in die Schweiz. Sie packten ihre Habe in einen Koffer und fuhren mit dem Zug durch den von ihren Landsleuten gebauten Gotthardtunnel in den unbekannten Norden. Für einige endete die Fahrt in Lenzburg. Hier gab es Arbeit in den Fabriken und Werkstätten.

Am Wochenende finden in Lenzburg von Freitag bis Sonntag die ersten Kulturtage statt, die dem Nachbarland Italien gewidmet sind. Das umfangreiche Programm zeigt Italien von verschiedensten Seiten. Wem bei Italien als erstes das Essen in den Sinn kommt, muss sich nicht schämen. Ein Cervelat und eine Salami zieren das Cover der Broschüre.

Ein Symbol für die Begegnung. Gleich mehrere Programmpunkte widmen sich der italienischen Küche, zum Beispiel ein wurstiger Workshop für Fleischesser und Veganer. Ein anderer Programmpunkt heisst einfach «Pasta». Tanz, Bilder, Musik und Spiele stehen ebenfalls auf dem Programm, am Samstagabend spielt eine Band aus Italien.

Austragungsort der Kulturtage, die von der Kulturkommission und verschiedenen Vereinen organisiert werden, ist das Zeughausareal. «Wir wollten ein neues Quartier bespielen», sagt Beatrice Burgherr, Präsidentin der Lenzburger Kulturkommission. Nach dem Wegzug des Stapferhauses bot sich das Zeughausareal an.

Eigentlich wollten sie gar nicht bleiben

Am Samstagnachmittag gibt es Worte von Italienern, Secondas und Schweizern zum Thema Italien-Schweiz. Eine Rednerin ist die Aarauer Soziologin Silvia Dell’Aquila (43). Ihre Eltern sind ein klassisches Beispiel für die Migration aus Italien in die Schweiz. In den Sechzigerjahren kamen sie aus Sizilien nach Lenzburg und arbeiteten in Betrieben in der Region, die heute noch existieren oder bekannt sind.

Seconda: Die Soziologin Silvia Dell’Aquila

Seconda: Die Soziologin Silvia Dell’Aquila

Der Vater war Schreiner, die Mutter Damenschneiderin. «Mein Vater arbeitete zunächst in der Wisa Gloria, danach bei einem Schreiner in Schafisheim», sagt Silvia Dell’Aquila. Die Mutter arbeitete in der Schuhfabrik Fretz und bei Rohner Stoffe. Silvia Dell’Aquila wuchs an der Ringstrasse Nord auf. Eine italienische Exklave. «Dort musste man Italienisch können», sagt sie. Die italienischen Migrantinnen und Migranten bildeten eine enge Gemeinschaft.

Institutionen wie ACLI (Associazione Cristiane Lavoratori Internazionali) oder die Missione Cattolica wurden zur zweiten Heimat. «Man half einander aus.» Sei es aus der Not, aus Heimweh oder weil die Integration damals in der Schweiz kein politisches Ziel war. «Viele dachten zudem, der Aufenthalt in der Schweiz sei nur auf Zeit.» Und dann blieben sie doch. Sahen, wie ihre Kinder zu Schweizerinnen und Schweizern – mit Pass – wurden, während sie selber nach Jahrzehnten nur schlecht Deutsch sprachen.

Als Teenager beschäftigte sich Dell’Aquila wie viele Altersgenossinnen mit der Frage, wo sie denn hingehöre. «Heute bin ich sehr froh, dass ich als Seconda aus zwei Kulturen schöpfen kann.»